Karl Emil Franzos

Karl Emil Franzos und Erfurt

“Erfurt - wie wär`s? Eine Geschäftsstadt, ja, aber sie “macht” in Blumen, das ist doch eine hübsche Ware. [...] Zudem ist ja Erfurt uralt, eine Hansastadt, da kann`s gar nicht nüchtern sein. [...] Der heilige Bonifacius, und - Bismarck im Unionsparlament und dazwischen die Universität und Dalberg, der Kur-Erzkanzler. [...] Freilich nach Erfurt, hübsch ist`s in Erfurt, ja, ja, du, tu`s!” (Karl Emil Franzos)


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Erfurt, die alte Metropole und heutige Landeshauptstadt Thüringens, kann auf eine lange Geschichte zurück blicken. 742 in einem Brief des Missionars Bonifatius erstmals erwähnt, entwickelte es sich im Mittelalter zu einer der größten und wohlhabendsten Städte des Deutschen Reiches. Die 1389 gegründete Universität gehörte zu den angesehensten in Mitteleuropa. Die zahlreichen imposanten Bauten der Erfurter Altstadt, bekrönt vom Domhügel mit St. Marien und St. Severie, verweisen auf diese große Zeit. An den kurmainzischen Statthalter und späteren Erzbischof Karl Theodor von Dalberg erinnert die Statthalterei am Hirschgarten, an Bismarcks Gastspiel beim Unionsparlament 1850 die Augustinerkirche, in der auch der Mönch Martin Luther ein und aus ging. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts stieg Erfurt zur modernen Industriegroßstadt auf, die mit ihren Gartenbaubetrieben zudem den weltweiten Ruf einer Blumenstadt erlangte.

Erfurt steckt also voll von Erinnerungsorten an eine große Geschichte. So hat denn auch der Berliner Journalist und Schriftsteller Karl Emil Franzos, bekannt durch die Herausgabe der Werke Georg Büchners, seinen Entschluss, Erfurt zu besuchen, nicht bereut. Reisereportagen waren vor 100 Jahren sehr in Mode. Franzos, einem führenden Vertreter dieser Zunft, verdanken wir ein lebendiges Bild des Erfurt um 1900. Er reiste im Sommer 1901 kreuz und quer durch Mitteldeutschland, dabei seine Eindrücke zu Papier bringend. Sehr geschickt verband er dabei Gegenwartsschilderungen mit gründlich recherchierter Geschichte, die überall zwanglos in die Erzählung einfließt. Zunächst im Feuilleton der Vossischen Zeitung zu lesen, erschienen die Reisebilder 1903 als Buch unter dem Titel „Aus Anhalt und Thüringen“. Nach Aufenthalten in Zerbst, Dessau, Wörlitz und Wittenberg erreichte Franzos Erfurt, das „Herz Thüringens“.

Der erste Eindruck ist jedoch nicht sonderlich würdig, eher im Gegenteil: „Vor dem Bahnhof ein enges, von häßlichen Häusern und Holzverschlägen umschlossenes Plätzchen.“ Auch der weitere Weg durch die Bahnhofstraße erweckt noch den Eindruck einer „nüchternen Geschäftsstadt“, wie Franzos überhaupt die prosaischen Winkel Erfurts spöttisch anspricht. Freilich hätte sich ihm nur wenige Jahre später ein ganz anderes Bild geboten. Denn 1905 entstand mit dem Hotel Erfurter Hof eine würdige Visitenkarte gegenüber dem Hauptbahnhof, damals noch für die meisten Reisenden das Tor zur Stadt. Seit 2007 vermittelt das historische Haus, in dem Kommerzienrat Georg Kossenhaschen, der “falsche Prinzen” Harry Domela 1926 und Bundeskanzler Willy Brandt beim Gipfeltreffen 1970 Geschichte schrieben, nach Sanierung als Büro- und Geschäftshaus in neuem Glanze dem Bahnreisenden von heute wieder einen angemessenen ersten Eindruck von Erfurt.

Rasch sollte sich auch Franzos mit der aufblühenden Großstadt Erfurt anfreunden, die fünf Jahre später ihren einhunderttausendsten Bürger freudig begrüßen konnte. Neben der „Poesie“ der pulsierenden Industriestadt fesselten ihn natürlich jene Vorzüge der Mittelaltermetropole in reizvoller Umgebung, die auch heute die Anziehungskraft des Tourismusstandortes Erfurt ausmachen. Fast schon wehmütig formulierte er beim Abschied: „Wie bisher in der Wirklichkeit, so fahre ich nun in Gedanken wieder auf den Steiger und durch die Blumenfelder und gehe wieder über den Anger und den Domplatz und durch das Gewirr enger Gäßchen, bedächtig und andächtig und der Sehnsucht voll.“

Was den Reisebericht von Franzos so lesenswert macht, sind aber nicht nur die Schilderungen seiner historisch-touristischen Entdeckungen, die mittlerweile selbst eine wichtige Quelle der Stadtgeschichte darstellen. Gerade die kleinen Anekdoten am Rande, mit viel wohlwollender Ironie gespickt, machen das Erfurt um 1900 wieder lebendig. So etwa die Schilderung menschlicher Hindernisse bei seinen Erkundungen, wenn ihm viele Erfurter Kirchen wegen unwilliger Küster verschlossen bleiben, Auskünfte der Erfurter dem Fremden nicht immer wirklich weiter helfen oder sein Kutscher im Steiger-Ausflugslokal das ein oder andere Bier zuviel trinkt.

Eine echte Entdeckung ist der seinerzeit in Erfurt ungemein populäre Generalkonsul Wilhelm Knappe und dessen Südseesammlung, die im Jahre 2005 nach langem Dornröschenschlaf wieder als kulturelles Jahresthema der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Auch hier “menschelt” es in typisch Franzos`scher Manier. Sein geschäftstüchtiger Droschkenkutscher verlängerte ihm eines Vormittags unaufgefordert den Weg vom Anger zum Steigerwald durch ausgreifendes „Sightseeing“ entlang des Johannes-Rings (Juri-Gagarin-Ring). Darauf angesprochen, erwidert der Kutscher vor dem heutigen Volkskundemuseum in echtem „Erfurtsch“: „Aber ech daachte, Sie määchten doch auf dem Weeche was siehn! Hier is doch Knappen sihne Sammlung, was als Generalgonsul die schwarz-weiß-rote Fahne gegen die nackischten Wilden in Samoa geschwungen hat.“

Es lohnt sich also, mit Karl Emil Franzos auf eine ganz individuelle und unterhaltsame Entdeckungstour durch das Erfurt Anno 1901 zu gehen.


Text: Steffen Raßloff: Vorwort. In: Karl Emil Franzos: Erfurt. Ein Reisebericht aus dem Jahre 1901. Mit einem Vorwort von Steffen Raßloff. Erfurt 2008. S. 7 f.