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Volkskunde in Thüringen

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Volkskunde in Thüringen

Mitte des 19. Jahrhunderts setzte in Deutschland mit der "industriellen Revolution" ein sozialökonomischer Wandlungsprozess mit weitreichenden Folgen ein. Die Reichsgründung 1871 bzw. die anschließende "Gründerzeit" und ein erneuter Schub um die Jahrhundertwende machten aus dem überwiegenden Agrarland einen pulsierenden Industriestaat, der in vielen Bereichen die Weltspitze erreichte.

Auch Thüringen wurde von diesem Prozess erfasst, gehörte mit Rheinland-Westfalen, Sachsen, Schlesien und Berlin zu den aufstrebenden Industrierevieren des Kaiserreiches. Industrialisierung und Urbanisierung waren dort in besonderem Maße von den politisch-gesellschaftlichen Verwerfungen begleitet, die das 20. Jahrhundert zum "Zeitalter der Extreme" (Eric Hobsbawm) werden lassen sollten. Die Umwälzungen erzeugten in vielen Bevölkerungsschichten, v.a. im Bürgertum der rasant wachsenden Städte wie der Großstadt Erfurt, Orientierungslosigkeit und Ängste. Eine Antwort auf die industrielle Moderne bestand in der Idealisierung von Heimat, im Verklären und Folklorisieren des Landlebens, die sich zunehmend mit sozialkonservativ-völkischen Grundstimmungen vermischten. Hier sind auch die Wurzeln der thüringischen Volkskunde zu suchen.


Anfänge der Volkskunde im 19. Jahrhundert

Die Anfänge von Volkskunde und Heimatpflege im wissenschaftlichen Sinne reichen, von der noch älteren regionalen "Heimaths- und Alterthumskunde" abgesehen, bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Als maßgebliche Wegbereiter sind zunächst Vertreter von Nachbardisziplinen und deren Vereinigungen anzusprechen, etwa der Geograph Fritz Regel ("Thüringen. Ein geographisches Handbuch", 3 Bde. 1892-96), der Heimatforscher Ludwig Hertel ("Thüringer Sprachschatz", 1895), der Jenenser Historiker Ernst Devrient ("Thüringische Geschichte", 1907), der "Verein für Thüringische Geschichte und Altertumskunde" (1852), die "Historische Kommission für Thüringen" (1896) u.a.

Wichtige Impulse erhielt die Volkskunde von der Trachtenforscherin Luise Gerbing (1855-1927). Im Wirken der angesehenen Thüringer "Waldfrau" aus Schnepfenthal paarten sich wissenschaftlicher Anspruch ("Die Thüringer Trachten", 1925) mit deutschnationaler Grundanschauung, wie sie für viele Heimatpfleger charakteristisch war. Zu deren institutionellem Rückgrat wurde die 1903 gegründete "Thüringer Vereinigung für Heimatpflege" (seit 1919 "Thüringer Vereinigung für Wohlfahrts- und Heimatpflege"), eine von zahlreichen Vereinsgründungen in allen Regionen Deutschlands um 1900. Derartige Vereinigungen versuchten die häufig wahllose Tätigkeit der Laien, darunter viele Volksschullehrer, zu bündeln und anzuleiten. Zur Gründung eines schlagkräftigen Volkskunde-Landesvereins und der Etablierung des Faches an der Universität Jena kam es allerdings nicht.

Letzterer Umstand resultierte freilich auch aus dem Bestehen fest etablierter Einrichtungen und Vereine, die sich der Heimat im volkskundlichen Sinne zugewandt hatten. Hierzu zählte etwa die "Königliche Akademie gemeinnütziger Wissenschaften" in Erfurt. Der federführende Vizepräsident Johannes Biereye schrieb in einem historischen Abriss, "daß doch eine Aufgabe immer dringender an uns herantrat und durch eine immer gewaltigere Zeitströmung geradezu gefordert wurde: das war die denkbar intensivste Beschäftigung mit der Heimat." Seit 1909 entstanden insgesamt 14 Abhandlungen über den Thüringer Raum. Als Summe all dieser Bemühungen erschien im Auftrag der Akademie Ernst Kaisers "Landeskunde von Thüringen" (1933).

