Antisemitismus in Erfurt

Antisemitismus in Erfurt

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Die Judenfeindschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, kulminierend im nationalsozialistischen Holocaust mit seinen sechs Millionen Opfern (Abb. abgebrannte Synagoge in Erfurt 1938, Stadtmuseum Erfurt), hatte eine lange Vorgeschichte. Seit dem Mittelalter war es in zahlreichen Ländern Europas immer wieder insbesondere in Krisensituationen zu teilweise äußerst brutalen Ausbrüchen gegen die gesellschaftlich-religiösen Außenseiter gekommen. Selbst die sog. Judenemanzipation des 19. Jahrhunderts, die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bürger, stieß in vielen Bereichen an spürbare lebensweltliche Grenzen bzw. rief erhebliche Widerstände hervor.

Einen neuen, starken Schub erhielt die nunmehr zunehmend pseudowissenschaftlich untermauerte Abneigung gegen "Juda" in Deutschland im Jahre 1873. Auf den "Gründerboom" seit 1871 war der "Gründerkrach" gefolgt, der die überhitzte Konjunktur nach der Errichtung des Deutschen Kaiserreiches mit entsprechenden wirtschaftlich-sozialen Folgen abrupt beendete. Erstmals seit längerer Zeit mussten die Juden wieder als universeller Sündenbock herhalten, und zwar diesmal für die Schattenseiten der modernen Industriegesellschaft, die v.a. der bürgerliche Mittelstand als besonders existenzgefährdend empfand. Aber auch im gehobenen Bürgertum geisterte eine virulente Abneigung umher, die bis weit in liberale Kreise hineinreichte. Eine starke Wurzel hatte diese Geisteshaltung, für die sich seit den 1880er Jahren der Begriff Antisemitismus durchsetzte, in der zwar aufgebauschten, aber doch im Kern zutreffenden Beobachtung, dass die Juden im Verhältnis zu ihrem geringen Bevölkerungsanteil überdurchschnittlich stark in wirtschafts- und bildungsbürgerlichen Spitzenpositionen zu finden seien. Eine der wesentlichen Ursachen, der jahrhundertelange Ausschluss aus allen "ehrbaren" handwerklich-bürgerlichen Berufen, wurde dagegen meist übersehen oder stillschweigend übergangen. Das Erfurt der Kaiserzeit und Weimarer Republik mag hierbei sowohl hinsichtlich der sozialen Konstellationen als auch der daraus erwachsenden politisch-gesellschaftlichen Frontstellungen als symptomatischer Fall gelten.

Die "traditionellen" antijüdischen Vorbehalte - 1485 hatte sich die Stadt sogar das Recht erkauft, keine Juden dauerhaft in ihren Mauern dulden zu müssen und dieses bis zum Herrschaftswechsel von Kurmainz an Preußen im Jahre 1802 behauptet - gehörten sicher nicht mehr zu den vordergründigen Vorstellungen der Kaiserzeit; während die sozialdemokratische Arbeiterschaft ihn zumindest parteioffiziell ablehnte, hatte sich der Antisemitismus auch im Bürgertum nicht als bestimmende Kraft durchsetzen können. Dazu trug fraglos die einflussreiche Stellung führender Erfurter Juden bei, die mittlerweile zum wirtschaftlichen und politischen Establishment gehörten. Genannt seinen die Gartenbaudynastie Benary, die Schuhfabrikanten Hess, Kaufhausbesitzer Reibstein, Bankier Moos u.a. Ernst und Heinrich Benary gehörten der exklusiven Herrengesellschaft "Ressource" an, Richard Reibstein war Bruder der Freimaurerloge "Carl zu den drei Adlern", Friedrich Benary führte 1912-1917 die Präsidentschaft der Handelskammer usw. Schon 1839 war mit Ephraim Salomon Unger, dem Leiter einer angesehenen Privatlehranstalt, der erste Jude in die Stadtverordnetenversammlung gelangt (dessen Vater David Salomon Unger wiederum hatte 1810 die erste Bürgerrechtsverleihung erwirkt); 1861/65 folgten ihm die Unternehmer Ernst Benary und Wilhelm Moos. Fortan spielten führende Vertreter der jüdischen Gemeinde eine gewichtige Rolle in der Kommunalpolitik. Auch als Ehepartner kamen sie grundsätzlich in Betracht. So heiratete etwa Max Stürcke, späterer Chef der angesehensten Erfurter Privatbank, Anna Benary aus der jüdischen Großgärtnerfamilie. Der Herausgeber der führenden Tageszeitung, des "Erfurter Allgemeinen Anzeigers" (ab 1919 "Thüringer Allgemeine Zeitung" [TAZ]), Verlagsleiter Walter Richters, war ebenfalls mit einer gebürtigen Benary verheiratet - sicher kein unwesentlicher Umstand für die Prägung der öffentlichen Meinung. Daher gebot es allein die Rücksichtnahme auf diese angesehenen Mitbürger, antisemitische Äußerungen "in Gesellschaft" zu vermeiden. Die kleine, weitgehend assimilierte Erfurter Gemeinde - vor der NS-Machtergreifung 1933 umfasste sie ca. 1.300 Mitglieder, von denen einige in gutsituierten Verhältnissen lebten - bot zudem kaum Anlass für einen emotionalen Antisemitismus, wie ihn das fremdartige orthodoxe Ostjudentum hervorrief. Die führenden jüdischen Familien hatten sich innerhalb weniger Jahrzehnte durch ihre Anpassungsbereitschaft und ihre Erfolge in den Bereichen Wirtschaft und Bildung in die städtische Honoratiorenschicht emporgearbeitet und genossen ein entsprechendes Ansehen.

