Adolf Schmalix

Adolf Schmalix

Erfurter Antisemit und Wochenblattherausgeber ("Echo Germania") in der Weimarer Republik, Führer der "Großdeutschen Freiheitsbewegung"


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Am Montag, dem 18. November 1929 wird in Erfurt ein Kommunalwahlergebnis offenbar, das reichsweit für Schlagzeilen sorgt. Das, was die "Thüringer Allgemeine Zeitung" an diesem Tag zu berichten hat, führt zu lähmendem Entsetzen: "Erfurt begeht moralischen Selbstmord." Zu allem Übel wird die Stadt, die sich mit ehrgeizigen Projekten zum Fremdenverkehrszentrum profilieren will, zum Gespött der reichsweiten Presse. "Erfurt, Erfurt, wir fürchten, mit diesem Manne ist auch deine Ehr furt." - so etwa der Reim, den sich die Münchener Zeitung auf das Ereignis macht. Was war geschehen, dass Erfurt für einen Augenblick zum Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde? Der Stein des Anstoßes hieß Adolf Schmalix, ein wüster Demagoge mit dem Habitus Benito Mussolinis, der bisher durch nationalistisch-antisemitische Hetze, Angriffe auf angesehene Persönlichkeiten, Skandalchroniken und Prozesse für Aufsehen gesorgt hatte. Der allenthalben beginnende Aufstieg des Nationalsozialismus nahm in Erfurt den skurrilen "Umweg" über die von ihm geführte "Großdeutsche Freiheitsbewegung" (Abb. Wahlpostkarte, privat); deren sensationeller Wahlsieg - 17,8% bzw. 10 von 52 Mandaten - bildete das Startsignal für die rapide Auszehrung der herkömmlichen bürgerlich-nationalen Parteien der Weimarer Republik zugunsten der NSDAP, die ab 1930 dann auch in Erfurt zunehmend das Feld beherrschen sollte.

Wer war dieser Adolf Schmalix? Der 1890 in der Oberpfalz geborene Matrose gehörte seit der Novemberrevolution 1918 zu den Aktivisten der Rätebewegung in Kiel. Diese Position verlor er Anfang 1920 durch einen Unterschlagungsprozess, der ersten von zahllosen Kollisionen mit dem Gesetz. Aber erst das Jahr 1923 stellte den Zeitpunkt des "Umkippens" des Sozialdemokraten zum völkisch-antisemitischen Extremnationalisten dar. Ob diesem Vorgang ein tiefgreifender Sinneswandel oder nur eine opportunistische Umorientierung zugrunde lag, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen; seine gelinde gesagt materialistische Einstellung, die immer wieder deutlich wurde, macht letzteren Gesichtspunkt zumindest wahrscheinlicher. Nach dem Intermezzo der Teilnahme am Münchner Hitler-Putsch vom November 1923 sowie erneuter Verhaftung und Verurteilung - allerdings wegen der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten - siedelte Schmalix 1924 in die Stadt Erfurt über. Hier schlug er sich anfangs als selbständiger Veranstaltungsredner durch. Über seine Zuhörerschaft heißt es in einer zeitgenössischen Polemik: "Bei Schmalix treffen sich Stammtischspießer, hysterische Frauenzimmer, Tütchenkrämer, völkische Bravos mit Zweizentimeterstirnen und andere ´politische´ Kapazitäten." Es waren also nicht nur notorische Rechte, sondern auch bzw. gerade "normale" Kleinbürger, die sich zu diesem "völkischen Hetzredner" hingezogen fühlten - und ihn später auch ins Rathaus wählten. Der allmähliche Aufstieg zu einer der berüchtigtsten politischen Persönlichkeiten der Region stand allerdings zunächst noch im Einklang mit den Interessen der etablierten bürgerlichen Honoratiorengruppen und ähnelte damit in gewissem Sinne dem Hitlers vor dem Novemberputsch 1923, als jener von den völkischen und nationalistischen Organisationen und Führern noch als ihr "Trommler" betrachtet wurde.

