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Geschichte Thüringens

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Geschichte Thüringens

Der Freistaat Thüringen kann auf 1500 Jahre Landesgeschichte und eine große Kulturtradition zurück blicken.


Zahlreich sind die Attribute, die Thüringen mit Blick auf seine Geschichte beigegeben wurden: "Herzland deutscher Kultur", "Kernland der Reformation", "Heimat der Bache", "Land der Klassik". Die traditionsreiche Kulturlandschaft um Wartburg und Weimar war aber bis ins 20. Jahrhundert hinein kein einheitliches Staatsgebilde, sondern vielmehr Inbegriff deutscher Kleinstaaterei. Dies veranlasste die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, zwar die kulturellen Impulse aus Thüringen für die Nationsbildung zu betonen, zugleich aber dessen unheilvolle Zersplitterung zu geißeln: "Unsere Cultur verdankt ihnen unsäglich viel, unser Staat gar nichts." (Heinrich von Treitschke) Die jüngere Historiographie hat dieses Urteil revidiert, hat auch bedeutende politische, soziale und ökonomische Innovationskräfte herausgearbeitet. Und aus der Perspektive des zwischen 1920 und 1990 schrittweise vereinten Thüringens überwiegt das Positive: Fürstlicher Repräsentationsgeist bescherte dem "Land der Residenzen" prächtige Schlösser, Parks, Museen, Bibliotheken und Theater in einmaliger Dichte, machte es zum Synonym des Landes der Dichter und Denker.

Thüringen gilt mithin, ungeachtet sich wandelnder Bewertungen dieses Umstandes, als das Musterland der lange so charakteristischen territorialen Zersplitterung Deutschlands. Das mittelalterliche Kaisertum war allmählich zugunsten der Regionalmächte bis hin zu deren faktischer Unabhängigkeit nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48) geschwächt worden. Einigen Gebieten insbesondere Südwest- und Mitteldeutschlands bescherte dies zahlreiche weltliche und kirchliche "Duodezfürsten" auf engstem Raum. In Thüringen nahm die Zersplitterung besonders extreme Formen mit zeitweise bis zu 30 staatlichen Gebilden an und hielt sich so lange wie in keiner anderen Region. Allerdings gab es zwei glanzvolle historische Bezugspunkte, die Thüringen über die Jahrhunderte der Kleinstaaterei hinweg im kollektiven Bewusstsein verankerten: das frühmittelalterliche Königreich der Thüringer und die Landgrafschaft Thüringen der Ludowinger.


Vom Königreich zur Landgrafschaft

Der im Zuge der frühen Völkerwanderung möglicherweise aus den Germanenstämmen der Hermunduren, Angeln und Warnen hervorgegangene Stamm der Thüringer wird um 380 beim römischen Autor Vegetius Renatus erstmals erwähnt. Den "Thoringi" gelang im 5. Jh. die Bildung eines mächtigen Königreiches. Es dehnte sich über einen kleineren Siedlungskern hinaus von Altmark und Elbe bis hin zu Werra und Donau aus. Als wichtiger Machtfaktor des spätantik-germanischen Europas war es u.a. mit dem Ostgotenreich Theoderichs des Großen verbündet. Familienbande führten 510 die Theoderich-Nichte Amalaberga an die Seite des Thüringer-Königs Herminafrid. Nach dem Tode Theoderichs (526) unterlagen die Thüringer jedoch 531 in einer vernichtenden Schlacht an der Unstrut den Heeren der Franken und Sachsen; 534 fiel Herminafrid einem Mordanschlag zum Opfer. Damit schied Thüringen als selbständiger Akteur von der historischen Bühne.

Thüringen wurde nun Bestandteil des fränkischen Reiches der Merowinger-Könige. Unter dem aufstrebenden Hausmeiergeschlecht der Karolinger, seit 751 Könige im Frankenreich, beschleunigte sich die im 6. Jh. einsetzende Christianisierung. Sie fand mit der Gründung des (bald an Mainz angegliederten) Bistums Erfurt durch den Missionar Bonifatius 742 einen ersten Abschluss. Aus dem östlichen Teil des Frankenreiches bildete sich seit Mitte des 9. Jh. allmählich das Deutsche Reich heraus. Unter den ottonisch-sächsischen Königen (919-1024) stellte Thüringen eine der wichtigsten Stützen der Zentralmacht dar. Diese Königsnähe ging unter den rheinischen Saliern (1024-1125) wieder verloren und es begann der Aufstieg jenes einheimischen Geschlechtes, das in der Stauferzeit (1138-1254) als Landgrafen von Thüringen (1131-1247) große Bedeutung erlangen sollte.

