Blumenstadt Erfurt iga egapark: Unterschied zwischen den Versionen
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Der Aufstieg zu einer Metropole des Gartenbaus war eng verbunden mit hochkarätigen Gartenbauausstellungen. Motor war meist der Gartenbauverein Erfurt mit den großen Unternehmern an der Spitze. Noch im Gründungsjahr 1838 konnte man in „Vogels Garten“, dem heutigen „Stadtgarten“, die erste dieser Schauen sehen, die sogar der preußische König Friedrich Wilhelm III. besuchte. Ein erster Höhepunkt wurde 1865 mit der „Allgemeinen deutschen Ausstellung von Produkten des Land- und Gartenbaues“ in „Vogels Garten“ erreicht. Sie gilt als eine Art „Ur-Bundesgartenschau“ und wurde von den Zeitgenossen als „erste, das ganze Gartenwesen umschließende deutsche Ausstellung“, als „ein wahres Fest der nie alternden Göttin Flora“ gefeiert. Die Ausstellung fand mit dem 2. Kongress deutscher Gärtner, Botaniker und Gartenfreunde statt und lockte rund 30.000 Besucher und fast 400 Aussteller nach Erfurt. Letztere kamen schon damals aus aller Welt, aus Brasilien, Spanien, Amerika, Chile, Jamaica, Gibraltar, Palästina, Indien und Australien. Türkischer Tabak, Ananas-Stauden oder Agaven besaßen seinerzeit noch eine ausgesprochene Exotik und verliehen der Schau einen besonderen Reiz. | Der Aufstieg zu einer Metropole des Gartenbaus war eng verbunden mit hochkarätigen Gartenbauausstellungen. Motor war meist der Gartenbauverein Erfurt mit den großen Unternehmern an der Spitze. Noch im Gründungsjahr 1838 konnte man in „Vogels Garten“, dem heutigen „Stadtgarten“, die erste dieser Schauen sehen, die sogar der preußische König Friedrich Wilhelm III. besuchte. Ein erster Höhepunkt wurde 1865 mit der „Allgemeinen deutschen Ausstellung von Produkten des Land- und Gartenbaues“ in „Vogels Garten“ erreicht. Sie gilt als eine Art „Ur-Bundesgartenschau“ und wurde von den Zeitgenossen als „erste, das ganze Gartenwesen umschließende deutsche Ausstellung“, als „ein wahres Fest der nie alternden Göttin Flora“ gefeiert. Die Ausstellung fand mit dem 2. Kongress deutscher Gärtner, Botaniker und Gartenfreunde statt und lockte rund 30.000 Besucher und fast 400 Aussteller nach Erfurt. Letztere kamen schon damals aus aller Welt, aus Brasilien, Spanien, Amerika, Chile, Jamaica, Gibraltar, Palästina, Indien und Australien. Türkischer Tabak, Ananas-Stauden oder Agaven besaßen seinerzeit noch eine ausgesprochene Exotik und verliehen der Schau einen besonderen Reiz. | ||
1876 fand die „Allgemeine Deutsche Gartenbauausstellung“ statt, für die am Rande des Steigers eine Festhalle, großzügige Freiflächen sowie Ausstellungshallen errichtet wurden. Kaiserin Augusta, Gattin Kaiser Wilhelms II., hatte die Ausstellung eröffnet, die anschließend ihr zu Ehren zum Augustapark umgestaltet wurde. Hieran erinnert die heutige Sängerwiese an der Parkstraße (bis 1946: Am Augustapark). Es folgten die „Thüringische Gewerbe- und Industrieausstellung“ 1894 auf dem heutigen Stadtpark-Gelände und die „Gartenbauausstellung zu Erfurt“ 1902 auf dem heutigen Gelände der Thüringenhalle. Für die aufwändige Ausstellung 1894 hatte man u.a. ein Thüringer Bauernhaus als Attraktion errichten lassen. Dieses wurde anschließend als bis heute | 1876 fand die „Allgemeine Deutsche Gartenbauausstellung“ statt, für die am Rande des Steigers eine Festhalle, großzügige Freiflächen sowie Ausstellungshallen errichtet wurden. Kaiserin Augusta, Gattin Kaiser Wilhelms II., hatte die Ausstellung eröffnet, die anschließend ihr zu Ehren zum Augustapark umgestaltet wurde. Hieran erinnert die heutige Sängerwiese an der Parkstraße (bis 1946: Am Augustapark). Es folgten die „Thüringische Gewerbe- und Industrieausstellung“ 1894 auf dem heutigen Stadtpark-Gelände und die „Gartenbauausstellung zu Erfurt“ 1902 auf dem heutigen Gelände der Thüringenhalle. Für die aufwändige Ausstellung 1894 hatte man u.a. ein Thüringer Bauernhaus als Attraktion errichten lassen. Dieses wurde anschließend als bis heute beliebtes Berggasthaus auf den Riechheimer Berg umgesetzt. Im Dritten Reich gab es Bemühungen der Stadt um eine Reichsgartenschau. Trotz deren Scheiterns zeigt sich hier erneut der Anspruch als nationales Gartenschauzentrum, wie er zwei Jahrzehnte später mit der iga dauerhaft umgesetzt wurde. | ||