Dennoch sind gewisse hartnäckige Vorurteile nicht zu übersehen. Selbst in großbürgerlichen Zirkeln kam es gelegentlich zu Spannungen aufgrund eines traditionell-religiösen Antisemitismus. Diese zumindest latenten Ressentiments in den "gebildeten" und "besitzenden" Schichten des Kaiserreiches machten auch um die Honoratiorenschaft Erfurts bei aller öffentlichen Zurückhaltung keinen Bogen. Dass in zunehmendem Maße völkisch-rassistisch sowie sozial motivierte Vorbehalte relativ weit verbreitet waren, zeigen zudem die zweimaligen Achtungserfolge antisemitischer Parteien bei den Reichstagswahlen: 1898 erreichten sie in Erfurt 18,6% (im Reich 3,7%), 1903 11,4% (2,6%). Anfängliche Integrationsfigur dieser seit 1890 in Erfurt aktiven Parteien und Strömungen war der Schneidermeister und Handwerkskammerpräsident Johannes Jacobskötter (1839-1911). Die mehrfache (erfolgreiche) Kandidatur des eingeschworenen Antisemiten für die Konservative Partei (1893-1903) verweist zudem auf eine gewisse "Salonfähigkeit" derartiger Ansichten, die 1892 sogar ins konservative Parteiprogramm aufgenommen worden waren.

Den fruchtbarsten Nährboden bildete hierbei, wie angedeutet, der bürgerliche Mittelstand. Die von der Sozialdemokratie rhetorisch dem Untergang geweihten Handwerker, Kleinhändler und Gastwirte wie auch die "Stehkragenproletarier" der kleineren Angestellten- und Beamtenschaft neigten zu antisozialistischen, rassistischen oder nationalistischen Ideologien, zu denen auch der Antisemitismus zählte. Bei ihnen spielte der soziale Aspekt eine gewichtige Rolle, waren die Juden als Kaufhausbesitzer, Bankiers oder Großunternehmer doch leicht für eigene wirtschaftlich-soziale Probleme und Abhängigkeiten verantwortlich zu machen. Damit dürften bereits im Kaiserreich, ohne schon von einem breiten und radikalen Antisemitismus sprechen zu können, zumindest die Stereotypen vom tüchtigen und ehrlichen Deutschen und den wuchernden, betrügenden, seelenlos-intellektuellen Juden gerade im Erfurter Kleinbürgertum durchaus weit verbreitet gewesen sein.

Nach 1918 gelang es den konservativen und rechtsextremen Parteien und Bewegungen, die Juden mit den weitgehend abgelehnten Ereignissen bzw. Entwicklungen - die Niederlage im Ersten Weltkrieg, die Novemberrevolution und das "System" der Weimarer Republik - in Verbindung zu bringen. Der Antisemitismus bekam unverkennbaren Auftrieb - lange bevor die Nationalsozialisten ihn zu ihrer Kernideologie machten. Die Bandbreite der Anfeindungen war groß, sie reichte von den gängigen Vorurteilen bis zu extremen Hetztiraden. Neben den nationalen Symbolfiguren, wie dem 1922 ermordeten Außenminister Walther Rathenau, dienten als Zielscheiben auch lokale Persönlichkeiten, insbesondere der Schuhfabrikant, moderne Kulturmäzen und demokratische Stadtverordnete Alfred Hess (1879-1931), den man seitens der extremen Rechten zur Verkörperung von "plutokratischer Judenrepublik" und "kultureller Entartung" erhob.

