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Roter Berg Erfurt

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Roter Berg

Der Rote Berg befindet sich im Norden der Landeshauptstadt Erfurt. Er hat eine Höhe von 234 m über NN. Der Rote Berg und die anderen Hügelketten im Osten der Stadt sind von der Gera geschaffene Flussterrassen, die mit ihren Keuperunterlagen von der eiszeitlichen Gera aus der Keupertafel herausgeschnitten wurden. Sie blieben als weitausladende Tafelberge mitten in der Geraaue erhalten. Der Name ist sehr früh überliefert und auf die charakteristische Gesteinsfarbe, die rötlichbraun, aber auch grau und grünlich schimmert, zurückzuführen.

Hier befinden sich der Thüringer Zoopark Erfurt, ein Wohngebiet mit entsprechenden Dienstleistungseinrichtungen zum Einkaufen, mit Apotheke und Ärztehaus, Spielplätzen, Schulen und jeder Menge Grün. Mit der Stadtbahn oder mit dem Bus der Erfurter Verkehrsbetriebe AG (EVAG) lässt sich der Rote Berg schnell und günstig vom Zentrum aus erreichen und umgekehrt.

Der Erholungswert am Roten Berg wurde schon früh erkannt. Bereits im Jahr 1860 wählte Dr. Karl Axmann, Chefarzt des Katholischen Krankenhauses, den Roten Berg zum Errichten seiner Sommervilla aus. Es entstand ein Fachwerkbau im toskanischen Stil, welches heute im Thüringer Zoopark integriert ist und als Schaubauernhof "Axmannshof" zu besichtigen ist. 1957 begann die Stadt Erfurt mit dem Bau des Thüringer Zooparks am Roten Berg. Viele Arbeitsstunden gingen auf das Konto engagierter Erfurter Bürger.

Von 1925 bis 1974 befand sich in unmittelbarer Nähe des Roten Berges Erfurts erster Flugplatz. Zwischen 1977 bis 1982 entstand im Norden der Stadt am Fuße des Thüringer Zooparks das Wohngebiet "Roter Berg".

Das Neubaugebiet Roter Berg

Wenn heute unter Erfurtern vom Roten Berg die Rede ist, so meint dies meist das “Neubaugebiet”. Die von 1976 bis 1981 in Plattenbauweise errichtete Siedlung prägt das Gelände südlich der gleichnamigen Erhebung im Norden der Stadt, Heimstatt des Thüringer Zooparks. Sie ist zugleich ein typisches Beispiel für den industriellen Wohnungsbau in der DDR, mit dem das drängende Wohnungsproblem gelöst werden sollte. Die SED mit ihrem neuen Ersten Sekretär (ab 1976 Generalsekretär) des ZK Erich Honecker hatte auf dem VIII. Parteitag im Juni 1971 die “Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft” als Ziel ausgerufen. Hauptaufgabe bildete dabei die Umsetzung der “Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik”. So sollte den Werktätigen des Arbeiter- und Bauernstaates demonstriert werden, “dass sich fleißige und ideenreiche Arbeit unmittelbar auf das Lebensniveau der Bevölkerung auswirkt”, wie in der offiziösen “Geschichte der Stadt Erfurt” 1986 zu lesen war. Konkret gemeint waren damit neue sozialpolitische Maßnahmen, wie Erhöhung der bescheidenen Renten, Leistungen für Mütter mit drei und mehr Kindern, Erhöhung des Wochenurlaubs, Geburtenbeihilfen oder Ehekredite. Es galt also, die von der DDR-Mangelwirtschaft nicht eben verwöhnte und politisch bevormundete Bevölkerung für den SED-Staat zu gewinnen und zu besseren Arbeitsleistungen anzustacheln. Tatsächlich trug die “Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik” mit ihren von der maroden Planwirtschaft eigentlich unbezahlbaren Sozialleistungen zum Bankrott der DDR und der “Wende” 1989 bei.

Für viele Bürger bedeutete dennoch der Genuss solcher Sozialleistungen eine Erleichterung ihres Lebens. Im Mittelpunkt stand meist die Wohnungsfrage, die denn auch 1971 als eines der Hauptziele in Angriff genommen bzw. weiter verfolgt wurde. Bis zum Ende der DDR war Wohnraum eines der wesentlichen Mangelgüter, Wohnungsämter hatten es mit ausgeklügelten Punktesystemen zu verwalten. Um so ehrgeiziger waren die Ziele der Wohnungsbaukombinate, so auch des WBK Erfurt. Während große Teile der Altstadt zunehmend Verfall und Abriss Preis gegeben waren, veränderte das WBK innerhalb von nur gut zwei Jahrzehnten nachhaltig das Erfurter Stadtbild mit den monotonen graubraunen Großplattenbauten im Norden und Südosten der Stadt.

