Stahlhelm Erfurt

Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten (1918-1935)

Der "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten" war eine Organisation von Teilnehmern des Ersten Weltkrieges, der im rechten politischen Spektrum der Weimarer Republik Bedeutung besaß.


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Bei dem politischen Mobilisierungsprozess des Bürgertums in der Weimarer Republik spielten die von Teilnehmern des Ersten Weltkrieges gegründeten Wehrverbände eine wichtige Rolle. Neben den recht elitären, eher organisierend und finanzierend in Erscheinung tretenden Bürgerparteien und Vereinen traten diese neuen paramilitärischen Verbände unübersehbar als Mobilisierungfaktoren "auf der Straße" hervor. Die Wehrverbände entwickelten sich zu Repräsentanten bürgerlich-nationaler Interessen und Werte gegenüber der organisierten Arbeiterschaft unter den Bedingungen einer radikalisierten und polarisierten Gesellschaft.

Der noch Ende 1918 vom Magdeburger Likörfabrikanten und Hauptmann der Reserve Franz Seldte gegründete "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten" profilierte sich rasch zum bedeutendsten nationalen Wehrverband des Reiches. Mit seiner politischen Orientierung auf die beiden bürgerlichen Rechtsparteien Deutschnationale Volkspartei (DNVP, konservativ) und Deutsche Volkspartei (DVP, rechtsliberal) wurde er auch in Erfurt tonangebend. Die im Oktober 1919 gegründete Ortsgruppe entwickelte sich in den frühen 20er Jahren zum regionalen Schwerpunkt im Thüringen, während der "Jungdeutsche Orden" ("Jungdo") Arthur Mahrauns, der zweite wichtige bürgerlich-nationale Wehrverband, eher in Gotha sein Zentrum fand.

Die Stahlhelm-Führer, v.a. verabschiedete höhere Offiziere, verbreiteten eine autoritär-hierarchische Ständestaatsideologie, in der der "gewachsenen Herrenschicht" ausdrücklich eine Führungsrolle zugedacht war. Zum Vorbild wurde hierbei zunehmend das faschistische Italien Benito Mussolinis. Ein Vordenker der Stahlhelm-Ideologie war der Schriftsteller Arthur Moeller van den Bruck, der mit seinem Buch "Das dritte Reich" (1923) auch den Nationalsozialisten die Schlagworte lieferte. Diese Gedankenwelt beinhaltete eine Grundhaltung, die zum Kampf gegen den "Bolschewismus" und das "Zwischenreich" von Weimar animierte. Linken und Republikanern wurde in Form der "Dolchstoßlegende" - sie hätten das siegreiche Heer durch die Novemberrevolution 1918 von hinten erdolcht - die Schuld an der Kriegsniederlage zugeschoben. Das Ganze wurde ergänzt durch völkisch-rassistische und antisemitische Vorstellungen. Der emotionsgeladene Nationalismus zielte auf eine Wiedergewinnung deutscher Wehrfähigkeit und Hegemonie in Europa, auf die Wiederherstellung der 1914/18 verlorenen Weltmachtstellung.

Zugleich beinhaltete die Stahlhelmideologie aber auch soziale Elemente, die deren Attraktivität für große Teile des Mittelstandes und selbst der Arbeiterschaft erklären. Die Wunschvorstellung einer homogenen, versöhnten nationalen Volksgemeinschaft wurde von dem anfangs ausschließlich aus Weltkriegsteilnehmern (bis 1924) gebildeten Stahlhelm zur Vision des "Frontsozialismus" weiterentwickelt. Daneben betonte der sich für die sozialen Belange der Frontkämpfer engagierende Bund seine angebliche Überparteilichkeit. Welch breites Spektrum der zunächst von Registrator Wilhelm Terp, später von Kapitän a.D. Rudolf Madlung geleitete Erfurter Stahlhelm damit von Beginn an erreichen konnte, zeigt schon seine Gründungsveranstaltung. Sie fand Mitte Oktober 1919 in der "Flora" unter Anwesenheit von Redakteur Kremser (SPD) statt. Mögen auch einige Arbeiter bzw. Sozialdemokraten Mitglieder im Stahlhelm gewesen sein, blieb doch sein bürgerlich-nationaler Charakter hiervon unberührt. Die organisierte linke Arbeiterschaft sah in diesem Bund von vornherein "einen zuverlässigen Stoßtrupp der Gegenrevolution", der sich bald zum Hauptgegner in den verrohten politischen Auseinandersetzungen der 20er Jahre entwickelte, in denen der Weltkrieg einen blutigen Nachhall fand.