Auch die großen Thüringer Heimat- und Wandervereine gestalteten ganz wesentlich an dem zunehmend völkisch getönten Heimatbild des "Grünen Herzen Deutschlands" (August Trinius) mit. Dem "Thüringerwald-Verein" (1880), bedeutendster dieser Vereine, gehörten zahlreiche angesehene Honoratioren in mitgliederstarken lokalen Zweigvereinen an. Und diese beließen es nicht bei Naturgenuss und Heimaterkundung, sondern widmeten sich aktiv der Denkmal- und Landschaftspflege sowie der ländlichen Traditionsbewahrung. Auf der Erfurter Gewerbeausstellung 1894 präsentierte beispielsweise der Thüringerwald-Verein einen kompletten Thüringer Bauernhof samt Trachtensammlung, der seit seiner anschließenden Umsetzung als beliebte Ausflugsgaststätte Riechheimer Berg nahe Erfurt dient. Daneben griffen die Volkskunde- und Heimatvereine auch in die Modernisierung der Städte ein, indem etwa 1912 eine Stichstraße durch die Erfurter Altstadt per Bürgerbegehren verhindert werden konnte. Die wachsende Bedeutung zeigte sich schließlich auch in der Gründung nationaler Dachverbände im Jahre 1904, des "Verbandes der Vereine für Volkskunde" und des "Deutschen Bundes Heimatschutz".


Volkskunde zwischen Erstem Weltkrieg und Drittem Reich 1918-1933

Der Aufschwung der Volkskunde, die sich nunmehr zur institutionalisierten Wissenschaft entwickelt hatte, wurde durch das weit verbreitete Bedürfnis nach Bewahrung der "völkischen Grundlagen" des im I. Weltkrieg 1914/18 geschlagenen deutschen Volkes stark befördert. Dabei wandten sich viele Fachvertreter dem älteren Denkmuster eines organisch-dauerhaften "Nationalcharakters" bzw. einer "Volksseele" zu. Im Vorwort zu seinem Sammelband "Der deutsche Volkscharakter" (1937) legte der Erfurter Volkskundler Martin Wähler dieses zentrale Motiv offen: "In seinem Kriegsbüchlein ´Die Wissenschaft vom deutschen Nationalcharakter´ schrieb 1917 Reinhard Buchwald, fast die wichtigsten Fragen, die uns der Krieg gestellt habe, fielen der Wissenschaft der deutschen Volkskunde zu, sie habe Antwort zu geben auf die Frage: Was ist deutsche Eigenart?"

Der im Krieg stark emotionalisierte Nationalismus nahm so den "völkischen Gedanken" immer stärker in sich auf. Seine Anschauungen, welche bei der Bestimmung nationaler Identität ethnische, sprachliche und kulturelle Elemente wesentlich stärker betonten als soziale und historische, hatten sich auch im bürgerlich-nationalen Milieu Thüringens festgesetzt. Voran das "völkische Netzwerk" (Justus H. Ulbricht) der Klassikerstadt Weimar um angesehene Gelehrte wie den "völkischen Literaturpapst" Adolf Bartels und den Dichter Friedrich Lienhard verliehen dieser Vorstellungswelt nach 1918 spürbaren Auftrieb. Die Zusammenfassung des deutschen Volkstums, die Bewahrung seiner angestammten Eigenheiten und rassischen Grundlagen schienen wesentliche Voraussetzungen dafür, das deutsche Volk von seiner "nationalen Schande" zu befreien und das alltägliche Nachkriegselend zu überwinden.

Weiterhin ist die schon im Bürgertum des Kaiserreiches weit verbreitete diffuse Sehnsucht nach Tradition und Orientierung in einer schnell sich modernisierenden Gesellschaft zu nennen. Schon allein das äußere Umfeld hatte sich in Wirtschaftszentren wie Erfurt, Gera, Jena oder Gotha, aber auch in vielen kleineren Industriestädten und -dörfern extrem verändert. Wesentliches Ergebnis war das Heranwachsen eines Industrieproletariats, dessen politische Interessenvertretung, die SPD, nahezu alles in Frage stellte, was dem Bürgertum wichtig war: "berechtigte" Privilegien durch Besitz und Bildung, ein emotionaler Nationalismus, der (Kultur-)Protestantismus in Kernland der Reformation. Besorgte Bildungsbürger sahen einen schleichenden Kulturverfall und die Anfänge der modernen "Massenkultur". Nach 1918 schien die Welt durch Novemberrevolution und "aufgezwungene" Republik endgültig aus den Fugen. In Kombination mit einem breiteste Schichten erfassenden bzw. drohenden sozialen Abstieg förderte all dies das Streben nach einer harmonischen "nationalen Volksgemeinschaft", die von allen fundamentalen Zeitproblemen erlösen sollte.