Der 1976-81 errichtete Rote Berg folgte hierbei als jüngstes der nördlichen “Neubaugebiete” auf den Johannesplatz (1966-72), Rieth (1970-76) und Nordhäuser Straße (1974-80). In gerade einmal fünf Jahren stampfte man auf dem ehemaligen Flughafengelände einen ganzen Stadtteil mit 5300 Wohneinheiten aus dem Boden. Errichtet wurden Plattenbauten der WBR (Wohnungsbaureihe) “Erfurt” mit 5, 11 (“Wohnscheiben”) und 17 Geschossen (“Punkthochhäuser”). Hinzu kamen Schulen, Kindergärten, Gaststätten und Sozialeinrichtungen ebenfalls in Plattenbauweise. Die Straßen der Neubaugebiete waren bisher überwiegend nach Städten aus dem “befreundeten” sozialistischen Ausland benannt worden. Auf dem Roten Berg würdigte man nun mit dem Richard-Eyermann-Ring (heute: Julius-Leber-Ring), Karl-Reimann-Ring, Fritz-Gäbler-Ring (heute: Jakob-Kaiser-Ring), Willy-Albrecht-Ring (heute: Alfred-Delp-Ring) und der Willy-Gebhardt-Straße (heute: Bonhoefferstraße) einheimische KPD- bzw. SED-Funktionäre. Hinzu kam die dem führenden Thüringer Sozialdemokraten und späteren SED-Funktionär gewidmete August-Frölich-Straße.

Die städtebaulichen Planungen von W. Nitsch, K. Thomann und H. Ziegenrücker beschritten Neuland, indem sie vier Wohnkomplexe (Eyermann-, Reimann-, Gäbler- und Albrecht-Ring) mit äußerer schleifenförmiger Verkehrserschließung (über Gebhardt- und Frölichstraße) vorsahen. Im Mittelbereich waren das “Komplexzentrum”, Ruhezonen, Grünanlagen usw. geplant. Von der Architektur-Fachliteratur der DDR wurde das Wohngebiet als beispielhaft hervorgehoben. Freilich waren aber auch zahlreiche Probleme nicht zu übersehen. Dass die Infrastruktur vom Gehweg bis hin zum Wohngebietszentrum den Wohnungsübergaben teils Jahre hinterher hinkte, stellte keine Besonderheit dar. Wohl aber war der Rote Berg das einzige Neubaugebiet ohne Straßenbahnanbindung - sie wurde erst 1992 hergestellt -, was insbesondere im Berufsverkehr zu überfüllten Bussen führte. Als nördlichste Satellitenstadt war er zudem durch das Industriegebiet Erfurt-Nord und einen großen Schrottplatz vom gewachsenen Stadtgebiet abgeschnitten. So sehr die meisten Erfurter über eine zugewiesene Neubauwohnung auch hier glücklich waren, galt der Rote Berg doch nicht gerade als “erste Wahl”.

Er war denn auch von allen Plattenbaugebieten nach 1989/90 mit am stärksten von Abwanderung betroffen. Innerhalb von zehn Jahren ging die Einwohnerzahl von 12.000 (1995) auf 6300 (2006) dramatisch zurück. Während die Fünfgeschosser-Komplexe überwiegend saniert sind, fielen bereits mehrere der Wohnscheiben und Punkthochhäuser dem Abriss zum Opfer. Hierin könnte aber auch die Zukunft des Wohngebietes liegen, dessen verbliebene Bewohner sich offenbar überwiegend wohl fühlen. Die emotionalen Diskussionen über den Vorschlag, den Roten Berg zugunsten anderer Neubaugebiete gar komplett abzureißen, haben dies demonstriert. Eine Bürgerbewegung kämpft für einen attraktiveren Roten Berg, der gemeinsam mit der östlich angrenzenden Rote-Berg-Siedlung als Wohnstandort im Norden Erfurts erhalten bleiben sollte.


Text: Steffen Raßloff: Das Neubaugebiet Roter Berg. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 37 (2008). S. 16.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt