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Erfurter Parteitag der SPD 1891

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Erfurter Parteitag der SPD 1891

1891 fand im Kaisersaal der Erfurter Parteitag der SPD mit der Verabschiedung des wegweisenden Erfurter Programms statt. Hieran erinnerte 2011 eine Ausstellung im Kaisersaal.


Soziale Frage und Arbeiterbewegung

In Deutschland setzte Mitte des 19. Jahrhunderts das Zeitalter der Industrialisierung ein. Zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 stieg die Bevölkerungszahl von 41 auf 65 Millionen, der Anteil der städtischen Bevölkerung von einem Drittel auf zwei Drittel. Dieser Prozess warf auch die „soziale Frage“ auf, die insbesondere auf die Lebensbedingungen der rasant wachsenden Arbeiterschaft zielte. Eine Reaktion war die Entstehung der Arbeiterbewegung. Sie forderte soziale Gerechtigkeit und Demokratie.

Aus zwei Strömungen bildete sich 1875 die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands. Die „rote Umsturzpartei“ galt den Eliten des Kaiserreiches als große Gefahr. Mit dem „Sozialistengesetz“ (1878-90) versuchte Reichskanzler Otto von Bismarck, sie zu zerschlagen. Eine neue Sozialgesetzgebung sollte parallel dazu die Arbeiterschaft befrieden. Dieses Vorhaben schlug jedoch fehl. Die Sozialdemokratie war deutlich gestärkt aus dieser Zeit hervor gegangen. So feierte man in Erfurt 1891 auch, wie es auf einer Gedenkmedaille heißt, den „Sieg des deutschen Proletariats über das Socialistengesetz“.


Der Erfurter Parteitag der SPD 1891

Nach über einem Jahrzehnt der Illegalität durch das „Sozialistengesetz“ galt es für die Arbeiterpartei zurück auf die politische Bühne zu finden. Zwar hatten Sozialdemokraten für den Reichstag u.a. Parlamente kandidieren können, die Partei und ihr nahestehende Organisationen waren aber von 1878 bis 1890 verboten. Öffentliche politische Arbeit war unter diesen Umständen kaum möglich. Der Vorsitzende Paul Singer eröffnete daher am 14. Oktober 1891 den Erfurter Parteitag der SPD mit dem Ziel ein Programm zu erarbeiten, das „unsere Forderungen in klarer und allgemein verständlicher Form zu Ausdruck bringt“.

In Gegenwart von August Bebel, Wilhelm Liebknecht und insgesamt 235 Delegierten begannen bis zum 20. Oktober Tage voller Beratungen. Welche Ideologie sollte dem Programm in einer sich rapide verändernden Industrie- und Massengesellschaft zugrunde liegen? Welche politischen Ziele sollte man sich stecken? Wie konnte das Leben der Arbeiter verbessert werden, die unter teils katastrophalen Bedingungen 10 bis 12 Stunden schuften mussten und oft in menschenunwürdigen „Mietskasernen“ hausten? Am Ende wurde das „Erfurter Programm“ beschlossen, das über Jahrzehnte den Kurs der Partei bestimmte und internationale Vorbildwirkung entfaltete.


Das Erfurter Programm der SPD 1891

Das „Erfurter Programm“ der SPD ging im ersten Teil Karl Marx folgend vom Anwachsen des Proletariats und einer Monopolisierung der Produktionsmittel aus. Als Konsequenz erwartete man eine Zuspitzung des „Klassenkampf[es] zwischen Bourgeoisie und Proletariat“. Einen Ausweg biete nur die Überführung des kapitalistischen Privateigentums an den Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum. Im zweiten Teil folgten praktische Forderungen wie demokratisches Wahlrecht, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit, Gleichberechtigung der Frau usw. Zum Schutz der Arbeiter wurden der Achtstundentag, ein Verbot der Kinder- und Nachtarbeit, Sicherstellung des Koalitionsrechts u.ä. gefordert.