Die Entwicklung des Stadtgrüns trug ebenfalls nachhaltig zur modernen Urbanität und zum spezifischen Image Erfurts bei, das 1906 mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt wurde. Insbesondere auf dem Areal der ab 1873 beseitigten Stadtbefestigungen und im Erweiterungsgebiet der pulsierenden Industriestadt entstanden anspruchsvolle Grünanlagen und Parks, allen voran der '''[[Stadtpark Stadtparktreppe|Stadtpark]]''' auf der Daberstedter Schanze (1908). In den „Goldenen Zwanzigern“ folgte der '''[[Nordpark Erfurt|Nordpark]]''' als moderner Volkspark. Zur Blumenstadt Erfurt gehört auch die weit zurückreichende Tradition der Gartenbaubildung bis hin zur heutigen Fakultät Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst der Fachhochschule Erfurt mit Lehr- und Forschungseinrichtungen. | Die Entwicklung des Stadtgrüns trug ebenfalls nachhaltig zur modernen Urbanität und zum spezifischen Image Erfurts bei, das 1906 mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt wurde. Insbesondere auf dem Areal der ab 1873 beseitigten Stadtbefestigungen und im Erweiterungsgebiet der pulsierenden Industriestadt entstanden anspruchsvolle Grünanlagen und Parks, allen voran der '''[[Stadtpark Stadtparktreppe|Stadtpark]]''' auf der Daberstedter Schanze (1908). In den „Goldenen Zwanzigern“ folgte der '''[[Nordpark Erfurt|Nordpark]]''' als moderner Volkspark. Zur Blumenstadt Erfurt gehört auch die weit zurückreichende Tradition der Gartenbaubildung bis hin zur heutigen Fakultät Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst der Fachhochschule Erfurt mit Lehr- und Forschungseinrichtungen. | ||
Version vom 13. Januar 2026, 13:26 Uhr
Die Blumenstadt Erfurt und der egapark
Die Blumenstadt Erfurt war einst ein Weltzentrum des Waidhandels und des Erwerbsgartenbaus. Seit dem 19. Jahrhundert fanden hier große Gartenschauen statt, woran seit 1961 der als iga gegründete egapark anknüpft.
Am 19. März 1970 waren auf der iga, der Internationalen Gartenbauausstellung in Erfurt, viele Vertreter der Weltmedien zu Gast. Für das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen im Interhotel „Erfurter Hof“ hatte man im Empfangsgebäude das Pressezentrum für die rund 350 Journalisten aus 42 Ländern eingerichtet. Bei jenem historischen Ereignis empfing Ministerratsvorsitzender Willi Stoph Bundeskanzler Willy Brandt auf dem Hauptbahnhof mit den Worten: „Ich begrüße Sie hier auf dem Boden der Deutschen Demokratischen Republik, in der Blumenstadt Erfurt.“ In der Bundesrepublik und der westlichen Welt brachte die Berichterstattung eine Auffrischung des traditionellen Rufes als Blumenstadt, als Zentrum von Gartenbau und Gartenbauausstellungen. In der DDR und den sozialistischen Staaten war dieses Image so frisch wie seit dem Aufkommen im 19. Jahrhundert.
Die auf eine lange Tradition aufbauende iga, der heutige egapark, spielte für die vielzitierte Blumenstadt seit 1961 neben den Gartenbaubetrieben oder der Ingenieurschule für Gartenbau „Christian Reichart“ eine zentrale Rolle. 1986 brachte es die „Geschichte der Stadt Erfurt“ auf den Punkt: „Erfurt war mit der iga um ein Kleinod bereichert und hatte endgültig seinen internationalen Ruf als Blumenstadt und Stätte der Begegnung für Fachleute des Gartenbaus zurückerobert.“ Neben der Funktion als „Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder“ und beliebtes Freizeitparadies spiegelte sich auf dem iga-Gelände auch die Geschichte Erfurts als Waid- und Gartenbaustadt seit dem Mittelalter. Hierfür diente insbesondere das in der Cyriaksburg angesiedelte Gartenbaumuseum.
