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Erfurter Gipfeltreffen

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Erfurter Gipfeltreffen 1970

1970 fand in Erfurt das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen zwischen Willy Brandt und Willi Stoph statt.


"Willy! Willy!" - so begrüßten am 19. März 1970 tausende begeisterte DDR-Bürger lautstark den Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in der thüringischen Bezirksstadt Erfurt. Willy Brandt war zu Gesprächen mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph angereist, dem ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen. Um 9.30 Uhr langte der Sonderzug des westdeutschen Regierungschefs am Erfurter Hauptbahnhof an. Auf dem Bahnsteig erfolgte zunächst die Begrüßung durch die DDR-Delegation. Als Stoph und Brandt anschließend die kurze Strecke vom Bahnhof zum gegenüberliegenden Tagungsort, dem Interhotel "Erfurter Hof", zu Fuß zurücklegten, schlugen die Wellen der Emotionen hoch. Die Absperrung der Volkspolizei (VP) am Bahnhofsvorplatz wurde durchbrochen und der Platz gestürmt. Nur mit äußerster Mühe konnte die VP einen schmalen Durchgang zum Hotel freihalten. Mit dem Sprechchor "Willy Brandt ans Fenster!" riefen die bis zu 8.000 Menschen wenig später den Staatsgast ans Fenster seines Hotelzimmers. Als dieser sich zeigte (Foto: Stadtarchiv Erfurt), brandete tosender Jubel auf. Das waren Bilder, die weltweit für Aufsehen sorgten - hatten sich doch rund 350 Journalisten aus 42 Ländern für das historische Treffen akkreditieren lassen.

Brandt zeigte sich in einem Brief an US-Präsident Nixon drei Tage später sehr bewegt von den "vielen Zeichen der Verbundenheit, die mir von den Menschen im anderen Teil Deutschlands gegeben wurden". Doch es ging nicht nur um die Person des populären SPD-Vorsitzenden, der seit Herbst 1969 an der Spitze einer sozial-liberalen Regierung in Bonn stand. Vielmehr verkörperte er mit seiner neuen Ost- und Deutschlandpolitik eine Perspektive der Entspannung und Annäherung, die offensichtlich auch die Menschen in der DDR ansprach. Nicht nur für Brandts engen Mitarbeiter Egon Bahr hatte sich die Tragweite des Geschehens offenbart: "Erfurt war als Ereignis bewegend, zeigte, wie schnell der Wunsch nach Einheit entflammbar ist." Sympathiebekundungen für den Regierungschef der Bundesrepublik und gesamtdeutsches Nationalgefühl - so hatte sich die SED-Führung das erste deutsch-deutsche Spitzentreffen auf eigenem Boden nicht vorgestellt.


"Wandel durch Annäherung" - Brandts neue Ost- und Deutschlandpolitik

Aber wie war es überhaupt zu diesem ersten Gipfel gekommen? Die zwei Jahrzehnte seit der doppelten Staatsgründung 1949 waren geprägt vom Kalten Krieg zwischen Ost und West, von enger Blockeinbindung der beiden deutschen Staaten. Unmittelbar an der Nahtstelle der Ost-West-Konfrontation, wurde das geteilte Deutschland zu einem ihrer Brennpunkte. Außer Verhandlungen über den "Interzonenhandel" gab es keine offiziellen deutsch-deutschen Beziehungen. Die Bundesrepublik, von 1949 bis 1969 unter CDU/CSU-geführten Regierungen, erhob als der einflussreichere und wirtschaftsstärkere Teilstaat einen strikten Alleinvertretungsanspruch. Die "Hallsteindoktrin" von 1955 besagte, dass die Bundesregierung die einzige demokratisch gewählte Vertretung des deutschen Volkes sei; daher würde die Bundesrepublik zu jedem Land, das die DDR ("Zone") anerkenne, die diplomatischen Beziehungen abbrechen. Der Kalte Krieg hatte jedoch mit Mauerbau und Kubakrise 1961/62 seinen bedrohlichen Höhepunkt überschritten. Mit den Gefahren eines "heißen" Atomkrieges unmittelbar konfrontiert, gingen die Weltmächte USA und Sowjetunion schrittweise zu einer Entspannungspolitik über. Die Deutschlandpolitik der Bundesregierung blieb davon allerdings zunächst unberührt. Während der Großen Koalition 1966-69 unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger (CDU) und Außenminister Brandt gab es zwar Signale des Umdenkens, die aber noch ohne Folgen blieben.