Freilich geriet Schmalix durch seinen Konfliktkurs rasch wieder zum Außenseiter, zumal ihn die sozialistische Arbeiterschaft von Beginn an als faschistischen "Schmieriax" verhöhnte. Insbesondere durch sein Wirken als Schriftleiter und Herausgeber des Wochenblattes "Echo Germania" seit Dezember 1925 hatte er sich in seriösen bürgerlichen Kreisen unmöglich gemacht. Rasch deutete sich der erpresserische und auf Konfrontation gerichtete Charakter des neuen Erfurter Presseorgans an. Schmalix wandte sich v.a. an prominente Bürger, die keine Skandale gebrauchen konnten; erfüllten sie seine Forderungen, ließ er sie unbehelligt, ansonsten bezog er sie in seine Schmähungen mit ein. Dass sich Schmalix in seinem neuen Propagandablatt mit Vorliebe gegen Juden, Ausländer oder Demokraten ausließ, änderte nichts an der zunehmenden Ablehnung. Zudem schreckte er schließlich auch vor der tonangebenden rechtsbürgerlichen Honoratiorenschaft nicht mehr zurück. Die Reihe der Auseinandersetzungen und Prozesse war lang, allein Oberbürgermeister Dr. Bruno Mann unterhielt zeitweise vier Beleidigungsprozesse gleichzeitig. Den Höhepunkt stellte der "Fall Ehringhaus" dar. Walter Ehringhaus war Direktor der Gewerbeschule und engagierter Demokrat. Gerüchte um dessen Verstrickung in eine pikante Dreiecksgeschichte kamen dem auf derartige Fälle spezialisierten "Journalisten" Schmalix natürlich wie gerufen: Der verheiratete Direktor soll ein intimes Verhältnis mit seiner Stellvertreterin gehabt haben, das durch das Hinzutreten einer weiteren Lehrerin problematisch wurde. Mit Hilfe dieser Lehrerin (und wohl auch mit viel Phantasie) breitete Schmalix ab 1931 zahllose Details aus und beschuldigte gar die gesamte weibliche Lehrerschaft der Unzucht mit ihrem Direktor, so dass es erneut zu einem aufsehenerregenden Prozess kam.

Was waren über diese Strategie der Konfrontation hinaus die programmatischen Fixpunkte dieses radikalen Außenseiters der völkisch-nationalistischen Rechten? Schmalix hatte sich, wenn man den Ausführungen in seinem "Echo"-Aufsatz "Mein Kampf" von 1929 folgt, entschieden, Politiker zu werden - die offenbar gewollte Parallele zu seinem prominenten Vorbild Hitler ist unübersehbar. Im Frühjahr 1928 trat zu diesem Zweck der "Großdeutsche Freiheitsbund" ins Leben, dessen Programm wenig später im "Echo Germania" veröffentlicht wurde. In diesem Programm sind keine originären Ideen zu erkennen, vielmehr handelte es sich um ein Sammelsurium gängiger nationalistisch-völkischer Ansichten und Feindbilder; beherrschender Inhalt war ein ausgeprägter Antisemitismus. Deutlich kann man den Schmalixschen Standpunkt als Rassist erkennen, der auch die assimilierten Juden, zumal die einflussreichen Wirtschaftsbürger der Stadt, bekämpfte. In einem beispielhaften Artikel des "Echo Germania" vom Jahre 1927 unter dem Titel "Das verjudete Erfurt. Jüdische Industriebetriebe. Jüdische Handelsherren, Warenhäuser und Geschäfte" heißt es: "Sieht man sich in der Erfurter Wirtschaft etwas genauer um, so muß man zum großen Bedauern [...] feststellen, daß die wichtigsten und größten Betriebe und Geschäfte in den Händen der Juden sind. [...] Die Juden besitzen in Erfurt mehr Hab und Gut als alle Erfurter Bürger zusammen, obwohl sie nur einen Bruchteil in der Bevölkerung ausmachen." (Siehe Abb., Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt) Diese an soziale Neidgefühle gegenüber den Benarys und Hess` appellierende Argumentation führte weiter aus, dass die starke Stellung der Juden im Erfurter Wirtschaftsleben nicht etwa Ergebnis eines freien Wettbewerbes sei, sondern Symptom eines "semitischen Vernichtungsfeldzuges" gegen den deutschen Mittelstand. In das Zentrum seiner Polemik stellte Schmalix das "Warenhaus-Problem", das paradigmatisch für die Verknüpfung kleinbürgerlicher Existenzängste mit antisemitischen Vorbehalten stehen kann. Alle Register zog er gegen das vom jüdischen Tietz-Konzern geführte Kaufhaus Römischer Kaiser am Anger (1906/08), das größte und erfolgreichste Kaufhaus in Thüringen. Der heftige "Kaufhauskampf" stellte freilich nur einen Teil des Forderungenkatalogs dar; ebenso gehörte hierzu der Aufruf zum Boykott jüdischer Banken und Geschäfte und die Aufforderung, keine Juden in die Parlamente zu wählen. Diese Maßnahmen pries Schmalix schließlich als simpel-praktikablen Ausweg aus der Krise der Zeit - die Vertreibung der Juden aus der deutschen Volksgemeinschaft durch gezielte Diskriminierung als Allheilmittel gegen wirtschaftlich-soziale Not und politische Zwietracht.