Die nach dem Vornamen ihrer erstgeborenen männlichen Vertreter bezeichneten Ludowinger stammten aus dem Fränkischen und hatten sich unter Ludwig dem Bärtigen um 1040 im Raum Friedrichroda angesiedelt. Seinem Sohn Ludwig dem Springer (1080-1123), legendärer Gründer der Wartburg, der Neuenburg und des Klosters Reinhardsbrunn, gelang der Ausbau der verstreuten Güter- und Herrschaftskomplexe in Thüringen. Durch Erbschaft erreichte wiederum sein Sohn Ludwig die Ausdehnung des Besitzes nach Hessen.

1131 wurde dieser als Ludwig I. (1131-1140) mit der von Kaiser Lothar von Supplinburg neu geschaffenen Landgrafenwürde von Thüringen belehnt. Bald zählten die Ludowinger, die Herrschaft und Landfrieden sichern sollten, zu den mächtigsten Reichsfürsten. Ludwig II. (1140-1172) festigte die Bindung an das staufische Kaiserhaus u.a. durch die Heirat einer Halbschwester Friedrich Barbarossas. Unter Ludwig III. (1172-1190) erreichte die Landgrafschaft im Zuge der Entmachtung des Welfenherzogs Heinrich der Löwe (1180/81) erneut erheblichen Bedeutungszuwachs. Den glanzvollen Höhepunkt bildete die Regentschaft Hermanns I. (1190-1217); mit seinem Namen ist der sagenhafte "Sängerkrieg auf der Wartburg" (1206/07) verbunden, Symbol für die am Landgrafenhof gepflegte ritterlich-höfische Adelskultur (Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Veldeke). Ludwig IV., der Heilige (1217-1227) ist bis heute als Gemahl der Heiligen Elisabeth in Erinnerung geblieben.

Die Erhebung von Ludwigs Nachfolger Heinrich Raspe (1227-1247) zum deutschen König 1246 bedeutete allerdings keinen krönenden Gipfelpunkt. Nicht nur, dass sich Heinrichs Gegenkönigtum ("Pfaffenkönig") gegen den Staufer Friedrich II. in keiner Weise durchsetzen konnte, schon 1247 erlosch mit seinem Tode das Ludowingergeschlecht im Mannesstamm. Ein blutiger Erbfolgekrieg endete 1264 mit der Teilung der Landgrafschaft in eine hessische und thüringische Hälfte. Die thüringische Landgrafschaft fiel an die Markgrafen von Meißen aus dem Geschlecht der Wettiner.


Thüringer Kleinstaatenwelt

Die Wettiner herrschten im Spätmittelalter über einen mächtigen, teils weit über das heutige Sachsen, Thüringen und südliche Sachsen-Anhalt hinausreichenden Länderkomplex. 1423 wurden sie durch die Belehnung mit dem Herzogtum Sachsen (Wittenberg) in den Kurfürstenstand erhoben. Auch in Thüringen konnten sie ihre Besitzungen erweitern (Altenburg, Coburg, Weimar) und sich nach dem thüringischen Grafenkrieg 1342-1346 als stärkste Kraft etablieren. Erbteilungen splitterten allerdings den wettinischen Gesamtbesitz immer wieder auf, bis die "Leipziger Teilung" 1485 unter den Brüdern Ernst und Albrecht zur dauerhaften Aufspaltung in eine ernestinische (thüringische) und albertinische (sächsische) Linie führte.

Zunächst hatten die Ernestiner mit Wittenberg auch die Kurfürstenwürde inne. Im Schmalkaldischen Krieg ging diese nach der Niederlage gegen den Kaiser und Herzog Moritz in der Schlacht bei Mühlberg 1547 jedoch an die Albertiner über. Diesen gelang hinfort die Entwicklung des Kurfürstentums (ab 1806 Königreichs) Sachsen zu einem einheitlichen Territorialstaat mit der Hauptstadt Dresden. Ganz anders die zunächst in Weimar residierenden ernestinischen Herzöge: Beginnend mit der Erfurter Teilung 1572 splitterte sich ihr Besitzstand in zeitweise bis zu zehn Einzelherrschaften auf (Eisenach, Jena, Hildburghausen, Eisenberg, Saalfeld, Römhild). Nach einer letzten Umstrukturierung im Jahre 1826 bestanden bis 1918 die Herzogtümer Sachsen-Weimar-Eisenach (seit 1815 Großherzogtum), Sachsen-Coburg und Gotha, Sachsen-Meiningen und Sachsen-Altenburg.