Erst der Regierungswechsel 1969 hin zur SPD-FDP-Koalition unter Kanzler Brandt und Außenminister Walter Scheel (FDP) markiert den Beginn wirklicher deutsch-deutscher Beziehungen auf Spitzenebene. Entscheidende Voraussetzung bildete die neue Ost- und Deutschlandpolitik Brandts. Die Bundesrepublik strebte nunmehr die Aussöhnung mit den Staaten Osteuropas einschließlich der Sowjetunion an. Willy Brandts Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal am 7. Dezember 1970 wurde zum Sinnbild für den Versuch, die Vergangenheit zu akzeptieren und sich (u.a. mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze) auf den Boden der Nachkriegsrealität zu stellen. Unter dem Motto "Wandel durch Annäherung" (Egon Bahr) sollten dabei auch die deutsche Zweistaatlichkeit anerkannt und bessere Beziehungen zur DDR erreicht werden.

Allerdings war Brandt nicht bereit, die Einheit der Nation in Abrede zu stellen. Schon in seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 betonte er: "Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland; ihre Beziehungen zueinander können nur von besonderer Art sein." Das deckte sich mit dem Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes. Dennoch äußerte die CDU/CSU-Opposition im Bundestag heftige Kritik am neuen Kurs der Regierung, der in der westdeutschen Öffentlichkeit umstritten war.

Brandts Haltung stand im Gegensatz zu den Forderungen der DDR. Seit 1949 strebte man die volle völkerrechtliche Anerkennung als souveräner Staat durch die Bundesrepublik an. Trotzdem ging die SED-Führung unter Walter Ulbricht auf das Gesprächsangebot ein. Dies lag auch daran, dass die Sowjetunion an einer Verbesserung der deutsch-deutschen Beziehungen interessiert war. Der "große Bruder" führte bereits eigene Entspannungsgespräche mit der BRD und verfolgte unter KPdSU-Generalsekretär Leonid Breshnew zielstrebig die Gründung einer europäischen Sicherheitskonferenz (KSZE).


"Der Tag von Erfurt" - Symbol nationaler Einheitshoffnungen

Schnell bahnte sich so das erste Treffen an. Auf mehrere offizielle Erklärungen folgten ab 2. März 1970 Vorbereitungen in Ostberlin. Beinahe wäre das Treffen jedoch noch an der Frage des Tagungsortes gescheitert. Vorgesehen war zunächst das Haus des Ministerrates. Die DDR-Seite lehnte jedoch eine Anreise Brandts über Westberlin strikt ab. Daraufhin kam es am 12. März kurzfristig zur Einigung auf das grenznahe Erfurt.

Binnen einer Woche musste nun der Tagungsort "Erfurter Hof" den Anforderungen eines solch prestigeträchtigen Ereignisses angepasst werden. Der westdeutschen Delegation stand die gesamte erste Etage mit teils neuen Möbeln und modernster Bürotechnik zur Verfügung. Die ohnehin schon gehobene Gastronomie des "Interhotels" ließ nach entsprechenden Vorbereitungen und Sonderlieferungen keine Wünsche übrig. Das Pressezentrum wurde in der "Glashalle" auf der "iga" (1961), der "Internationalen Gartenbauausstellung" der "Blumenstadt", eingerichtet, Telefondirektleitungen in die Bundesrepublik geschaltet. Und nicht zuletzt galt es die Reisestrecke Brandts nach Erfurt und zur nachmittags besuchten KZ-Gedenkstätte Buchenwald großräumig abzusichern. Weiterhin wurden alle umliegenden Volkspolizei-Kreisämter zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen; die Abreise "verdächtiger Elemente" in die Bezirksstadt war entweder zu verhindern oder sofort zu melden.

Eine wichtige Rolle in der Vorbereitung spielte das Ministerium für Staatssicherheit. Eine Reihe der "unauffälligen" Herren sondierte neben der Polizei das Umfeld, während die Sicherung des "Erfurter Hofes" ausschließlich in der Hand des MfS lag. Zur positiven Beeinflussung der öffentlichen Stimmung vor Ort wurden neben zivilen Vertretern der "Organe" zuverlässige SED-Genossen aufgeboten, beispielsweise Studenten der Bezirksparteischule. Ihnen war es vorbehalten, auch den DDR-Ministerpräsidenten spontan hochleben zu lassen: "Hoch, hoch, hoch! Es lebe Willi Stoph!" Ebenso auf diese staatsnahen Personengruppen gehen Sprechchöre zurück, die den Forderungen der DDR-Delegation Nachruf verleihen sollten: "Forderung an Willy Brandt: DDR wird anerkannt!"