Trotz der marxistischen Theorie blieben die Vorstellungen über eine zukünftige Gesellschaft vage und traten hinter den realpolitischen Forderungen zurück. In Erfurt wurde damit nicht nur der neue Name „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ festgeschrieben, sondern auch der spannungsreiche Kurs zwischen revolutionärer Theorie und sozialreformerisch-demokratischer Praxis eingeschlagen. Letzterer Weg hat sich als der nachhaltigere erwiesen. Mit dem Godesberger Programm von 1959 verabschiedete sich die SPD in der Bundesrepublik vom Marxismus und erklärte sich zur Partei von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität innerhalb einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft.


Erfurt als Hochburg der SPD

Das weit über die SPD-Parteigeschichte hinaus bedeutsame Programm von 1891 wurde nicht zufällig in Erfurt beschlossen. Bei der Wahl als Parteitagsort hatte die zentrale Lage im Deutschen Reich und die gute Erreichbarkeit als Eisenbahnknotenpunkt eine wichtige Rolle gespielt. Aber auch die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse vor Ort trugen wesentlich hierzu bei. Die Stadt war 1891 bereits ein pulsierendes Industriezentrum mit 73.000 Einwohnern, in der ein ausgeprägtes Arbeitermilieu existierte.

In der Industriestadt Erfurt betätigte sich seit den 1860er Jahren eine aktive Arbeiterbewegung. Unter Führung des während des Sozialistengesetzes aus Berlin ausgewiesenen Schneidermeisters Paul Reißhaus gehörte die Erfurter Sozialdemokratie zu den Vorkämpfern der Region. Seit 1889 gab sie die Parteizeitung „Thüringische Tribüne“ heraus. In der Reichstagswahl 1890 hatte der SPD-Kandidat eine absolute Mehrheit von 52,7% der Wählerstimmen erzielt. Ähnlich gute Ergebnisse konnten nur Berlin, Breslau, Hamburg, Königsberg und Magdeburg vorweisen. Erfurt war damit eine der großen SPD-Hochburgen im Kaiserreich.


Der Kaisersaal als Veranstaltungsort

Der Kaisersaal in der Erfurter Futterstraße diente einst als Theater, Konzertsaal und Universitäts-Ballhaus. Große Namen wie Friedrich Schiller und Franz Liszt sind mit diesem Musentempel verbunden. 1808 ließ Napoleon während seines Erfurter Fürstenkongresses hier die Comédie-Française „vor einem Parkett von Königen“ spielen. Unter Bezug auf die Reichsgründung nannte sich das traditionsreiche Haus seit 1871 „Kaisersaal“ und profilierte sich zur renommierten Veranstaltungsstätte.

Auch 1891 kam in Erfurt nur der Kaisersaal für den Parteitag in Frage. Nun bevölkerten nicht wie sonst üblich gutbürgerliche Veranstaltungsbesucher und Vereinshonoratioren die repräsentativen Räume, sondern die politischen Vertreter des Proletariats. „Arbeiterkaiser“ August Bebel schwang als Versammlungsleiter seinen legendären Wanderstock. Der Saal war mit den roten Fahnen der Arbeiterbewegung geschmückt, Souvenirs boten dauerhafte Erinnerungen. Der Kaisersaal schrieb sich so in die Geschichte der Arbeiterbewegung ein. Nach wechselvoller Geschichte im 20. Jahrhundert öffnete 1994 das traditionsreiche Kultur- und Kongresszentrum wieder seine Pforten.


Texte einer Ausstellung anlässlich des 120. Jubiläums des Parteitages im Kaisersaal 2011, gestaltet von Dr. Steffen Raßloff und Carl Ulrich Spannaus.


Siehe auch: Gedenktafel am Kaisersaal, Bebels Wanderstock, Erfurt und die SPD, Geschichte der Stadt Erfurt