Neben den Wettinern gelang es zwei weiteren Adelsgeschlechtern, sich dauerhaft als Landesherren zu etablieren. Die seit dem 12. Jh. nachgewiesenen Reußen in Ostthüringen wurden 1673 in den Reichsgrafenstand und ab 1778 in den Reichsfürstenstand erhoben. Sie hatten ihre Ländereien phasenweise in zahlreiche Kleinstgebilde aufgeteilt (Schleiz, Lobenstein, Ebersdorf, Hirschberg, Saalburg, Burgk, Dölau, Rothenthal). Die letzte Umgruppierung 1848 ergab die Fürstentümer Reuß ältere Linie (Greiz) und Reuß jüngere Linie (Gera). Der Besitz der bis ins 8. Jh. zurückgehenden und 1697 in den Reichsfürstenstand erhobenen Schwarzburger, benannt nach ihrem Stammsitz im Thüringer Wald, unterteilte sich seit 1599 in die Linien Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Rudolstadt. Weitere Zersplitterungen blieben aus, nur im 17. Jh. kam es zur Bildung von Nebenlinien (Arnstadt, Ebeleben). Graf Günther von Schwarzburg gelangte neben dem Ludowinger Heinrich Raspe als einziger Thüringer zu freilich ebenso kurzen wie folgenlosen Königswürden (1349).

Der Großteil Thüringens wurde also über Jahrhunderte von drei Herrscherhäusern geprägt. Hinzu kamen jedoch weitere Bestandteile: die Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen, die hessische Herrschaft Schmalkalden, die Ländereien des Kurfürsten von Mainz (Erfurt, Eichsfeld) sowie albertinische Gebiete zwischen Langensalza und Naumburg, um Suhl, Schleusingen und Ziegenrück. Der alte thüringische Zentralort Erfurt ragte als eine der größten deutschen Städte des Mittelalters, als Handels- und Kulturmetropole deutlich heraus. Erfurt hatte seit der Mitte des 13. Jh. reichsstadtähnliche Autonomie erlangt und bildete mit seinem Landgebiet auch einen Machtfaktor. Nach der Unterwerfung durch den Landesherren 1664 blieb es Sitz eines kurmainzischen Statthalters. Genannt seien noch die mächtigen Grafen von Henneberg in Südwestthüringen, die jedoch 1583 ausstarben und deren Besitzungen an die Wettiner übergingen.

Während sich die Kleinstaaten selbst über alle Flurbereinigungen zwischen Französischer Revolution und Wiener Kongress 1789-1815 hinüberretten konnten, gingen Teile der übrigen Gebiete (Erfurt, Eichsfeld, Nordhausen, Mühlhausen) 1802 im Königreich Preußen auf. Nach dessen Niederlage gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 und der französischen Besatzungszeit bis 1813/14 wurden sie einschließlich der kursächsischen Gebiete endgültig Preußen zugeschlagen. Thüringen war nunmehr zweigeteilt in einen kleinstaatlichen und einen preußischen Bereich, dessen Kern der 1816 gebildete Regierungsbezirk Erfurt in der Provinz Sachsen bildete; zum "preußischen Thüringen" zählten aber auch der Kreis Schmalkalden (Provinz Hessen-Nassau, seit 1866) sowie nach zeitgenössischem Verständnis Teile des Regierungsbezirkes Merseburg (Sangerhausen, Eckartsberga, Querfurt, Weißenfels, Naumburg und Zeitz).