Für die Auswahl des am 19. März diensttuenden Personals im Hotel und Hauptbahnhof galt das Prinzip der Zuverlässigkeit, wobei freilich nicht nur an politische Kriterien zu denken ist. Auch hier liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Dies ging so weit, dass beispielsweise die Leiterin des Mitropa-Restaurants im Bahnhof zwei Nächte auf den Stühlen ihrer Gaststätte schlafen musste, da immer ein Verantwortlicher vor Ort zu sein hatte.

Andererseits bekamen die Erfurter Betriebe Anweisung, am 19. März keine Freistellungen für ihre Mitarbeiter zu erteilen. Damit sollte der Ansammlung einer schwer kontrollierbaren Menschenmenge vorgebeugt werden. Freilich fanden genügend Erfurter einen Vorwand, diese Bestimmung zu umgehen. Günther Hergt etwa, beschäftigt im Gartenbaubetrieb "Chrestensen", ließ sich an diesem Tag in aller Frühe zwei Zähne ziehen, um beim Treffen vor Ort sein zu können. Wie die meisten Augenzeugen zählt der Hobbyfotograph, dem wir eines der "Fensterbilder" mit Brandt verdanken (siehe Abbildung), jene Momente vor dem "Erfurter Hof" zu den beeindruckendsten seines Lebens.

Trotz der intensiven Vorkehrungen ließ sich die Volkspolizei vom Ausbruch der Emotionen überrumpeln. Die Polizei-Sperren wurden überrannt, eine Straßenbahn, die zur Absperrung dienen sollte, wäre beinahe umgeworfen worden, hätte der Fahrer nicht reaktionsschnell zurückgesetzt. Kurzzeitig hatte der totalitäre Staat die Gewalt über sein Volk verloren. Dies passte natürlich nicht zu dem Plan, das Treffen weltweit zum Symbol ostdeutscher Eigenstaatlichkeit zu stilisieren. Der Historiker Joachim Scholtyseck betont zu Recht, dass die "überraschenden Demonstrationen der Erfurter Bevölkerung zeigten, wie stark das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen noch war".

Hiervon sah sich auch Kanzler Brandt tief beeindruckt, zugleich aber auch besorgt. In seinen unmittelbar vor der Wende 1989 veröffentlichten "Erinnerungen" heißt es rückblickend: "Der Tag von Erfurt. Gab es einen im meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre? Jenseits der deutsch-deutschen Grenze winkten entlang der Strecke Menschen, obwohl die Volkspolizei hätte einschreiten sollen; aus den Fenstern grüßten Frauen, wie ihre Männer von und vor den Arbeitsplätzen. [...] Willi Stoph erwartete mich am Bahnhof, von dem wir zum Hotel ´Erfurter Hof´ hinübergingen. Es hatte sich jene große Menge eingefunden, die ihrer Freude durch Zurufe Ausdruck gab. Als ich mich zurückgezogen hatte, tönte es in Sprechchören: ´Willy Brandt ans Fenster!´ Dem folgte ich nicht gleich, dann aber doch, um mit der Gestik der Hände um Zurückhaltung zu bitten. Ich war bewegt und ahnte, dass es ein Volk mit mir war. Wie stark musste das Gefühl der Zusammengehörigkeit sein, das sich auf diese Weise entlud! Aber es drängte sich die Frage auf, ob hier nicht Hoffnungen aufbrachen, die nicht ? so rasch nicht ? zu erfüllen waren. Ich würde am nächsten Tag wieder in Bonn sein. Konnte ich sicher sein, ob mein Einfluss zugunsten derer ausreichte, die wegen ihrer sympathischen Demonstration mit einer weniger sympathischen Obrigkeit in Konflikt gerieten?"

Brandt war natürlich klar, dass die unübersehbaren Einheitshoffnungen in der damaligen Situation keine Aussicht auf Erfüllung besaßen und zudem die Menschen in der DDR in Gefahr bringen konnten. (Tatsächich kam es zu 109 Festnahmen durch die Polizei u.a. wegen "Zusammenrottung" und "Beifallsbekundungen für Brandt".) Selbst kleine Fortschritte schienen vorerst noch weit entfernt, wie die Gespräche mit Willi Stoph bis zur abendlichen Abreise zeigen sollten. Insbesondere die Haltungen zur Kernfrage der deutsch-deutschen Beziehungen prallten unvermittelbar aufeinander: Forderung nach voller völkerrechtlicher Anerkennung der DDR hier (Stoph), Beharren auf den besonderen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten da (Brandt). Nur durch die Vereinbarung eines Folgetreffens konnte die Ergebnislosigkeit der Gespräche notdürftig überspielt werden. Es fand am 21. Mai 1970 in Kassel statt und endete ebenso ohne greifbares Ergebnis.