Schmalix provozierte also in erster Linie heftige Konflikte mit der (groß-)bürgerlichen Honoratiorenschaft und spielte sich als Retter des Mittelstandes auf. Angesichts des in den 20er Jahren massiv schwindenden Vertrauens vieler (Klein-)Bürger in ihre alte politische Elite war dies sicher ein wesentlicher Grund für den Schmalixschen Wahlerfolg vom November 1929. Schmalix prangerte theatralisch das Versagen der Politik an und versprach ein "großes Aufräumen" im Rathaus. Dies mag viele enttäuschte Mittelständler trotz der zahlreichen Makel des Adolf Schmalix überzeugt haben. Zudem gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine schlagkräftige NSDAP-Ortsgruppe, die wie andernorts von derartigen Konstellationen hätte profitieren können. Die Schmalix-Wahl kann somit als kleinbürgerliche Protestwahl gegen die etablierten Parteien mit besonderer Spitze gegen die als ökonomische Bedrohung empfundenen Juden der Stadt interpretiert werden. Jene Mischung aus völkischer Demagogie, Mittelstandspopulismus und Konfrontation mit den alten Eliten machte wohl letztlich das Erfolgsgeheimnis des "starken Mannes von Erfurt" aus. Die "Persönlichkeit" Adolf Schmalix zeigt hierbei mit aller Drastik die Unterhöhlung des bisher bestimmenden Vorbildcharakters der liberal-konservativen Honoratioren, die seit Jahrzehnten Politik und Gesellschaft beherrscht hatten. Der "großdeutsche Diktator" widersprach so ziemlich allen Vorstellungen, die man von bürgerlichen Kommunalpolitikern traditionell hegte: Er verfügte weder über demonstrativen Besitz noch nennenswerte Bildung und bekleidete kein öffentliches oder Vereinsamt; ebenso waren keine irgendwie gearteten Verdienste um das Gemeinwohl der Stadt Erfurt zu erkennen. Überdies besaß sein Programm keinerlei Ansätze für die Bewältigung der akuten Probleme der Lokalpolitik. Seine nicht nur nach damaligen Vorstellungen sittlich-moralische Verderbtheit schließlich hätte ihn eigentlich für das Ehrenamt eines Stadtverordneten in den Augen der meisten Bürger disqualifizieren müssen. All dies zeigt, wie weit v.a. ein politisch polarisiertes, sich in seiner Existenz gefährdet sehendes (Klein-)Bürgertum für die auch noch so vage Vision einer besseren Zukunft zu gehen bereit war - die schrecklichen Konsequenzen, die dies nur drei Jahre später mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach sich ziehen sollte, sind bekannt.


Text: Steffen Raßloff: "Erfurt begeht moralischen Selbstmord". Adolf Schmalix und die Großdeutsche Freiheitsbewegung. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 13 (2001). S 28 f.


Literturtipps:

Steffen Raßloff: Bürgerkrieg und Goldene Zwanziger. Erfurt in der Weimarer Republik. Erfurt 2008.

Steffen Raßloff: Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe. Bd. 8). Köln/Weimar/Wien 2003.