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Zentrale Bedeutung besaß bei alldem die Konstruktion einer Verbindung von Revolution und verlorenem Krieg mit dem Judentum. Für viele Bürger war mit dem 9./11. November 1918, der Abdankung Kaiser Wilhelms II. und der Unterzeichnung des Waffenstillstands, eine Welt zusammengebrochen. Man weigerte sich regelrecht, die Niederlage anzuerkennen bzw. suchte nach Schuldigen im Inneren für diesen unglaublichen Vorgang. Wie beispielsweise der konservative Antisemit Walter Corsep (1862-1944), eine zentrale Figur des "Kulturkampfes" um die moderne Kunst im Erfurt der 20er Jahre, diese historische Zäsur verarbeitete, mag trotz der rassistischen Übersteigerungen in gewissem Maße verallgemeinerbare Züge tragen. In der Schrift "Irrtümer der Vorkriegszeit" (1929) fasste der im Weltkrieg reaktivierte Oberstleutnant a.D. die seiner Meinung nach entscheidenden Gründe für die deutsche Kriegsniederlage und den verheerenden Umsturz vom November 1918 zusammen. Schuld waren "die Zerstörungs- und Zersetzungsarbeit des internationalen Juden- und Freimaurertums" sowie die "im Solde und Schlepptau beider treibende [...] Sozialdemokratie bzw. der von Asiens Steppen her, durch Juden importierte Bolschewismus". Hier verbanden sich die alten Vorbehalte gegen die vermeintlich "vaterlandslose" Sozialdemokratie mit einem radikalisierten Antisemitismus. Jene Verknüpfung stützte sich auf die verhältnismäßig zahlreichen Juden in führenden Positionen bei der SPD (sowie der linksliberalen DDP) und deren strikte Ablehnung des Antisemitismus.

Diese antisozialistisch-antisemitische und antidemokratische Vorstellungswelt war in Teilen des gesamten tonangebenden politischen Spektrums der Bürgerschaft verwurzelt. Während der führend in der konservativen DNVP aktive Oberstleutnant Otto von Feldmann angesichts der vermeintlich drohenden "Überfremdung" öffentlich eine "Züchtung (der Deutschen) nach einer bestimmten, vorwiegend oder rein germanischen Richtung hin" forderte, äußerte der angesehene Stadtschulrat und Ortsgruppenführer der rechtsliberalen DVP Dr. Willibald Gutsche über Revolution und Republik: "22 deutsche Fürsten aus altem germanischem Geschlecht sind durch die Revolution beseitigt worden. An ihre Stelle traten 1000 jüdische Machthaber." Immer mehr Angehörige v.a. des Bürgertums empfanden die Juden in dieser fundamentalen Umbruchsituation als etwas Fremdes und Bedrohliches. Letztlich forderte jene Haltung, konsequent weitergedacht, die wie auch immer zu realisierende "Ausschaltung" dieser angeblichen Gegner einer harmonischen nationalen Volksgemeinschaft, die als Voraussetzung für den Wiederaufstieg Deutschlands angesehen wurde.

Diese gefährliche Mischung diverser Feindbilder spiegelt sich in Corseps "Karikaturenschatz" wider. In den (im Erfurter Stadtarchiv aufbewahrten) Skizzen und Entwürfen werden die zentralen Vorurteile der völkisch-nationalen Weltsicht zu Papier gebracht. Immer wieder geht es gegen die Juden, die im Stile des "Stürmer"-Hetzblattes von NSDAP-"Frankenführer" Julius Streicher mit krummer Nase und hässlichem Gesicht dargestellt werden. Diese vorzugsweise reichen Juden führen als Weltverschwörer die Marxisten und Demokraten als ihre Erfüllungsgehilfen am Gängelband (siehe Abb., Foto: Stadtarchiv Erfurt), erscheinen als "Drückeberger", "Etappenhengste" und nunmehrige Profiteure des Weltkrieges. Hierbei schreckte Corsep keineswegs vor der Kritik an angesehenen jüdischen Direktoren, Bankiers, Rechtsanwälten und Redakteuren zurück. Gerade im großbürgerlichen, "schmarotzenden" Judentum sah er seinen Hauptfeind.

Das Votum von über 9.200 Erfurtern (13,4% der Wähler) für den antisemitischen Völkisch-Sozialen Block bei den Reichstagswahlen 1924 stand somit in der Tradition der Kaiserzeit und wies zugleich auf die hohe Mobilisierungsfähigkeit rassistischer Parolen nach 1918 hin. Und es waren auch jetzt in erster Linie die vielen verunsicherten und sozial abgestiegenen Mittelständler, die sich von den jüdischen Wirtschafts- und Bildungsbürgern in ihrer Existenz bedroht sahen. Der alte Vorwurf verstärkte sich in dieser Phase unverkennbar: "Der Jude" habe sich auf Kosten der "Deutschen" durch Wucher und Schacher einen unangemessen hohen gesellschaftlichen Status erworben; gerade die unmittelbare Nachkriegsnot - Epidemien, Teuerungen, Kohle- und Lebensmittelmangel etc. - lasteten viele "kleine Leute" den Juden an.

