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Kapitel 3

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Schleichender Niedergang und kurmainzische Zeit

Kapitel III Geschichte der Stadt Erfurt (16. bis 18. Jahrhundert)


Im ausgehenden 15. Jahrhundert ging die Blütezeit Erfurts dem Ende entgegen. In den Verträgen von Amorbach und Weimar 1483 wurde die Stadt gezwungen, Mainz als Stadtherren und Sachsen als Schutzherren anzuerkennen sowie 200.000 Gulden Kriegsentschädigung zu zahlen. Gleichzeitig war der ertragreiche Fernhandel zurückgegangen. Die sächsische Messestadt Leipzig erhielt 1497/1507 kaiserliche Privilegien und verdrängte die Erfurter Messen. Die extreme Verschuldung führte 1509/10 zum Tollen Jahr von Erfurt mit einem Aufstand der plebejischen Opposition, der u.a. der Obervierherr Heinrich Kellner zum Opfer fiel. Dennoch konnte sich die Stadt noch einmal erholen. Der Waidhandel, seit der Entdeckung Amerikas gefährlicher Konkurrenz (Indigo) ausgesetzt, erlebte im 16. und frühen 17. Jahrhundert eine letzte Blüte. Eine Reihe stattlicher Waidjunkerhäuser dokumentiert dies bis heute: (Zum Goldenen Sternberg 1535, Zur Hohen Lilie 1538, Zum Güldenen Krönbacken 1561, Zum Roten Ochsen 1562, Zum Breiten Herd 1584, Zum Stockfisch 1607). Mit dem Römer auf dem Fischmarkt setzte man 1591 noch einmal ein Zeichen der Selbstständigkeit gegenüber Mainz.

In die Zeit beginnender Stagnation fällt die der höchsten Blüte der Universität. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Alma mater Erfordiensis von der geistigen Erneuerungsbewegung des Humanismus ergriffen und für einige Zeit sogar eines ihrer Zentren. Von 1506 an entwickelte sich der namhafte Humanistenkreis um Mutianus Rufus, Crotus Rubeanus, Ulrich von Hutten, Helius Eobanus Hessus, Justus Jonas und Johannes Lang. Von 1514-1526 bot der Poet Hessus mit dem Haus zur Engelsburg, das dem Universitäts-Rektor Georg Sturtz gehörte, der Bewegung ein Zentrum. Ihr entsprang u.a. eine der wirkungsvollsten Satiren gegen die Scholastik, die Dunkelmännerbriefe (1515/17). Erfurt beherbergte von 1518-1523 auch den berühmten Mathematiker Adam Ries, der hier sein erstes und zweites Rechenbuch veröffentlichte. Durch das rege Geistesleben im "lateinischen Viertel" rund um das "Große Kolleg" (Collegium maius) in der Michaelisstraße wurde das noch junge Buchdruckergewerbe gefördert (1473 einer der ersten Drucke aus Erfurt).

Die einschneidendste religiöse bzw. Geistesbewegung der frühen Neuzeit, die Reformation, hat ebenfalls ihre Wurzeln in Erfurt. Ihr Begründer Martin Luther holte sich seine geistigen und theologischen Grundlagen hier in der Stadt. Der aus Eisleben bzw. Mansfeld stammende Luther war 1501 an der Universität Erfurt immatrikuliert worden und bezog vermutlich die Georgenburse. 1505 erfolgte als Abschluss der Philosophischen Fakultät seine Promotion zum Magister Artium. Auf Wunsch seines Vaters begann er darauf das lukrative Jura-Studium. Bei einer Fußreise nahe dem heutigen Erfurter Vorort Stotternheim wurde er jedoch von einem heftigen Unwetter überrascht und gelobte in höchster Not Mönch zu werden. Am 17. Juli 1505 trat er ins Erfurter Augustinerkloster ein, wurde 1507 im Dom von Weihbischof und Universitätsrektor Johannes Bonemilch von Laasphe zum Priester geweiht. Erst 1511 verließ er die Stadt endgültig Richtung Wittenberg.

Die dort 1517 mit dem berühmten Thesenanschlag einsetzende Reformation fand auch in Erfurt bald viele Anhänger. Der "Reformator Erfurts" Johannes Lang konnte so im April 1521 den zum Reichstag nach Worms reisenden Luther vor begeisterter Bürgerschaft begrüßen. Zugleich suchte der Rat die Entwicklungen der Zeit für sich zu nutzen. Während des Bauernkrieges hatte man 1525 den Bauern die Tore geöffnet und deren Zorn gegen Mainzer und Kircheneinrichtungen lenken können. Fortan blieben jedoch beide Konfessionen in der Stadt vertreten, um die Eintracht im Inneren zu wahren sowie weiterhin zwischen dem katholischen Kurmainz und dem evangelischen Kursachsen im religiös gespaltenen Reich lavieren zu können. Im Hammelburger Vertrag 1530 wurde mit dem Mainzer Erzbischof erstmals für eine Stadt die Bikonfessionalität festgeschrieben (St. Marien, St. Severi und St. Peter blieben dauerhaft katholisch), was in der Reformationsgeschichte bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555 einmalig blieb. Das religiöse Patt und weitere Faktoren sorgten allerdings für einen deutlichen Niedergang der Universität, die mit der 1548/58 von Johann Friedrich dem Großmütigen von Sachsen gegründeten protestantischen Landesuniversität Jena ernsthafte Konkurenz bekommen hatte. Die allmählich dahinsiechende Universität wurde schließlich 1816 geschlossen.