An diesen Verhältnissen änderte die Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 nichts. Der neue föderale Nationalstaat vereinte 22 Monarchien, drei Hansestädte und das Reichsland Elsass-Lothringen, wobei sich im thüringischen Raum nunmehr fast ein Drittel aller souveränen Fürsten (Bismarcks "Zaunkönige") drängte. Die deutsche Hegemonialmacht Preußen gewann in Thüringen eine immer stärkere Stellung; von ihr gingen wichtige ökonomische Impulse aus, sie übernahm das Eisenbahnnetz, trieb die Modernisierung von Recht, Verwaltung und Bildung voran und besaß in fast allen Kleinstaaten Garnisonen. Trotz teilweiser politischer Rückschrittlichkeit führte dies zusammen mit dem Nimbus der Reichseinigungsmacht zur Entstehung eines preußischen Landespatriotismus in den entsprechenden Gebieten.


Kulturland Thüringen

Die historische Bedeutung Thüringens liegt v.a. im kulturellen Bereich. Als Kernland der 1517 mit dem Wittenberger Thesenanschlag einsetzenden Reformation ist es eng mit Martin Luther verbunden. Luther besuchte 1501-05 die seinerzeit führende Universität Erfurt, mit ihrem Gründungsprivileg von 1379 die älteste im heutigen Thüringen, und lebte bis zu seiner Übersiedlung nach Wittenberg 1511 als Mönch im dortigen Augustinerkloster. Kurfürst Friedrich der Weise (1486-1525) wurde zum Schutzherrn Luthers und ließ ihn 1521/22 auf der Wartburg in Sicherheit bringen, wo der Reformator das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Friedrichs Neffe Johann Friedrich ("Hanfried") gründete 1548 als Ersatz für die 1547 an die Albertiner verlorene Wittenberger Universität (1502) die "Hohe Schule" (1558 Universität) in Jena, die sich zur protestantischen Landesuniversität entwickelte.

Die weitverzweigte Bach-Familie hat ihre Heimat ebenfalls in Thüringen; Johann Sebastian Bach wurde 1685 in Eisenach geboren und bekam in Arnstadt, Mühlhausen und Weimar erste Anstellungen. Eine Reihe weiterer Namen vom Mystiker Meister Eckhart und Thomas Müntzer, Führer des Bauernkriegs in Thüringen (1525), über Lucas Cranach und Heinrich Schütz bis hin zu Ernst Haeckel, Carl Zeiss, Ernst Abbe, Ernst Barlach, Friedrich Nietzsche, Henry van de Velde oder Walter Gropius wären zu nennen.

Das Bild der Kulturlandschaft Thüringen wird freilich am stärksten von der "Weimarer Klassik" bzw. "Goethezeit" (1775-1832) geprägt, dem "Goldenen Zeitalter" in Sachsen-Weimar-Eisenach. Der "Musenhof" von Herzogin Anna Amalia und die Regentschaft ihres Sohnes Carl August (1775-1828) hatten zahlreiche Geistesgrößen der Zeit ins "Ilm-Athen" geführt: neben dem "Dichterfürsten" Johann Wolfgang Goethe u.a. Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Herder und Friedrich Schiller. Parallel hierzu bildete die Universität Jena, an der Schiller 1789-93 als Professor wirkte, ein Zentrum der idealistischen Philosophie (Fichte, Schelling, Hegel) und der Frühromantik (Schlegel, Tieck, Brentano, Novalis).

Sachsen-Weimar erlebte später ein "Silbernes Zeitalter" unter Großherzog Carl Alexander (1853-1901) mit dem Wirken Franz Liszts, der Pflege des "klassischen Erbes" sowie dem Wiederaufbau der Wartburg. Die Herrscher anderer Kleinstaaten waren ebenfalls bestrebt, sich kulturell zu profilieren; in Gotha hatte Herzog Ernst der Fromme (1640-1675) einen absolutistischen Musterstaat zu schaffen versucht, in Meiningen der "Theaterherzog" Georg II. (1866-1914) deutsche Theatergeschichte geschrieben.

Aber auch der Weg in die Moderne des 19. Jh. bezog wichtige Impulse aus Thüringen. Die liberale Nationalbewegung fand hier ein günstiges Klima; Sachsen-Weimars konstitutionelle Verfassung aus dem Jahre 1816 etwa gehörte zu den ersten ihrer Art. Das Wartburgfest 1817, die Gründung der Deutschen Burschenschaft in Jena 1818 und die Vorbereitung des Nationalvereins in Eisenach 1859 unterstreichen dies. Erwähnt sei weiter der liberale Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (1844-1893), wobei es freilich auch konservative Herrscher gab und um die Jahrhundertwende eine generelle Umorientierung nicht zu übersehen ist. Die Industrialisierung seit Mitte des 19. Jh. trug vielgestaltige und innovative Züge; v.a. die Universitätsstadt Jena entwickelte sich zu einem Musterbeispiel wissenschaftlich-technischen Fortschritts (Zeiss, Schott). Als aufstrebende Industrieregion bildete Thüringen zugleich für die Arbeiterbewegung ein frühes Zentrum, in dem wegweisende Parteitage stattfanden: 1869 Gründung der Sozialdemokratie unter August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach, 1875 Vereinigung mit dem Lassalleschen ADAV in Gotha und 1891 der Erfurter Programmparteitag, auf dem der Name SPD angenommen wurde.