Der einst weltweit verbreitete Beiname „Blumenstadt“ stammt zwar aus dem 19. Jahrhundert, aber die Erfurter Geschichte ist seit langem eng mit Pflanzen und deren Verarbeitung verbunden. So bildete das Blaufärbemittel Waid eine wichtige Grundlage für Wohlstand und Macht der reichsstadtähnlichen Mittelaltermetropole. Vom 13. bis 16. Jahrhundert gehörte Erfurt mit dem südfranzösischen Toulouse zu den wichtigsten Waidstädten Europas. Sogar über den Niedergang des Waidhandels als frühes „Globalisierungsopfer“ durch die Einfuhr des indischen Indigos hinaus erlebte Erfurt eine Spätblüte bis ins 17. Jahrhundert. Allerdings beherrschte der lukrative Färberwaid die Wirtschaft keineswegs als Monokultur. Erfurt war neben Handel und Handwerk auch Zentrum eines intensiven gartenbaulichen Umfeldes. Martin Luther sprach sogar von Erfurt als „Gärtner des Reiches“.
Metropole des Erwerbsgartenbaus
Im 18. Jahrhundert begann, eng verbunden mit dem Namen Christian Reichart (1685–1775), der Aufschwung des modernen Erwerbsgartenbaus. Als Autor von Fachpublikationen und aufklärerischer Praktiker erwarb sich Reichart große Verdienste, die man 1867 mit dem ersten Denkmal für einen Bürger der Stadt würdigte. Einst am ihm zu Ehren benannten Reichartplatz (heute: Karl-Marx-Platz) errichtet, steht es heute in der Grünanlage an der Pförtchenbrücke. Erfurt wurde dank Reichart und seiner Gärtnerkollegen zu einem Zentrum des Erwerbsgartenbaus in Deutschlands. Dies wusste auch Dichterfürst Goethe im nahen Weimar zu schätzen. Der Gartenliebhaber beschäftigte sich intensiv mit Reicharts mehrbändigem Hauptwerk „Land- und Gartenschatz“.
Damit fallen in die Zeit der Unterwerfung der autonomen Quasi-Reichsstadt unter ihren kurmainzischen Landesherrn 1664 und des Niedergangs des Waidhandels zugleich die Anfänge eines neuen wegweisenden Wirtschaftssektors. Der Erfurter Gartenbau erreichte im 19. und 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Die großen Erfurter Gartenbauunternehmen – Haage, Schmidt, Benary, Heinemann, Chrestensen – erlangten um 1900 Weltgeltung. Mit ihren innovativen Produkten waren sie rund um den Globus präsent und errangen in einzelnen Bereichen, wie dem Samenhandel, eine Führungsstellung. Auf den großen Gartenbau- und Weltausstellungen wurden Erfurter Unternehmen mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt. In der Führungsschicht der Stadt spielten die Gartenbauunternehmer eine wichtige Rolle.
Obwohl mit ca. 4 % der Arbeiterschaft deutlich hinter den führenden Industriezweigen Metall, Textil und Lebensmittel zurückliegend, war der Gartenbau dennoch ein profilprägender Wirtschaftszweig. Er hatte mit den Worten von Historiker Hans Haupt von 1908 der Blumenstadt „einen weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus reichenden Ruf erworben“. Symbolträchtig brachte dies die Stadt 1890 im heutigen Alten Angerbrunnen zum Ausdruck, der die beiden ökonomischen Stützen des Gemeinwesens allegorisch darstellt. Neben einer männlichen Figur, die für Industrie und Handwerk steht, erinnert die „Flora“ als Sinnbild des Gartenbaus an die Blütezeit der Blumenstadt Erfurt.
