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Stadtumbau DDR-Zeit Plattenbau

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Erfurts Skyline

1967 begann der einschneidende Wandel des Stadtbilds am Juri-Gagarin-Ring, der noch radikaler geplant war.


Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Für viele Besucher des Petersbergs bedeutet diese beim Blick über die Erfurter Altstadt zweifellos das weitgehend erhaltene historische Stadtbild. Dank relativ geringer Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg präsentiert sich die Mittelaltermetropole heute Touristen wie Einheimischen zur großen Freude. Mit den zahlreichen Baudenkmalen rund um den imposanten Domhügel und die vielen Kirchtürme hat sich ein Ensemble erhalten, wie es in deutschen Großstädten seinesgleichen sucht.

Freilich zeigt das Petersberg-Panorama aber auch, dass die jüngere (Architektur-)Geschichte keineswegs spurlos an Erfurt vorbeigegangen ist. Wuchtige Plattenbauten entlang des Juri-Gagarin-Rings haben sich als Erbe sozialistischen Städtebaus tief in die Silhouette eingebrannt. Elfgeschossige „Wohnscheiben“ und 16-geschossige „Punkthochhäuser“ sprengen alle Relationen zur umliegenden Altstadtbebauung. Überragt wird diese „Skyline“ vom Hochhaus des Hotels Radisson, einst als Interhotel „Kosmos“ errichtet (Foto: Alexander Raßloff).

Vor 50 Jahren hätte sich vom Petersberg noch ein weitgehend unberührter Altstadtblick geboten. Dann jedoch begannen 1967 die Abrissarbeiten am östlichen Ring. Ganze Altstadtquartiere mussten den Plattenbauten weichen. Hospitalviertel, Krämpferstraße, Neuerbe, Steingasse – über Jahrhunderte gewachsene Straßenzüge fielen dem Bagger zum Opfer. Später wiederholte sich dieser Vorgang in ähnlicher Form am Südring. Dokumentiert hat diesen Prozess jüngst Frank Palmowski in seinen beiden Büchern „Erfurt in Farbe“ über die 50er-/60er-Jahre und die 70er/80er-Jahre.

Die Rechnung der Stadtplaner mit Blick auf die Wohnungsnot der Zeit war relativ einfach: Statt 5000 Wohnungen in kleinteiligen Altbauten sollten 10.000 neue Plattenbau-Wohnungen in aufgelockerter Bauweise entstehen. Zugleich ging es um eine demonstrative Modernisierung der DDR-Bezirksstadt im Geiste durchaus international verbreiteter städtebaulicher Vorstellungen.

Die Pläne des führenden DDR-Architekten Hermann Henselmann gingen allerdings weit über die tatsächlich realisierte Ringbebauung hinaus. Ein Modell von 1968 zeigt ausgedehnte Plattenbauten rund um einen kleinen erhaltenen Altstadtkern (Foto: Frank Palmowski, Stadtmuseum Erfurt). Geplant waren dabei unter anderem ein treppenförmiges Gebäude am Petersberg zum Domplatz hin und ein Hochhaus direkt neben der Peterskirche. Damit wäre der Stadt gewissermaßen eine neue säkulare Stadtkrone zugefügt worden, die den Dom deutlich überragt hätte.

Viele Petersberg-Besucher werden es heute wohl als Glücksfall ansehen, dass diese radikalen Pläne nie umgesetzt wurden. Aber auch so hat die DDR-Zeit Stadtbild und Wohnstruktur weit über das Zentrum hinaus nachhaltig geprägt. Schon seit 1966 war am Johannesplatz das erste Neubaugebiet entstanden. In den 1970er- und 1980er-Jahren wuchsen dann im Norden (Rieth, Berliner Platz, Moskauer Platz, Roter Berg) und Südosten (Herrenberg, Wiesenhügel, Drosselberg, Buchenberg) ganze Trabantenstädte in Plattenbauweise, in denen schließlich knapp die Hälfte aller Erfurter lebte.

(Dr. Steffen Raßloff in Thüringer Allgemeine/Thüringische Landeszeitung vom 07.02.2017)


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Jubiläen und Gedenktage 2017, Altstadt, Peterskirche