Die relative Stabilisierungsphase war mit dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648 endgültig dahin. Erfurt bekam die Folgen dieses verheerenden Krieges zu spüren, v.a. Nah- und Fernhandel kamen fast völlig zum Erliegen. Plünderungen der Stadt konnten immerhin um den Preis hoher Kontributionen verhindert werden. Die seit 1630 ins Kriegsgeschehen verwickelten Schweden blieben mit einer Unterbrechung die Herren der Stadt (1631-35 und 1637-50). König Gustav II. Adolf von Schweden residierte 1631/32 zeitweilig im Haus Zur Hohen Lilie. Schweden hatte nochmals Hoffnungen auf Unabhängigkeit als Reichsstadt genährt. Auch eine protestantische Reform der Universität unter Johann Matthäus Meyfart wurde kurzzeitig umgesetzt. Diese Bestrebungen scheiterten jedoch bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden 1648. Das Zeitalter des Absolutismus brachte neben Erfurt eine Reihe weiterer bisher autonomer Städte (Münster 1661, Magdeburg 1666, Braunschweig 1671) in die Abhängigkeit ihres Landesherren. Nach langjährigen Reibereien konnte Mainz unter Erzbischof Johann Philipp von Schönborn die belagerte Stadt 1664 zur Kapitulation zwingen.

Die Zeit nach der Mainzer Reduktion ("Rückführung") 1664 war gekennzeichnet durch die Unterwerfung unter das Regiment des Erzbischofes. Oberste Behörde war fortan das Vizedomamt, seit 1675 Regierung genannt. Ihr stand der Vizedom bzw. Statthalter vor. Ein Mittel seiner Herrschaftssicherung war die von 1665 bis 1726 errichtete Zitadelle auf dem Petersberg. Seit dem Dreißigjährigen Krieg hatten Handel und Gewerbe in Erfurt stark gelitten, große Pestepedemien 1682/83 sorgten für weitere Not und einen starken Bevölkerungsrückgang. Daran änderten auch die Bemühungen von Statthaltern wie Philipp Wilhelm von Boineburg (1702-17) nichts. 1705-11 entstanden unter ihm der barocke Waage- und Packhof am Anger, das heutige Angermuseum, und die Statthalterei am Hirschgarten (1711-20), die heutige Thüringer Staatskanzlei.

Der bedeutendste unter den Statthaltern war der spätere Erzbischof und Fürstprimas des Rheinbundes, Karl Theodor von Dalberg (1772-1802). Dalberg machte Erfurt für drei Jahrzehnte zu einem Zentrum der Kultur in Nachbarschaft zur Klassikerstadt Weimar. Er zog Goethe (seit 1776 als Gesandter des Weimarer Herzogs oft in Erfurt), Schiller, Herder, Wieland (1769-72 Professor an der Universität) und Wilhelm von Humboldt in seinen Kreis. Humboldt heiratete 1792 in Erfurt die Tochter des Akademie-Präsidenten Karl Friedrich von Dacheröden, Karoline von Dacheröden. Im Geiste der Aufklärung versuchte Dalberg, das geistige Leben der Stadt selbst anzuheben (u.a. wöchentliche "Assembleen" auch für Bürger in der Statthalterei) und betätigte sich als Förderer der 1754 gegründeten Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt, drittälteste Einrichtung ihrer Art im Reich. Dieser gehörten neben Goethe, Schiller u.a. Prominenten auch der Erfurter Apotheker und Begründer der modernen Pharmazie Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837) sowie Christian Reichart (1685-1775), Vater des Erfurter gewerblichen Gartenbaus, an. In jene Epoche fallen auch die engen Bindungen der Musikerfamilie Bach zu Erfurt, wo sich 1668 die Eltern von Johann Sebastian Bach das Ja-Wort gaben. Als letzter bedeutender Bach-Schüler gilt der Erfurter Johann Christian Kittel, als Bach-"Enkel" Johann Wilhelm Häßler. Eine der bemerkenswertesten Dichterinnen der Zeit, Sidonia Hedwig Zäunemann, lebte ebenfalls in Erfurt. Als bedeutendster Barockmaler Erfurts gilt Jacob Samuel Beck. Mit Christian Gotthilf Salzmann verbrachte einer der Pioniere der modernen Pädagogik wichtige Jahre als Pfarrer der Andreasgemeinde in Erfurt.

(Dr. Steffen Raßloff)


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