Und die "Obrigkeit" zog ihre Konsequenzen aus den "Provokationen" von Erfurt. In der noch am 19. März beginnenden Auswertung schob man die Schuld vordergründig der Volkspolizei zu. Ohne auf die tieferen Ursachen einzugehen, schworen sich die Genossen des ZK der SED, dass so etwas nie wieder passieren dürfe. Alle zukünftigen Treffen dieser Art sollten durch ein zentrales "Leitungssystem der inneren Mobilmachung" abgesichert werden. Das führte zu völlig überzogenen Sicherheitsvorkehrungen beim zweiten Spitzentreffen in der DDR, dem Besuch Helmut Schmidts 1981. Auch Erfurt sollte noch einmal erleben, wie die Staatsmacht seit 1970 dazu gelernt hatte. Beim Besuch des österreichischen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger im Lutherjahr 1983 wurde die gesamte Fußgängerzone Anger komplett abgeriegelt. Schmidt und Kirchschläger fuhren durch "Geisterstädte", deren Straßen von ausgesuchten SED-Genossen gesäumt wurden.

In der ideologischen Arbeit galt es nach dem Erfurter Treffen 1970 die Sympathien für Brandt und seine Deutschlandpolitik schleunigst zu dämpfen. Bezüge auf das Gemeinsame traten völlig zurück. Die neue Verfassung von 1974 tilgte schließlich sogar den bisherigen Verweis auf die "deutsche Nation" und erklärte die DDR zum "sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern". Hinfort betonte man die Entwicklung einer "sozialistischen Nation" in der DDR, der eine "bürgerliche Nation" in der BRD gegenüberstehe.


Zwischen Annäherung und Abgrenzung. Deutschlandpolitik 1970 - 1989/90

Das Erfurter Treffen hatte also der DDR-Führung die gefährliche Sogwirkung der neuen Deutschlandpolitik Brandts vor Augen geführt. Dennoch folgte auf Erfurt aktive deutsch-deutsche Entspannungspolitik. Denn zum einen konnte sich die DDR nicht dem weltweiten Trend entgegenstemmen. Zum anderen sah die SED unter ihrem neuen Parteichef Erich Honecker (1971-1989) aber auch die Chance, außenpolitisch an Profil zu gewinnen. Die Bundesrepublik verfolgte den Annäherungskurs weiter. Nach dem Rücktritt Brandts wegen der Affäre um den DDR-Spion im Kanzleramt Günter Guillaume 1974 folgte die Phase der "kleinen Schritte" unter Helmut Schmidt. Auch die Machtübernahme durch die konservativ-liberale Regierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) 1982 führte zu keinem grundlegenden Kurswechsel. Mit dem Besuch Honeckers in der Bundesrepublik 1987 fällt sogar einer der größten Prestigeerfolge der DDR in die Ära Kohl.

Der Gipfel im "Erfurter Hof" steht als erster Markstein am Beginn dieses Prozesses. US-Außenminister Henry Kissinger äußerte hierzu in seinen Memoiren: "[Seine] Bedeutung lag darin, dass sich die politischen Führer der beiden deutschen Staaten zum erstenmal offiziell getroffen und miteinander gesprochen hatten." Es bildete den Auftakt einer Phase intensiver Verhandlungen. Die Vereinbarungen über Westberlin, das Transitabkommen und der Verkehrsvertrag machten die innerdeutsche Grenze ab 1972 durchlässiger. Besuchsreisen von Westdeutschen nahmen spürbar zu. Aber auch DDR-Bürger hatten jetzt die Möglichkeit, bei dringenden Familienangelegenheiten in den "Westen" zu reisen; bis dahin war dies nur Rentnern gestattet. Der Grundlagenvertrag 1972 brachte schließlich die Regelung des zwischenstaatlichen Verhältnisses. Die BRD und die DDR sicherten sich gegenseitig die uneingeschränkte Selbstständigkeit zu, tauschten "ständige Vertretungen" aus und verpflichteten sich zu engerer Zusammenarbeit auf verschiedenen Gebieten.