Die repräsentativen Geschäftshäuser der Gartenbauunternehmen, ihre ausgedehnten Betriebsgelände, Gewächshäuser und Blumenfelder prägten zudem das Stadtbild. Man muss sich Erfurt in dieser Zeit geradezu als Insel in einem „Meer von berauschend duftenden, in allen Farben leuchtenden Blüten: Rosen und Veilchen, Reseden, Levkojen und Tulpen, Balsamienen“ vorstellen, wie der Berliner Reiseschriftsteller Karl Emil Franzos 1901 schwärmte. Der Gartenbau der Blumenstadt wurde zunehmend auch zum Imagefaktor im aufstrebenden Fremdenverkehr, die Gartenbaubetriebe zu beliebten Tourismuszielen (siehe Abb.: Stadtführer von 1932).
Gartenschauen und Parks
Der Aufstieg zu einer Metropole des Gartenbaus war eng verbunden mit hochkarätigen Gartenbauausstellungen. Motor war meist der Gartenbauverein Erfurt mit den großen Unternehmern an der Spitze. Noch im Gründungsjahr 1838 konnte man in „Vogels Garten“, dem heutigen „Stadtgarten“, die erste dieser Schauen sehen, die sogar der preußische König Friedrich Wilhelm III. besuchte. Ein erster Höhepunkt wurde 1865 mit der „Allgemeinen deutschen Ausstellung von Produkten des Land- und Gartenbaues“ in „Vogels Garten“ erreicht. Sie gilt als eine Art „Ur-Bundesgartenschau“ und wurde von den Zeitgenossen als „erste, das ganze Gartenwesen umschließende deutsche Ausstellung“, als „ein wahres Fest der nie alternden Göttin Flora“ gefeiert. Die Ausstellung fand mit dem 2. Kongress deutscher Gärtner, Botaniker und Gartenfreunde statt und lockte rund 30.000 Besucher und fast 400 Aussteller nach Erfurt. Letztere kamen schon damals aus aller Welt, aus Brasilien, Spanien, Amerika, Chile, Jamaica, Gibraltar, Palästina, Indien und Australien. Türkischer Tabak, Ananas-Stauden oder Agaven besaßen seinerzeit noch eine ausgesprochene Exotik und verliehen der Schau einen besonderen Reiz.
1876 fand die „Allgemeine Deutsche Gartenbauausstellung“ statt, für die am Rande des Steigers eine Festhalle, großzügige Freiflächen sowie Ausstellungshallen errichtet wurden. Kaiserin Augusta, Gattin Kaiser Wilhelms II., hatte die Ausstellung eröffnet, die anschließend ihr zu Ehren zum Augustapark umgestaltet wurde. Hieran erinnert die heutige Sängerwiese an der Parkstraße (bis 1946: Am Augustapark). Es folgten die „Thüringische Gewerbe- und Industrieausstellung“ 1894 auf dem heutigen Stadtpark-Gelände und die „Gartenbauausstellung zu Erfurt“ 1902 auf dem heutigen Gelände der Thüringenhalle. Für die aufwändige Ausstellung 1894 hatte man u.a. ein Thüringer Bauernhaus als Attraktion errichten lassen. Dieses wurde anschließend als bis heute beliebtes Berggasthaus auf den Riechheimer Berg umgesetzt. Im Dritten Reich gab es Bemühungen der Stadt um eine Reichsgartenschau. Trotz deren Scheiterns zeigt sich hier erneut der Anspruch als nationales Gartenschauzentrum, wie er zwei Jahrzehnte später mit der iga dauerhaft umgesetzt wurde.
Die Entwicklung des Stadtgrüns trug ebenfalls nachhaltig zur modernen Urbanität und zum spezifischen Image Erfurts bei, das 1906 mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt wurde. Insbesondere auf dem Areal der ab 1873 beseitigten Stadtbefestigungen und im Erweiterungsgebiet der pulsierenden Industriestadt entstanden anspruchsvolle Grünanlagen und Parks, allen voran der Stadtpark auf der Daberstedter Schanze (1908). In den „Goldenen Zwanzigern“ folgte der Nordpark als moderner Volkspark. Zur Blumenstadt Erfurt gehört auch die weit zurückreichende Tradition der Gartenbaubildung bis hin zur heutigen Fakultät Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst der Fachhochschule Erfurt mit Lehr- und Forschungseinrichtungen.