Der Stahlhelm wurde zur wichtigsten Propagandaorganisation und Schutzgemeinschaft der Bürgerschaft vor 1930. Enge Beziehungen bestanden zu Vereinen und Verbänden. In erster Linie waren dies die ca. 40 Kriegervereine (Garde-Verein, Krieger- und Militär-Verein ehem. 71er, Landwehrverein usw.). Deren Mitglieder gehörten häufig, soweit sie am Weltkrieg teilgenommen hatten, zugleich dem Stahlhelm an. Der Stahlhelm rückte diese trotz aller militaristischen Rhetorik doch eher gutbürgerlichen Geselligkeitsvereine jedoch schnell in den Schatten. Großen Einfluss besaßen naturgemäß die Offiziersbünde, deren Mitglieder führende Positionen besetzten und den Geist des Frontkämpferbundes prägten. Aber auch die Geselligkeits- und Bildungsvereine unterstützten den Stahlhelm und pflegten enge Kontakte. Desweiteren kann man vermuten, dass die wichtigen Wirtschaftsorganisationen den rechten Wehrbund unterstützten, wie sie es bereits mit der Bürgerwehr ("Ordnungshilfe Erfurt") der Kapp-Putsch-Tage im März 1920 getan hatten, als sich Bürgertum und Arbeiterschaft förmlich wie im Krieg bekämpften und 8 Tote sowie 79 z.T. schwer Verletzte zu beklagen waren. Auch einzelne Honoratioren, insbesondere führende Unternehmer, trugen zur Finanzierung bei, so etwa der bis 1923 in Erfurt ansässige Zigaretten-Fabrikant Philipp Reemtsma, der dem Bund 40.000 Reichsmark zukommen ließ.

Der Wehrverband rückte immer stärker in den Mittelpunkt, gewann führenden Einfluss auf die meisten anderen "vaterländischen Verbände". Mit Kapelle und uniformierten Formationen umrahmte er bald nicht nur nahezu sämtliche nationalen Veranstaltungen, von denen er nicht wenige selbst organisierte, sondern begleitete auch diverse andere Feste und bot selbst beliebte Konzerte von Marschmusik bis Klassik an. Auch aus dieser Sicht genoss er höchstes Ansehen, repräsentierte nicht nur militaristischen Geist, sondern durchaus auch bürgerliche Kultur im umfassenderen Sinne. Ohne Frage war es gerade diese zugkräftige Mischung aus strammem "Heeresersatz" und geselligem Sonntagskonzert, die an bessere und glänzendere Tage der alten Garnisonsstadt erinnerte.

Man verschmerzte in Erfurt nur schwer den Verlust der Garnison als Folge des Versailler Friedensvertrages von 1919. Auch wenn sicher Verklärung mit im Spiele war, so ist es doch bezeichnend, wenn die "Thüringer Allgemeine Zeitung" (TAZ) von einem "Band" sprach, "wie es enger und fester wohl nur in wenigen Standorten zwischen Bürgerschaft und Militär bestanden hat, einem Band, das nicht einmal durch das Schanddiktat von Versailles zerrissen werden konnte". Der erhebliche wirtschaftliche, aber auch ideelle Stellenwert der 1925 in Form des Reiter-Regimentes 16 zurückgekehrten Garnison spricht aus dem blumigen, ja geradezu euphorischen Bericht des ansonsten eher nüchtern gehaltenen städtischen Verwaltungsberichtes: "Aber als an dem sonnigen Septembermorgen [...] wieder die hellen Trompeten der schmucken Reiter [...] in den Straßen Erfurts erklangen und der stolze Truppenteil sich vor dem tausendjährigen Wahrzeichen Erfurts auf dem Friedrich Wilhelmsplatz (Domplatz) formierte, wo der Oberbürgermeister der wiederkehrenden Garnison den Empfangs- und Festgruß der Stadt überbrachte, hatte die alte und neue Stadt Erfurt einen wesentlichen Teil ihres früheren Glanzes wiedergefunden."

