Meister Eckhart Erfurt

Meister-Eckhart-Rezeption in Erfurt

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Im Mittelpunkt der vielen gerade in diesem Jahr wieder erscheinenden Publikationen über Meister Eckhart steht meist der schon zu Lebzeiten legendäre Theologe und Mystiker. Kaum weniger bedeutsam war jedoch auch die sprachhistorische Leistung des Dominikanermönches. Sie veranlaßte den Erfurter Historiker und Volkskundler Martin Wähler dazu, ihn voller Enthusiasmus zu den großen thüringischen „Sprachschöpfern“ zu zählen: „Wenn die Männer genannt werden, die der deutschen Sprache Anschaulichkeit und Innerlichkeit, scherzende Leichtigkeit und musikalischen Klang gegeben haben, dann sind es Meister Eckehart, Luther, Goethe und Nietzsche ...“ (Thüringische Volkskunde, 1940). So wie Wähler reihten zahlreiche Intellektuelle der Zeit Meister Eckhart in die exklusive Ahnengalerie der deutschen Kulturnation ein, was die Erfurter bzw. Thüringer unter ihnen natürlich mit besonderem Stolz erfüllte. Daher gehörte er zum festen Repertoir lokalpatriotischer Identitätsstiftung sowie einer bisweilen pseudosakralen Überhöhung Thüringens zum kulturellen Kernland Deutschlands.

Hintergrund dieser Verehrung war sowohl die als besonders „deutsch“ bzw. „germanisch“ empfundene Theologie als auch die Rolle der Mystiker für die Ausweitung des deutschen Wortschatzes. Im Zentrum der Mystik stand der unmittelbare Zugang zu Gott, der über intensive Kontemplation zu erreichen sei. Da die Dominikaner aber zugleich auf die Stadtbevölkerung wie auch auf ihre Ordensschwestern religiös einwirken wollten (daher auch „Prediger“), mußten sie deren Sprache sprechen – und nicht das unter ihnen gebräuchliche Latein. Ihr Verdienst bestand so darin, daß meist abstrakte, aus den Bereichen des Gefühles und Glaubens stammende Begriffe nun auch in der Volkssprache ausgedrückt werden konnten. Eine der herausragenden Neubildungen Eckharts ist beispielsweise das Substantiv „das Sein“ („daz sîn“); typisch ist weiter die Übertragung von konkreten Begriffen v.a. aus der Natur (der „Fluß“) in den Bereich der Gedankenwelt: „göttlicher Einfluß“ („götlicher inflûz“).

Daß Meister Eckhart ein Thüringer war, nur unweit von Erfurt geboren und über Jahrzehnte im dortigen Predigerkloster ansässig, hat wie erwähnt die bürgerlich-nationalen Historiker und Heimatforscher der Region schon lange fasziniert. (Hier zeigen sich deutliche Parallelen zu Luther, in dem man im nationalprotestantischen Geiste sowohl den Reformator wie auch den sprachprägenden Bibelübersetzer verehrte.) Es erschien kaum eine stadthistorische Überblicksschrift, in der der „wiederentdeckte“ Meister Eckhart nicht überschwenglich als Erfurter reklamiert worden wäre. Selbstverständlich ist er in Johannes Biereyes biographischem Nachschlagewerk „Erfurt in seinen berühmten Persönlichkeiten“ (1937) präsent; bei Alfred Overmann heißt es: „So darf man wohl Erfurt als die eigentliche Heimat dieses größten und tiefsten Denkers des deutschen Mittelalters ansehen.“ (Erfurt in zwölf Jahrhunderten, 1929). Besonders nach dem Ersten Weltkrieg bzw. im Dritten Reich nahm der „Ahnenstolz“ auf den Mystiker dann freilich sehr bedenkliche Formen an.

So zieht Martin Wähler in der eingangs zitierten „Thüringischen Volkskunde“ von 1940 Meister Eckhart als einen der Kronzeugen für die angeblich in Rasse und Lebensraum wurzelnde besondere „sprachschöpferische Begabung“ der Thüringer heran. Schon 1926 hatte der damalige Studienrat am Städtischen Realgymnasium in einer Textesammlung „Deutsche Mystik“ von dem „aus dem Herzlande Deutschlands, aus Thüringen, stammenden Meister“ geschwärmt. Der Weimarer Schriftsteller Ernst Wachler mag als Beispiel für jene völkischen Intellektuellen genannt werden, die nun gar eine neue „germanisch-deutsche Religion“ anstrebten und „in der Philosophie des Mittelalters unter kirchlichem Formelkram das Erwachen des heimischen religiösen Geistes – ja, das Erwachen unserer Sprache in der deutschen Mystik“ auszumachen glaubten (Die Heimat als Quelle der Bildung, 1926). Den prominentesten Fall dieser problematischen Rezeptionsgeschichte stellt fraglos „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ aus der Feder des 1946 in Nürnberg hingerichteten NS-Ideologen Alfred Rosenberg dar (1930, zahllose Auflagen bis 1945). Für Rosenberg offenbarte sich in den Schriften Meister Eckharts „das Wirken nordischen Wesens“, die arische „Rassenseele“, die die „fremde lateinische Sprache“ ablehnte: „Den Gebrauch der heiligen deutschen Muttersprache trotzte die religiöse deutsche Bewegung um die Mitte des 13. Jahrhunderts dem volksfeindlichen Rom ab.“

In diesem Geiste erfolgten auch in Erfurt solche demonstrativen kulturpolitischen Maßnahmen, wie die Umbenennung der Kasinostraße in Meister-Eckehart-Straße (1938). Der Mystiker war, längst weit jenseits seines wirklichen theologisch-sprachlichen Schaffens, zum Symbol einer von „undeutschen“ Einflüssen freien Kultur- und Sprachtradition stilisiert worden, die die Ursprünglichkeit und Überlegenheit der arisch-germanischen Rasse insbesondere natürlich in ihrer deutschen Ausprägung verkörpern sollte. Hieran hatten, daran ändern auch rühmliche Ausnahmen wie die des Volkshochschul-Direktors Kurt Döbler nichts, maßgebliche Vertreter des Erfurter Bildungsbürgertums teils regen Anteil – Wähler etwa repräsentierte seit 1938 als Vorsitzender den angesehenen Geschichtsverein. Verwiesen sei in diesem Kontext auch auf den kurzlebigen Luther-Verein (1939-1945), in dem das Lutherbild in ähnlicher Weise wie bei Meister Eckhart ins Heldisch-Germanische übersteigert wurde.

All diese bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichenden lokalpatriotischen, nationalistischen und völkisch-rassischen Vereinnahmungen und Umdeutungen ändern freilich nichts an der Leistung des mittelalterlichen Kirchengelehrten, zumal die Wissenschaft sein reiches geistiges Erbe längst seriös aufgearbeitet hat; und im Gegensatz zur heute dennoch für viele sicher recht fremden Welt der Mystik tritt die Bedeutung auf sprachschöpferischem Gebiet klar hervor. So darf man wohl im „Meister-Eckhart-Jahr“ 2003, ohne den fragwürdigen älteren Rezeptionssträngen zu folgen, mit einem gewissen Wohlwollen auf dessen thüringisch-erfurtische Herkunft verweisen.


Text: Steffen Raßloff: Vom "deutschen Sprachschöpfer" zur Offenbarung "arischer Rassenseele". Wege und Abwege der Meister-Eckhart-Aneignung. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 19 (2003). S. 12 f.


Siehe auch Meister Eckhart Denkmal