Die iga’61
Der egapark selbst blickt ebenfalls bereits auf eine lange Geschichte zurück. Ausgangspunkt war das seit der Entfestigung Erfurts nach 1873 und besonders in den 1920er-Jahren zur öffentlichen Grünanlage umgestaltete Gelände um die Cyriaksburg am südwestlichen Stadtrand. Hier fanden in der frühen DDR-Zeit als unmittelbare iga-Vorläufer die große Gartenschau „Erfurt blüht“ 1950 und die „Samenexportschau und Gartenbauausstellung der DDR“ 1955 statt. In Konkurrenz mit Markleeberg, das mit der „agra“ zum Standort für Landwirtschafts-Ausstellungen wurde, sollte Erfurt nun laut Empfehlungen des sozialistischen Wirtschaftsbündnisses RGW und der DDR-Regierung zum Zentrum für Gartenbauausstellungen im gesamten „Ostblock“ werden. Die große Tradition der Stadt galt hierbei als wichtiges Argument.
Die Gartenschau wurde erneut großzügig Richtung Westen erweitert, wo sich vorher u.a. der Sportpark Cyriaksburg mit dem Stadion des SC Erfurt 1895 befunden hatte, Vorläufer des FC Rot-Weiß Erfurt. Am 28. April 1961 eröffnete nach Plänen des renommierten Gartenarchitekten Reinhold Lingner die „1. Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder“, die iga'61. Sie war „Lehrschau“ und „Bildungszentrum des sozialistischen Gartenbaus“, das bewusst in Konkurrenz v.a. mit den Bundesgartenschauen stand. Nach erfolgreichem Start 1961 wurde die iga als größte Veranstaltung ihrer Art verstetigt und in der Folge nochmals erheblich nach Westen erweitert. Bis zu einem gewissen Grad konnte mit der iga der in Folge der beiden Weltkriege beeinträchtigte Ruf als die Blumenstadt wieder gestärkt werden.
Zugleich war die iga von Beginn an eine touristische Attraktion der DDR-Bezirksstadt am Fuße des Thüringer Waldes. In ihrer ersten Saison lockte sie 3,5 Millionen Gäste an, bis 1989 sollten es 37 Millionen werden. Für die Erfurter stellte die iga wiederum ein beliebteste Freizeitareal dar, an dessen Errichtung sie im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes (NAW) mit 364.000 Aufbaustunden erheblichen Anteil hatten. Bis heute erinnert daran das Denkmal Der Aufbauhelfer von Fritz Cremer vor dem Haupteingang. Mag das NAW auch von der Staatspartei SED instrumentalisiert worden sein, so konnten doch dank der Aufbaustunden bis heute prägende Kultur- und Freizeiteinrichtungen geschaffen werden, mit denen sich die Erfurter besonders verbunden fühlen. Nur zwei Jahre vor der iga hatte etwa der Thüringer Zoopark seine Pforten geöffnet.
Die iga brachte zudem noch mit den beteiligten sozialistischen „Bruderstaaten“ und kurzzeitig auch mit westlichen Ausstellern internationales Flair an die Gera. Vom Sonntagsausflug in Familie, von Wandertagen und Ferienspielen über Café-Besuche am Südhang, stimmungsvolle Gastronomie in der „Caponniere“ und Tanzabende in der Zentralgaststätte („Glashalle“) bis hin zu den großen Sommerveranstaltungen verknüpfen sich mit der iga zahllose persönliche Erinnerungen. Das Lichterfest und das Pressefest gehörten zu den Fixpunkten im Veranstaltungskalender. Bei diesen Massenveranstaltungen konnte es aber auch zur Entladung gesellschaftlicher Spannungen kommen. So sorgten die schweren Ausschreitungen zwischen Volkspolizei und Jugendlichen während des Pressefestes im Mai 1978 für Aufsehen.
Von der iga zum egapark
Friedliche Revolution und deutsche Wiedervereinigung 1989/90 brachten auch für die iga eine tiefe Zäsur. Anfang der 1990er-Jahre stand die Existenz der bisher vom Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der DDR getragenen Einrichtung gänzlich in Frage. Nach der Teilung des Geländes 1994 mit MDR-Landesfunkhaus und Messe Erfurt verblieben von den 1961 55 ha und später fast 100 ha noch 36 ha Fläche mit dem historischen Parkbereich um die Cyriaksburg und dem Kern der iga‘61. Die ega, die Erfurter Garten und Ausstellungs gGmbH, ging in die Verantwortung der Stadt Erfurt über. Seit 2006 firmiert sie als egapark.