Somit bestand die Attraktivität des Stahlhelm, der sich v.a. auch als Traditionswahrer und Kaderschmiede einer neuen kommenden Wehrmacht verstand, nicht zuletzt in der Verkörperung des ungebrochenen deutschen "Wehrwillens" und der eminenten Hochschätzung des Militärischen unter den als entehrend empfundenen Bedingungen der Gegenwart (100.000-Mann-Heer ohne Wehrpflicht, keine schweren Waffen usw.). Im Mittelpunkt seines Wirkens stand mithin die "Wiederaufrichtung des Vaterlandes" nach dem verlorenen Krieg, wobei der Revanchegedanke immer mehr oder weniger offen mitschwang. Seine nationalen Protestversammlungen widerspiegelten die Haltung im Bürgertum zu den bewegenden Fragen der Zeit. So deckte etwa die Stahlhelm-Versammlung im Festsaal der Oberrealschule am 27. Mai 1921 das übliche Spektrum ab: der Vorsitzende des Deutschnationalen Jugendbundes Dr. Koniecki sprach zum Kriegsschuldlüge-Komplex, Frau Margarete Pohle von der DNVP-Lokalspitze beschwor die "Demütigungen" und "Rachegedanken" der perfiden Gegner, insbesondere die "Schwarze Schmach" im Rheinland (farbige französische Besatzungssoldaten) herauf, und Amtsdirektor Dr. Richard Herbst referierte über die polnisch-französischen Machenschaften bei der Abtretung und Entrechtung deutscher Gebiete im Osten. Das waren die Gegenstände, mit denen nunmehr neben bzw. gemeinsam mit den Rechtsparteien immer häufiger auch der Stahlhelm große Massen auf die Beine brachte. Begeistert begleiteten die Bürgerblätter die anfangs demonstrativ mit dem Reichsgründungstag am 18. Januar zusammenfallenden nationalen Frontsoldatentage des Stahlhelm.

Der Stahlhelm entwickelte sich über seine Funktion als "überparteilicher" nationaler Ideologieträger hinaus aber v.a. auch in den Auseinandersetzungen mit den gewaltbereiten linken Arbeitern rasch zum paramilitärischen Arm der Bürgerschaft. Er wurde gewissermaßen als Nachfolger der Bürgerwehr angesehen, zumal die reichsweite Organisation und viele Untergliederungen aus den Freikorps und Einwohnerwehren der frühen Bürgerkriegsphase 1919/20 hervorgegangen waren. Die erste echte Kraftprobe des Stahlhelm mit der Arbeiterschaft am 2. Oktober 1921 verdeutlichte die Identifikation des Bürgertums mit dem Frontsoldatenbund. Von den Arbeiterparteien der Stadt aufgerufen, störten "gewissenlose sozialistische und kommunistische Elemente" (TAZ) an diesem Sonntag mit Gewalt einen Frühschoppen des Stahlhelm im "Rheinischen Hof". Der "rote Terror" gegen den Stahlhelm wurde eindeutig als Affront gegen "das schutz- und rechtlose Erfurter Bürgertum" aufgefasst, das sich offensichtlich selbst helfen müsse. Damit gewann die Radikalisierung der Bürger eine neue Dimension. Politische Gewalt, verstanden als Mittel legitimer Notwehr gegen die aggressive, verblendete Arbeiterschaft und für die Interessen der ganzen Nation, wurde jetzt salonfähig. Sofort stellten sich die beiden Rechtsparteien hinter den Stahlhelm und nutzten die aufgebrachte Stimmung zu weiterer antisozialistischer und antidemokratischer Mobilisierung. Mit Genugtuung registrierte man die eindrucksvolle und diesmal völlig ungestörte "Fahnenweihe" des Stahlhelm im restlos überfüllten "Stadthaussaal" wenige Wochen später.

Auch in der Folgezeit kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Die real-physische Bedrohung v.a. durch die Kommunisten mit ihrem "Roten Frontkämpferbund" (1924-1933) war ein politscher Mobilisierungsfaktor höchsten Grades; wer selbige aktiv zu bekämpfen bereit war, konnte auf breite Zustimmung hoffen. Mit seinem selbstbewussten Auftreten provozierte der Stahlhelm zudem häufig die Kommunisten, vermied es aber tunlichst, seinerseits "linke" Veranstaltungen zu stören. Damit konnte er sich als legitime Schutzorganisation des Bürgertums bzw. des "nationalen Gedankens" fest etablieren. Er stärkte damit das Selbstbewusstsein der Bürger, die durch die "Feldgrauen" ihre Werte und Überzeugungen, selbst wenn sie nicht in allen Details mit der Stahlhelm-Ideologie übereinstimmten, machtvoll gegen die "Bolschewisten" vertreten sahen. Sein extremer Nationalismus und Antisozialismus sowie die Ablehnung der Weimarer Republik spiegelte die Haltung großer Teile des Bürgertums wieder und verstärkte sie zugleich. Genau hier lagen wenig später die Ansatzpunkte für die NSDAP und deren paramilitärischen Verband SA, der ab 1929/30 schrittweise die Funktionen des Stahlhelms übernehmen sollte. Nach der "Machtergreifung" gingen 1934 die meisten Mitglieder in die SA über, 1935 wurde der Stahlhelm endgültig aufgelöst.


Text: Steffen Raßloff: Krieger zwischen den Kriegen. Der "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten" 1918-1935. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 25 (2005). S. 20 f.


Lesetipp:

Steffen Raßloff: Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe. Bd. 8). Köln/Weimar/Wien 2003.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Militär in Erfurt