In dieses Spannungsfeld der Zwischenkriegszeit fiel so keineswegs zufällig die Blütezeite der Volkskunde Thüringens, die untrennbar mit dem Namen Martin Wähler (1889-1953) verbunden ist. Der gebürtige Orlamünder, seit 1915 Lehrer in Erfurt, 1929-32 Professor für Volkskunde an der kurzlebigen Pädagogischen Akademie Erfurt und bis 1944 an verschiedenen Hochschuleinrichtungen tätig, gilt bis heute als profiliertester Volkskundler des Landes. Seine "Thüringische Volkskunde" (1940) ist die erste und bislang einzige umfassende wissenschaftliche Gesamtdarstellung. Allerdings verkörpert er zugleich die große ideologische Nähe seines Faches zum Nationalsozialismus, die nach 1933 zu einer breiten Indienstnahme der Volkskunde führte. Wählers spezifischer Beitrag bestand in dem Konstrukt eines vermeintlich dauerhaften, in Rasse und Lebensraum wurzelnden "Stammescharakters" der Thüringer, über den hinaus er eine entsprechende "Charakterologie" aller Deutschen anstrebte.

Einen weiteren Impuls für die volkskundliche Beschäftigung mit den deutschen Volksstämmen bildeten die Diskussionen um eine Reichsreform während der Weimarer Republik, die weit in die Vorkriegszeit zurückreichten. Martin Wähler etwa plädierte dafür, "die nach Sprache und Kultur zusammengehörigen Stämme" zur Grundlage einer Neugestaltung Deutschlands zu machen. Die Gründung "Kleinthüringens" (ohne den preußischen Regierungsbezirk Erfurt) im Jahre 1920 schien so nicht nur ihm, obwohl das einzig nennenswerte Ergebnis der Reichsreformdebatten überhaupt, keine befriedigende Lösung. Daneben hatte er sich in den 20er Jahren in die Debatten um Grundfragen der Schul- und Bildungspolitik eingeschaltet. Wähler forderte 1926 dazu auf, der Volks- bzw. Heimatkunde als wichtiger Vermittlerin des über die Generationen weitervererbten deutschen "Volksgeistes" deutlich mehr Gewicht zu verleihen. Dieser Glaube an die Ahnen, an die Kraft des Blutes sollte ihn die ersten Maßnahmen der NS-Rassekunde-Politik im seit 1930 von der NSDAP mitregierten Land Thüringen begrüßen lassen. So unterstützte Wähler etwa die Einrichtung eines Rassekunde-Lehrstuhles für Hans F. K. Günther an der Universität Jena auf Druck des Innen- und Volksbildungsministers Wilhelm Frick.

1923 hatte das Land Thüringen unter dem ehemaligen Bund Heimatschutz-Geschäftsführer Fritz Koch in Weimar eine "Beratungsstelle für Denkmalpflege und Heimatschutz" geschaffen. Sie veranschaulicht die Bedeutung, welche man auch seitens der Regierung, hierin den ehemaligen Kleinstaaten folgend, diesen Bereichen beimaß. In enger Zusammenarbeit mit Koch wirkte Martin Wähler dort als Leiter der Abteilung für Volkskunde, die in Fühlung mit den Vereinen und Gruppen der Region stand. Zu den Aufgaben der Beratungsstelle gehörten die Anleitung und Unterstützung heimatpflegerisch-volkskundlicher Laienbemühungen, die Beratung von Behörden, aber auch die Beförderung der wissenschaftlichen Volkskunde. Wesentlich von ihr mitgetragen wurde eines der großen "nationalpädagogischen" Projekte, der seit 1928 vorbereitete "Atlas der deutschen Volkskunde". 1930 gelangte Wähler, mittlerweile Fachmann von nationaler Reputation, in den Arbeitsausschuss für den Volkskunde-Atlas.

Mit der Übernahme durch die bürgerliche Thüringer Ordnungsbund-Regierung Anfang 1924 hatte sich der staatlich subventionierte Heimatschutz verstärkt in völkischer Richtung entwickelt. In den nahe Bad Kösen gelegenen Saalecker Werkstätten des Architekten Paul Schultze-Naumburg (1869-1949), Mitbegründer des Bundes Heimatschutz und von großem Einfluss in Thüringen, existierte überdies eine Schnittstelle, an der sich "offizielle" Heimatpflege und völkisch-nationalsozialistisches Netzwerk begegneten. Allerdings traten eher traditionell-bildungsbürgerliche Volkskundler wie Wähler hinter radikalen Ideologen vom Schlage eines Schultze-Naumburg ("Kunst und Rasse", 1928) zurück.


Martin Wähler und die völkische Volkskunde bis 1945

In kontinuierlicher Weiterverfolgung seiner Studien brachte Wähler bis 1940 die "Thüringische Volkskunde" zu Ende, eine über weite Strecken "klassische" volkskundliche Publikation, die Bereiche wie Stammesbildung, politisch-kulturelle Entwicklung, soziale Schichtung, Siedlung und Wohnen, Kunst, Sprache, Musik, Glaube, Brauchtum und Nahrung behandelt. Dem thüringischen Stammescharakter ist nur ein letztes Kapitel gewidmet. Dieses aber spiegelt, ähnlich mancher Schrift der Zeit (Wilhelm Greiner "Die Kultur Thüringens. Eine deutsche Stammesleistung", 1937), das völkische Stammesverständnis Wählers wider: "Der Charakter einer leib-seelischen Einheit, die wir als Stamm bezeichnen, hängt von der Rasse, dem Lebensraum, der Boden, Landschaft und Klima umfaßt, und der fortlaufenden Einwirkung geschichtlicher und kultureller Kräfte ab." Im weiteren schildert er den Charakter der Thüringer. Wähler attestiert seinen Landsleuten, u.a. veranschaulicht durch herausragende "Stammesvertreter" wie Meister Eckhart, Luther und Bach, "Seelentiefe", "ausgleichende Haltung", einen "protestierenden Zug", "erzieherische Begabung", "sprachschöpferische Befähigung" und v.a. "einigende Kraft" im nationalen Sinne durch "das sprachliche und musikalische Band, das sie um alle Deutschen schlangen". Hier zeigt sich die bisweilen beliebige, auch von spürbarer Zuneigung zur eigenen Heimat geprägte Kollektiv-Zuschreibung von Eigenschaften, die sich wohl eher zur Charakterisierung von Individuen eignen.

Um so problematischer musste es natürlich werden, einen deutschen Volks- bzw. Nationalcharakter zu beschreiben. Schon der "Gründervater" dieser Lehre, Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897), auf den sich Wähler und viele seiner Kollegen immer wieder beriefen, hatte einen solchen "Volksgeist" eher beschworen, als ihn zu dokumentieren. So liest sich der von Wähler herausgegebene Sammelband "Der deutsche Volkscharakter" (1937) wie die Aneinanderreihung von 35 Stammescharakteren, die naturgemäß von den Niedersachsen über die Rheinländer bis zu den Bayern sehr unterschiedlich ausfallen. Zugleich betont Wähler, dass die großen Volksstämme ganz eigentümliche Organismen seien und ermahnte die NS-Machthaber zu mehr "Stammesföderalismus". Auch in der Frage des Verhältnisses zur Großstadt weicht er erkennbar von der gängigen, d.h. negativen NS-Sicht ab; für ihn sind Großstädte "besondere Stammesspielarten" mit eigener Identität. Den Bewohnern seiner Wahlheimatstadt Erfurt, damals ein 150.000 Einwohner zählendes Industriezentrum, widmete der passionierte Lokalhistoriker sogar eine wohlwollende Charakterstudie ("Der Erfurter. Ein Charakterbild aus Vergangenheit und Gegenwart", 1937).

Freilich überschritten die Abweichungen von den völkischen Grundvorstellungen des Nationalsozialismus nie ein verträgliches Maß. Dementsprechend blieb Wähler bis 1945 als Publizist, Hochschuldozent und Heimatschützer rege tätig, auch wenn die Berufung auf einen neu einzurichtenden Volkskunde-Lehrstuhl an der Universität Jena mehrfach scheiterte. Weit über Thüringen hinaus besaß Wähler, seit 1938 NSDAP-Mitglied, zudem den Ruf eines Experten für "Volksbildung". Mit seinem Aufsatz "Volksbildung auf volkskundlicher Grundlage" (1935) hatte er eine regelrechte Programmschrift hierfür vorgelegt. Zur obersten Aufgabe erklärte er dort die rückhaltlose Erziehung im Geiste der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Diese Haltung empfahl Martin Wähler auch an höherer Stelle. So findet sich sein Name auf einer Rednerliste der "Reichsarbeitsgemeinschaft für deutsche Volkskunde" (1937). Diese Arbeitsgemeinschaft wollte, angetrieben v.a. vom NS-Chefideologen Alfred Rosenberg, die Volkskunde zum Kerngebiet jeglicher Erziehungs- und Schulungsarbeit der NSDAP ausbauen. Volkskundler wie Martin Wähler stützten so, auch ohne die Extrempositonen der Nationalsozialisten zu teilen, deren völkisch-rassisches Weltbild, handlungsbestimmendes Ideal für beispiellose Verbrechen.