Der Grundlagenvertrag ebnete auch den Weg zur internationalen Anerkennung der DDR. 1973 wurden beide deutsche Staaten in die UNO aufgenommen und gehörten 1975 zu den Unterzeichnern der KSZE-Schlussakte von Helsinki. Dieser Prestigegewinn stellte sich jedoch als zwiespältige Sache dar, konnten sich die kritischen Stimmen im Inneren doch jetzt auf die Grundrechte der UN-Charta und KSZE-Schlussakte berufen. Die DDR-Führung hatte zudem den Spagat zwischen zunehmender ökonomischer Abhängigkeit von der BRD und den innenpolitischen Gefahren der Annäherung zu meistern. Die Bundesrepublik konnte manchen Fortschritt, etwa durch die zwei Milliardenkredite 1983/84, förmlich "erkaufen". Von einigen Historikern wird heute die These vertreten, dass die Annäherungspolitik den Prozess der "Wende" in der DDR mit vorbereitet hat. Der Empfang von Westmedien, die Erleichterungen im Verkehr, die häufigeren zwischenmenschlichen Begegnungen, die Präsenz eines westdeutschen Quasi-Botschafters und westlicher Journalisten - all dies führte zu einem gewissen "Wandel durch Annäherung".

Die 1970 eingeleitete Annäherungspolitik fand, auch wenn sie von mancher Fehleinschätzung begleitet wurde, aus dieser Perspektive in der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ihren Höhepunkt. Voraussetzungen waren freilich das Ende des Ost-West-Konfliktes und die friedliche Revolution in der DDR, die nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 rasch Kurs auf die deutsche Einheit nahm. In der Bundesrepublik getragen und international durchgesetzt wurde die zügige Wiedervereinigung von der Regierung Kohl. Die SPD hingegen plädierte für einen längeren Prozess. Dies sollte sich in den Wahlen von 1990 als entscheidend erweisen. Auch die Haltung der "lebenden Legende" Brandt konnte hieran nichts ändern. Schon von Krankheit gezeichnet, sah er sein politisches Fernziel der 70er Jahre Wirklichkeit werden: "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört." Während des Volkskammer-Wahlkampfes kehrte der Altkanzler am 4. März 1990 noch einmal in das Erfurter Hotel am heutigen Willy-Brandt-Platz zurück, wo er 20 Jahre zuvor einen der emotionalsten Momente seiner langen Politikerlaufbahn erlebt hatte.

Der "Erfurter Hof" hat das Potenzial zum historischen Erinnerungsort im wiedervereinten Deutschland. Er kann für sich in Anspruch nehmen, als authentischer Schauplatz des ersten deutsch-deutschen Spitzentreffens und der beeindruckendsten öffentlichen Demonstration nationalen Einheitswillens in der DDR zwischen dem 17. Juni 1953 und der Wende 1989 zu gelten. Bürger und Vereine der Stadt sind bemüht, dieses Symbolpotenzial auch in kulturelle Erinnerungsarbeit umzusetzen.

Freilich waren Brandt und Stoph nur zwei von zahlreichen prominenten Gästen, die der "Erfurter Hof" seit seiner Eröffnung 1905 beherbergte: Franz Josef Strauß, Nicolae Ceausescu, Louis Armstrong, Juri Gagarin, die Puhdys, Roy Black u.v.a.m. Erich Honecker pflegte mit Politprominenz von hier aus regelmäßig zu "Staatsjagden" im Thüringischen aufzubrechen. Das traditionsreiche "erste Haus am Platz" mit seiner beliebten Gastronomie, an die viele Erfurter ganz persönliche Erinnerungen knüpfen, sollte jedoch nach der Schließung 1995 in einen traurigen Dornröschenschlaf verfallen. 2007 öffnete das geschichtsträchtige Gebäude nach umfassender Sanierung als Büro- und Geschäftshaus wieder seine Pforten. Im nachts erleuchteten "Willy-Brandt-Zimmer" erinnert ein Bilderfries ebenso an den historischen Moment wie ein Info-Terminal in der Tourist Information und die 2009 installierte Leuchtschrift "Willy Brandt ans Fenster" auf dem Dach des "Erfurter Hofes".


Text nach: Steffen Raßloff: Das Erfurter Gipfeltreffen 1970 (Thüringen. Blätter zur Landeskunde 49) Erfurt 2005. (3. aktualisierte Auflage durch die Friedrich-Ebert-Stiftung Thüringen: "Willy Brandt ans Fenster!" Das Erfurter Gipfeltreffen 1970. Erfurt 2015)


Literaturtipp:

Steffen Raßloff (Hg.): "Willy Brandt ans Fenster!" Das Erfurter Gipfeltreffen 1970 und die Geschichte des "Erfurter Hofes". (Schriften des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt. Bd. 6) Jena 2007.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Erfurter Hof, Willy Brandt Denkmal, Hauptbahnhof