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Johannes Biereye

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Johannes Biereye

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (29.06.2013)


Gründervater der modernen Stadtgeschichte

DENKMALE IN ERFURT (104): Johannes Biereye hat über Jahrzehnte unermüdlich die Geschichte Erfurts erforscht und popularisiert.


Es gibt viele Möglichkeiten für eine Stadt, verdiente Bürger zu ehren. Eines ist die Pflege seiner Begräbnisstätte. In der Ehrengräbersatzung heißt es hierzu: „Schützenswerte Grabstätten der Stadt Erfurt sind Gräber, Grabsteine und Grabanlagen, die Verstorbene ehren, welche in der Stadt bekannt waren und für das Ansehen Erfurts gewirkt haben.“ Dies trifft auch auf das Grab von Prof. Dr. Johannes Biereye (1860-1949) im Gräberfeld 20 P nahe der Feierhalle zu. Jene etwas versteckt unter dichten Baumwipfeln stehende schlichte Steinstele enthält nur Name und Lebensdaten des Geheimrates. Von Efeu überwachsen strahlt die Grabstätte eine gewisse Bescheidenheit aus. Dabei war und ist Johannes Biereye in Erfurt sehr bekannt und hat intensiv für dessen Ansehen gewirkt. Sein Name steht für den Aufschwung der modernen Stadtgeschichtsforschung und ihrer populärwissenschaftlichen Vermittlung.

Am 10. Juni 1860 in Brücken nahe Sangerhausen geboren, besuchte Johannes Biereye das Königliche Gymnasium in Erfurt. Damit sollte eine lebenslange enge Verbindung zur geschichtsträchtigen Domstadt beginnen. Nach Studium und ersten Stationen als Lehrer kehrte er zu seiner großen Freude 1908 als Direktor des Gymnasiums nach Erfurt zurück. Biereye engagierte sich sofort neben anderen Ehrenämtern im 1863 gegründeten Geschichtsverein, dessen Vorsitz er von 1919 bis 1938 inne hatte. Damit verkörpert er zugleich einen Generationswechsel in der Stadtgeschichtsforschung. Zunächst getragen von engagierten Laien wie Karl Herrmann und Wilhelm von Tettau, bestimmten nun Fachleute wie Biereye und Archivdirektor Prof. Dr. Alfred Overmann das Feld. Biereye legte zahlreiche Publikationen vor, hielt Vorträge, gab Führungen und engagierte sich im Denkmalschutz. Der Kampf des Geschichtsvereins um den Erhalt der Krämerbrücke und der Wasserburg Kapellendorf etwa wurde maßgeblich von ihm getragen.

Die Stadt Erfurt ehrte Johannes Biereye schon 1931 mit einem Straßennamen. Eine Gedenktafel gibt es allerdings nicht. Dies ist insofern Ironie der Geschichte, als sich niemand mehr für die Markierung von historischen Orten eingesetzt hat. Zahlreiche Gedenktafeln und Denkmale gehen ursprünglich auf die Initiative von Biereye und des Geschichtsvereins zurück. Der Historiker hatte hierbei in vielen Fällen zuvor Forschungsarbeit geleistet. Das gilt etwa für die Erfurter Lutherstätten von den authentischen Orten in der Altstadt bis hin zum Lutherstein bei Stotternheim. Letzterer wurde im 400. Reformationsjubeljahr am 4. November 1917 natürlich mit einer Ansprache von Johannes Biereye feierlich eingeweiht.

(Fotos: Stadtarchiv Erfurt, Hanns-Georg Waldheim)


PS: 2014 erfolgte dank Spenden von Mitgliedern eine Sanierung des Grabsteins durch den Erfurter Geschichtsverein (siehe Abb.).


Lesetipps:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.

Steffen Raßloff: "Ad maiorem Erfordiae gloriam". 150 Jahre Verein für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 1863–1945 und 1990–2013. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 74 (2013). S. 7-46.

Rudolf Benl: Johannes Biereye (1860–1949). Ein Lebensbild. Zum 50. Todestag des Erfurt-Historikers. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 60 (1999). S. 121–164.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Erfurter Geschichtsverein, Karl Herrmann, Lutherstein, Kapellendorf, Krämerbrücke