Der Weg zum Freistaat Thüringen

Die Bestrebungen nach einer Vereinheitlichung Thüringens reichen lange zurück. Deutlich greifen lassen sie sich schon während der Revolution von 1848/49. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Rufe immer lauter, hatten sich die kleinstaatlichen Strukturen spürbar überlebt. Insbesondere die Schrift des Meininger Sozialdemokraten Arthur Hofmann "Der Thüringer Kleinstaatenjammer" (1906) entfachte eine heftige Diskussion. Es waren schließlich der Erste Weltkrieg 1914/18 und das Ende der Monarchien in der Novemberrevolution 1918, die den Prozess entscheidend voran brachten. Die nach dem Zusammenschluss der beiden Reuß (1919) noch sieben Kleinstaaten schlossen sich am 1. Mai 1920 zum Freistaat Thüringen mit der Hauptstadt Weimar zusammen; lediglich Coburg blieb durch seinen Anschluss an Bayern fern. Allerdings gehörten diesem "Kleinthüringen" die preußischen Gebiete noch nicht an.

Lief der Prozess der Landesbildung 1918/20 unter weitgehender Übereinstimmung der politischen Lager ab, war dies bei der innerer Ausgestaltung ganz anders. Die erste Regierung aus SPD und linksliberalen Demokraten (1920/21), auf gesellschaftlichen Ausgleich setztend, scheiterte rasch. Ein sich im Kapp-Putsch vom März 1920 blutig zuspitzender Bürgerkrieg schuf zwischen sozialistischer Arbeiterschaft und bürgerlich-konservativen Bevölkerungsschichten kaum zu überwindende Gräben. Folge war eine ausgeprägte Lagerbildung im Landtag, die die radikalen Flügelparteien begünstigte. Zunächst blieb die 1921-23 amtierende sozialdemokratische Regierung August Frölich von den Kommunisten abhängig, was in der gemeinsamen "Volksfrontregierung" vom Herbst 1923 gipfelte. Sie bildete den Höhepunkt des umstrittenen "roten Thüringens", das zum Zentrum von Reformbemühungen ("Greilsche Schulreform") und moderner Kultur (Bauhaus Weimar 1919-24) wurde. Unter den bürgerlich-konservativen Regierungen 1924-29 erfolgte die Rückgängigmachung der meisten Reformen. Nun waren es die Völkischen bzw. die NSDAP, die als "Zünglein an der Waage" im Landtag Einfluss auf die Landespolitik gewannen. Thüringen wurde so zu einer frühen Hochburg des Nationalsozialismus.

Diese Entwicklung gipfelte 1930/31 in der Regierungsbeteiligung der NSDAP - der ersten in einem Land der Weimarer Republik. Unter Innen- und Volksbildungsminister Wilhelm Frick konnten die Nationalsozialisten im "Probelauf für die Machtergreifung" wichtige Erfahrungen sammeln. Im August 1932 kam es sogar zur "vorgezogenen Machtergreifung", als die NSDAP unter ihrem Gauleiter Fritz Sauckel die (fast) alleinige Regierungsgewalt übernahm. Nach der "Machtergreifung" Hitlers 1933 gelang es Sauckel, Thüringen zum "Mustergau" im Dritten Reich zu profilieren. Weimar wurde im pompösen NS-Stil zur Gau-Machtzentrale ausgebaut und in seiner Nachbarschaft das Konzentrationslager Buchenwald (1937-1945) errichtet, in dem über 50.000 Menschen den Tod fanden. Zugleich konnte Sauckel seine Macht zunehmend auf ganz Thüringen ausdehnen; 1944 wurden ihm die Befugnisse eines Oberpräsidenten für den Regierungsbezirk Erfurt übertragen.