Den schwierigen Zeiten nach der „Wende“ folgte die Konsolidierung der stärker auf den Erholungs- und Freizeitbereich orientierten ega. Insbesondere in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre und den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende kamen viele neue Angebote von Pflanzenschauhäusern und Japanischem Garten bis zum Kinderbauernhof hinzu. Zugleich besitzt der egapark nach wie vor als Präsentationsort und Partner große Bedeutung für den Berufsstand des Gärtners in Erfurt und Thüringen, repräsentiert vom Landesverband Gartenbau Thüringen sowie Traditionsunternehmen wie N.L. Chrestensen und Kakteen-Haage. Von großer Bedeutung war 2011 die Vergabe der Bundesgartenschau 2021 an Erfurt mit den Standorten egapark, Geraaue und Petersberg. Mit dem egapark wurde erstmals in der Buga-Geschichte eine bestehende Gartenanlage einbezogen.
Bei allem Wandel hat sich der Charakter der iga‘61 weitgehend erhalten. Der egapark zählt laut Denkmalausweisung von 1992 zu den „wenigen künstlerisch unumstrittenen und anspruchsvoll gestalteten Gartenanlagen, die nach 1945 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR entstanden sind“. Das Aushängeschild der DDR-Gartenarchitektur sollte mit seinen modernen, großzügigen Strukturen laut Reinhold Lingner die sozialistische Gesellschaft verkörpern. Das Ensemble von großem Blumenbeet, Rasenflächen und Ausstellungshallen, Springbrunnen und Wasserachse, die vielen typischen Details wie Pavillons, Skulpturen, Bestuhlung und Farbkonzept gehen in die Ursprungszeit zurück.
Einmalig ist zudem die Symbiose aus Park und Deutschem Gartenbaumuseum in der Cyriaksburg, das in die Gesamtanlage eingepasst wurde. Ideen für ein solches Museum gehen bis in die 1930er-Jahre zurück und konnten im Rahmen der Entscheidung für Erfurt als zentrale Gartenbauausstellung der DDR 1961 verwirklicht werden. Zwischen 1995 und 2000 wurde das Museum von der neu geschaffenen Stiftung „Deutsches Gartenbaumuseum Erfurt“ saniert und konzeptionell weiterentwickelt. Mit dem nationalen Leitmuseum konnte Erfurt auf diesem Feld seine Position nicht nur behaupten, sondern sogar ausbauen.
Das Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung entfaltet als Gartenschau und Freizeitparadies nach wie vor große Anziehungskraft. Der egapark ist das meistbesuchte Tourismusziel in Thüringen mit gut 500.000 Gästen im Jahr. Für die feste Verankerung in der Erfurter Bürgerschaft steht u.a. der 1993 gegründete Verein der egapark-Freunde. Die komplexe Sanierung für die Buga 2021, die trotz Corona-Einschränkungen 1,5 Millionen Gäste anlockte, hat zur weiteren Profilierung beigetragen. Spektakuläre Großprojekte, wie die in ihrer Kubatur an die „Glashalle“ angelehnte Klimazonenwelt „Danakil“, das neue Empfangszentrum und der Kinderspielplatz „Gärtnerwelt“ fügen sich harmonisch in den „Park der Moderne“ ein. So trägt der egapark maßgeblich dazu bei, den Ruf Erfurts als Blumenstadt immer wieder zurückzuerobern. Er ist für die Landeshauptstadt Thüringens, des Grünen Herzen Deutschlands, von zentraler Bedeutung.
Lesetipps:
Martin Baumann/Steffen Raßloff (Hg.): Blumenstadt Erfurt. Waid - Gartenbau - iga/egapark. Erfurt 2011.
Wolf-Dieter Blüthner (Hg.): Kultiviert - Ein Jahrtausend Gartenbau in Erfurt. Erfurt 2021.
Steffen Raßloff: Die Blumenstadt. In: Kleine Geschichte der Stadt Erfurt. Ilmenau 2016 (3. Auflage 2024). S. 66-77.
Steffen Raßloff: Die Blumenstadt. Erfurt und der Gartenbau. In: Erfurt. 55 Highlights aus der Geschichte. Erfurt 2021 (2. Auflage 2025). S. 86 f.
Steffen Raßloff: Die Welt der Blumen. Von der iga'61 zur Buga 2021. In: Erfurt. 55 Highlights aus der Geschichte. Erfurt 2021 (2. Auflage 2025). S. 106 f.
Kristina Vagt: Politik durch die Blume. Gartenbauausstellungen in Hamburg und Erfurt im Kalten Krieg (1950–1974). München/Hamburg 2013.
Siehe auch: egapark, Geschichte der Stadt Erfurt