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Engelsburg Erfurt

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Die Engelsburg

Humanisten- und Lutherstätte, 1968/2000-2016 Studentenclub/Studentenzentrum Engelsburg, seit 2017 Kulturzentrum Engelsburg


Die Humanistenstätte Engelsburg gehört zu den ältesten Gebäudekomplexen in Erfurt. Sie datiert zurück bis ins 12. Jahrhundert. Ihren Höhepunkt erlebte sie als Sitz des Humanistenkreises um "Poetenkönig" Helius Eobanus Hessus um 1520. Nach diversen Nutzungen konnte 1968 der Studentenclub Engelsburg eröffnet werden. Träger war bis 1990 die Medizinische Akademie Erfurt, danach übernahm der gemeinnützige Verein Studentenzentrum Engelsburg die Betreibung.

Die "Eburg" war nach umfassender Sanierung 1997-2000 mit Gewölbekeller, Café „DuckDich“, Gaststätte „Steinhaus“ und malerischem Biergarten eine der beliebtesten Adressen in der Altstadt. Sie bot, oft in Kooperation mit Universität, Fachhochschule und anderen Partnern, ein breites Veranstaltungsangebot, bei dem auch nichtkommerzielle Kultur zum Zuge kam. Der Symbolort der alten Universität ist Sitz der Universitätsgesellschaft Erfurt.

2016 hat die Stadt Erfurt die Engelsburg unter erhöhten Mietforderungen an einen neuen Betreiber vergeben, was für viel Widerspruch sorgte. Der Umgang mit der Eburg zählte auch zu den Gründen für die Verleihung des kulturpolitischen Anti-Preises Thüringer Kulturtüte 2016. Der neue Betreiber Ben Gutt, Leiter der Musikagentur "Tonkombinat", tut sich in seinem "Kulturzentrum Engelsburg" (April 2017) schwer, den einzigartigen Geist des Ortes zu bewahren. So standen die Studenten zu Beginn des Wintersemesters im Oktober 2017 erstmals vor verschlossenen Türen und musste das "Steinhaus" als gastronomisches Zugpferd der Eburg im November 2017 Insolvenz anmelden.


Humanistenkreis und „Dunkelmännerbriefe“

Der Humanismus steht als große geistige Erneuerungsbewegung an der Schwelle zur Neuzeit. In Erfurt, Sitz der ältesten Universität im heutigen Deutschland (1379), fasste der Humanismus seit dem späten 15. Jahrhundert Fuß. Von 1514 bis 1526 versammelte sich in der „Engelsburg“ der bedeutende Erfurter Humanistenkreis um „Poetenkönig“ Helius Eobanus Hessus. Förderer des Kreises und seit 1515 Besitzer der „Engelsburg“ war der wohlhabende Arzt und Universitäts-Rektor Georg Sturtz. Hier gingen trinkfeste Geselligkeit und humanistische Bildung mit ihrem Rückbezug auf die griechisch-römische Antike eine charakteristische Bindung ein. Der Hessus-Kreis begrüßte auch enthusiastisch die Reformation Martin Luthers, der als Freund von Sturtz und Hessus mehrfach in der Engelsburg zu Gast war.

Dauerhafte Bekanntheit hat der Erfurter Humanistenkreis durch die Dunkelmännerbriefe erlangt, in denen die Kontroverse zwischen Humanisten und konservativen Gelehrten- und Kirchenkreisen kulminierte. Die „Epistolae obscurorum virorum“ (1515/17) stellen eine der treffendsten Satiren gegen die verknöcherte Scholastik und den lasterhaften Klerus des ausgehenden Mittelalters dar. Sie sind während des Streits um den bekannten Humanisten Johannes Reuchlin als fingierte Briefe an dessen Kölner Kontrahenten, den Theologen Ortwin Gratius entstanden. Zwar lassen sich die anonymen Verfasser nicht sicher belegen, doch gelten Crotus Rubeanus aus dem Hessus-Kreis und Ulrich von Hutten als Hauptautoren. Eines der wichtigsten Werke des Humanismus, dessen Titel bis heute für bissig-niveauvolle Satire steht, verbindet sich so mit der Engelsburg, einem Zentrum akademischer Geselligkeit.


Bohlenstube im Haus „Zum schwarzen Ross“

Bohlen- oder Holzstuben waren die beheizbaren Aufenthaltsräume der Wohngebäude, aus denen sich die „gute Stube“ entwickelte. Sie galten zugleich als Zeichen von Wohlstand, waren doch die mobilen Holzeinbauten recht teuer. Die Bohlenstube des „Schwarzen Rosses“ entstand um 1462. Mit der baulichen Veränderung des Gebäudes 1592 wurden u.a. Vorhangmalereien an den Wänden und die bemalte Kassettendecke eingefügt. 1953 erfolgte eine frei interpretierende Restaurierung der Deckenmalereien. Zugleich wurde die früher abgebrochene Ostwand neu errichtet und eine Renaissancetür eingebaut. Dank der von der Universitätsgesellschaft Erfurt initiierten Restaurierung im Jahre 2011 ist die Bohlenstube wieder der Öffentlichkeit zugänglich und kann als Beratungsraum genutzt werden.

Die Bohlenstube mit ihrem Erker zur Kirchhofsgasse (siehe Abb.) galt aufgrund einer Verwechslung lange Zeit als der Treffpunkt des Erfurter Humanistenkreises. Jüngere Forschungen ergaben jedoch, dass die Treffen wahrscheinlich in dem 1952 abgerissenen Haus in der Allerheiligenstraße stattfanden, auf dessen Grundmauern heute der moderne Eingangsbereich steht. Dieses Gebäude trug ursprünglich den Namen „Zur Engelsburg“, der im 20. Jahrhundert auf den gesamten Komplex überging. Auch wenn also die Legende vom „Humanistenerker“ widerlegt ist, zählen die Gebäude der heutigen „Engelsburg“ weiterhin „zu den historisch bedeutendsten Profanbauten Erfurts“ (Christian Misch). Das Anwesen behält seine Aura als Humanistenstätte mit enger Bindung an die älteste Universität Deutschlands. Die Bohlenstube vermittelt einen Eindruck, wie der lebensfrohe Kreis um Helius Eobanus Hessus in unmittelbarer Nachbarschaft tafelte. (Fotos: Studentenzentrum Engelsburg)

(Dr. Steffen Raßloff)


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: Erfurt. Die älteste und jüngste Universität Deutschlands. Erfurt 2014 (2. Auflage 2017).

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Essen 2013. S. 62 f.


Siehe auch: Presseserie zur Engelsburg, Gedenktafel Humanistenstätte, Engelsburg und Universitätsgesellschaft, Denkmal für die Medizinische Akademie, Schautafeln und Film zur Engelsburg, Förderverein Humanistenstätte

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