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Der spektakuläre Sieg des mehrfach vorberstraften Wochenblatt-Herausgebers Adolf Schmalix (1890-1957) und seiner Großdeutschen Freiheitsbewegung bei den Stadtverordnetenwahlen von 1929 zeigte mit aller Drastik die wachsende Anfälligkeit für antisemitische Demagogie in Verbindung mit populistischen Versprechungen. Schmalix hatte sich in erster Linie zum "Retter des Mittelstandes" aufgeschwungen - zum Retter vor den Bedrohungen eines vermeintlichen "semitischen Vernichtungsfeldzuges". In seinem "judenreinen nationalen Wochenblatt" "Echo Germania" (seit 1925), in Flugblättern und auf zahllosen Versammlungen betrieb er eine permanente Hetze. Neben dem Vorwurf einer viel zu mächtigen Stellung der Juden im Erfurter Wirtschaftsleben schürte Schmalix finsterste Klischees, indem er dem jüdischen Fabrikanten Walter Cerf die Verführung eines "deutschen" Mädchens mit anschließendem Schwangerschaftsabbruch unterstellte, indem er die Praxis des Schächtens zur "jüdischen Tierquälerei auf dem Erfurter Schlachthof" hochstilisierte, indem er die Gerüchte über jüdische Ritualmorde an "deutschen" Kindern aufgriff usw.

Der gesellschaftliche Einfluss der Juden und die Haltung maßgebender Teile der nichtjüdischen Oberschicht verhinderten jedoch weiterhin ein breites öffentliches Ausgreifen des Antisemitismus. Er spielte in der Presse keine vordergründige Rolle, die TAZ verwarf ihn sogar ausdrücklich als ungerecht und schädlich. Auch angesehene Honoratioren nahmen klar Stellung; Logen-Altmeister Adolf Scholtz schrieb hierzu: "Der Antisemitismus ist immer [...] eine beschämende Schwäche der davon ergriffenen Gesellschaftskreise gewesen; jetzt nach dem Kriege, in dem die jüdischen Volksgenossen Seite an Seite mit den Christen gestanden haben und nicht hinter ihnen zurückgeblieben sind, würde ein judenfeindliches Verhalten zur schnöden Ungerechtigkeit ausarten." Selbst die konservativ-völkische "Mitteldeutsche Zeitung" (erschienen seit 1919) vermied einen allzu tönenden Antisemitismus. So kamen etwa die erwähnten Karikaturen Walter Corseps, der gelegentlich für dieses Blatt kulturkritische Beiträge verfasste, dort nie zur Veröffentlichung. Durch den wachsenden Rassenwahn motivierte Ausschreitungen, wie die Schändung des jüdischen Friedhofes in der Cyriakstraße 1926, wurden weithin als "unerhörter Vandalenakt" abgelehnt und die Verurteilung der Täter zu mehrjährigen Haftstrafen ausdrücklich begrüßt.

Der Antisemitismus gehörte also selbst im bürgerlichen Milieu der Weimarer Zeit nicht zu den beherrschenden konsensfähigen Denkmodellen, wie Nationalismus und Antimarxismus. Er war jedoch mehr oder weniger unterschwellig vorhanden, hatte "Tradition" sowie einige engagierte, radikale Verfechter. Nicht zuletzt die populären bürgerlich-nationalen Wehrverbände der 20er Jahre, der Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten und der Jungdeutsche Orden, festigten mit dem ihrer völkisch-nationalistischen Ideologie innewohnenden Antisemitismus die wachsenden Vorbehalte, wenngleich er bei ihnen weniger radikal hervortrat. Die enge Verknüpfung des Antisemitismus mit den aktuellen Sorgen und Nöten gerade des bürgerlichen Mittelstandes wiederum trug erheblich zu den politischen Erfolgen der Konservativen und Völkischen sowie von Adolf Schmalix bei. Und diese Verknüpfung begünstigte letztlich auch den wachsenden Zulauf zur NSDAP mit ihrer radikalrassistischen Utopie einer nationalen Volksgemeinschaft.


Text: Steffen Raßloff: Antisemitismus in Erfurt zwischen Reichsgründung und "Machtergreifung" 1871-1933. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 16 (2002). S. 9-11 erneut in: Stadt und Geschichte-Sonderheft 8 (2008) Jüdisches Leben in Erfurt. S. 29-31.


Siehe auch Erfurt im Nationalsozialismus, Antisemitismus in Thüringen, Jüdisches Leben Erfurt