Dennoch kam es erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 zur Bildung eines Landes Thüringen einschließlich der ehemals preußischen Gebiete, das territorial weitgehend dem heutigen entsprach. Nach kurzer amerikanischer Besatzung gehörte es gemäß alliierter Vereinbarungen seit Juli 1945 zur Sowjetischen Besatzungszone bzw. zur 1949 gegründeten DDR. Mit der Einführung des "demokratischen Zentralismus" wurde es jedoch schon 1952 in die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl aufgeteilt. Der rigide "Aufbau des Sozialismus", nur kurz gebremst durch den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 mit Schwerpunkt in Ostthüringen (Jena, Gera, Wismutregion), führte zur Umgestaltung nahezu aller Bereiche von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. In den Phasen scheinbarer Konsolidierung nach dem Mauerbau 1961 entwickelte sich das weiter gezielt industrialisierte Thüringen v.a. zu einem Zentrum der DDR-Hochtechnologie (Carl Zeiss Jena, Mikroelektronik Erfurt). Ende der 1980er Jahre zeigte sich jedoch der Niedergang des "real existierenden Sozialismus" immer deutlicher.

Die Friedliche Revolution und Wiedervereinigung Deutschlands 1989/90 brachten den endgültigen Zusammenschluss Thüringens. Aus den drei Bezirken zuzüglich der Kreise Altenburg, Schmölln und Artern entstand 1990 ein Bundesland von 16.171 qkm Fläche und 2,7 Mio. Einwohnern, das unter den 16 Ländern der Bundesrepublik an 11. bzw. 10. Stelle rangiert; seine Landeshauptstadt wurde Erfurt. Seit der Verabschiedung einer Landesverfassung 1993 trägt es in Anknüpfung an 1920 die Bezeichnung "Freistaat Thüringen". Nach einer ersten Koalitionsregierung von CDU und FDP (1990-94), einer großen Koalition von CDU und SPD (1994-99) sowie zwei CDU-Alleinregierungen (1999-2009) wird das Land seit 2009 erneut von einer großen Koalition geführt (Ministerpräsidenten: 1990-92 Josef Duchac, 1992-2003 Bernhard Vogel, 2003-2009 Dieter Althaus, seit 2009 Christine Lieberknecht).

Blieb es auch von den tiefgreifenden Problemen des wirtschaftlich-sozialen Umbruchs nicht verschont (Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsrückgang), steht Thüringen heute doch in vielen Bereichen unter den "neuen" Ländern mit ganz vorn. Die Kulturlandschaft von Weltgeltung übt zusammen mit den natürlichen Reizen des Grünen Herzen Deutschlands nicht zuletzt eine hohe touristische Anziehungskraft aus. Und Thüringen verfügt über eine tiefe Heimatverbundenheit seiner Bewohner. Der Vielfalt der Staatsgebilde und Verwaltungseinheiten stand immer das Bewusstsein einer übergeordneten Einheit gegenüber, die sich insbesondere auf die Landgrafschaft Thüringen berufen konnte. Das heutige Landeswappen greift diese historische "Einheit in der Vielfalt" symbolisch auf, indem es den rot-silber gestreiften ludowingischen "Thüringer Löwen" auf blauem Grund mit acht silbernen Sternen umgibt, die für die ehemaligen Kleinstaaten und preußischen Gebiete stehen.


Text nach: Steffen Raßloff: Thüringen. Ein historischer Überblick (Thüringen. Blätter zur Landeskunde 40). Erfurt 2004 (2. Auflage 2011).


Turingia. Una vista histórica. Erfurt 2004. (spanische Übersetzung)

Thuringia. An Historical Overview. Erfurt 2009. (englische Übersetzung)

Tu lin gen li shi yi lan. Erfurt 2009. (chinesische Übersetzung)

Тюрингия. Взгляд в историческое прошлое. Erfurt 2011. (russische Übersetzung)

თიურინგიის ისტორია ქართულად Erfurt 2011. (georgische Übersetzung)


> Zeittafel zur Geschichte Thüringens


Lesetipp:

Steffen Raßloff: Geschichte Thüringens (C.H. Beck Wissen 2616). München 2010.


Siehe auch: Historische Kommission für Thüringen, Kreisreformpläne aus historischer Sicht, Geschichte der Stadt Erfurt