Thüringische Volkskunde nach 1945

Volkskunde und Heimatschutz der SBZ bzw. DDR beschritten nach 1945 mit der Orientierung auf die "materielle und geistige Kultur des werktätigen Volkes" (Wolfgang Steinitz) neue Wege. Belastete "bürgerliche" Wissenschaftler, die in der Bundesrepublik weitgehend bruchlos ihre Karrieren fortsetzen konnten, hatten hier meist keine Zukunft. Martin Wähler etwa siedelte 1950 nach dem erneuten Scheitern einer Jenaer Berufung nach Westberlin über. Die DDR-Fachwissenschaft musste ihre Modernisierung freilich mit einer schrittweisen Unterwerfung unter das marxistische Dogma bezahlen. Zugleich gelang es trotz mehrfacher Bemühungen nicht, die thüringische Volkskunde als Forschungsschwerpunkt an der Akademie der Wissenschaften oder als Lehrstuhl an der Universität Jena institutionell zu verankern. Dennoch kann auf beachtliche Forschungsleistungen verwiesen werden, so etwa die Fortsetzung des seit 1907 bearbeiteten Thüringischen Wörterbuches an der Universität Jena oder einen "Thüringischen Dialektatlas" (Herman Hucke, 1961-1965). Oskar Schmolitzky legte mit "Volkskunst in Thüringen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert" (1964) und "Das Bauernhaus in Thüringen" (1968) Standardwerke vor. Einzelne Hochschulwissenschaftler (Heinz Sperschneider) blieben der thüringischen Volkskunde verbunden; der Kulturbund schließlich beförderte mit seinen Sektionen und Heimatheften sowie den nach 1977 eingerichteten Folklorezentren ungeachtet ideologischer Vereinnahmungstendenzen volkskundliche Aktivitäten.

Heute wird die regionale Volkskunde v.a. vom "Museum für Thüringer Volkskunde" in Erfurt und der dort seit 1997 angesiedelten "Volkskundlichen Beratungs- und Dokumentationsstelle für Thüringen", einer deutschlandweit einmaligen Einrichtung, getragen. Das 1955 gegründete Volkskundemuseum präsentiert sich als modernes "Museum der Gesellschafts- und Alltagskultur" (Marina Moritz), das durch komplexe Freilichteinrichtungen (Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden, Hennebergisches Museum Kloster Veßra) und weitere Volkskunde- bzw. Heimatmuseen ergänzt wird. Die erfolgreiche Symbiose Museum/Beratungsstelle zeichnet gemeinsam mit der "Thüringischen Vereinigung für Volkskunde" und der "Volkskundlichen Kommission für Thüringen" für die wissenschaftliche Volkskunde verantwortlich und betreut zugleich die vielfältigen Aktivitäten der angewandten Volkskunde. Sie sieht sich hierbei den Standards einer Sozialwissenschaft verpflichtet, die sich auch Ethnologie, Empirische Kulturwissenschaft oder Kulturanthropologie nennt. Seit 1998 ist der Freistaat nunmehr auch in diesem Bereich mit dem Lehrstuhl für Volkskunde/Empirische Kulturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena präsent, womit erstmals in Thüringen eine universitäre Volkskunde existiert. Diese Institutionen müssen, nicht zuletzt angesichts eines mitunter allzu ungebrochenen Traditionsverständnisses an der Basis, die ambivalente Geschichte ihres Faches aufarbeiten, um die volkskulturelle Überlieferung einer der geschichtsträchtigsten, kulturell reichsten und vielgestaltigsten Regionen Deutschlands bewahren zu können.


Text nach: Steffen Raßloff: Volkskunde im 19. und 20. Jahrhundert. Erfurt 2003. (Thüringen. Blätter zur Landeskunde 32. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen)


Siehe auch: Geschichte Thüringens