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Krematorium Hauptfriedhof

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Krematorium auf dem Hauptfriedhof

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (18.10.2014)


Bedeutendster Neubau der DDR-Zeit

DENKMALE IN ERFURT (168): Das Krematorium auf dem Hauptfriedhof von 1976 gilt als wichtiges Bau- und Kulturdenkmal.


Im August dieses Jahres hielt Prof. Reiner Sörries, Direktor des Museums für Sepulkralkultur Kassel, einen interessanten Vortrag zur Geschichte des Erfurter Hauptfriedhofes. Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums seiner Eröffnung 1914 hatte man zu einem Festakt in das frisch sanierte Krematorium geladen. Sörries wies auch darauf hin, dass es sich bei dem Veranstaltungsort um den bedeutendsten Krematorium-Neubau der DDR-Zeit handelt. Seit 1923 hatte die Stadt auf dem Südfriedhof ein Krematorium betrieben. Dieses blieb bis zur Fertigstellung des Neubaus auf dem Hauptfriedhof 1976 in Betrieb. Damit einher gingen weitere Veränderungen. So konnte die Empfangs- und Trauerhalle am Eingang des Hauptfriedhofs umgebaut werden. Sie beherbergt heute unter anderem ein Blumengeschäft.

Das Erfurter Krematorium stellte sich 1976 als Kulturdenkmal an die Seite des Krematoriums in Gotha von 1878. Dort hatte man schon 100 Jahre zuvor die erste moderne Leichenverbrennungsanlage Deutschlands eingeweiht. Das Erfurter Krematorium steht im Vergleich damit eher am Ende eines epochalen Wandels in der Bestattungskultur. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein hatte die Erdbestattung dominiert. Nach und nach verdrängte jedoch mit zunehmender Säkularisierung unserer Gesellschaft die Feuerbestattung mit Urnenbegräbnis die herkömmliche Form. In Erfurt erfolgt heute die überwiegende Mehrheit der Bestattungen wie in den meisten Regionen Deutschlands als Urnenbegräbnis. Für den feierlichen Rahmen ist dabei dank des Neubaus aus der DDR-Zeit gesorgt.

Mark Escherich unterstreicht im „Architekturführer Thüringen“ ebenfalls dessen Bedeutung. Da es in der DDR an Erfahrungen fehlte, hatte man auf die Kenntnisse befreundeter „Bruderstaaten“ zurückgegriffen. Der ungarische Architekt Janos Szabo, der bereits ein Krematorium in Bratislava errichtet hatte, wurde verpflichtet. Der vordere Teil des Krematoriums gliedert sich in zwei mächtige, voneinander abgesetzte Baukörper. In ihnen befinden sich die beiden Feierhallen, im rückwärtigen Teil Verbrennungsanlage, Verwaltungs- und Lagerräume. Zum Konzept gehörte laut Escherich die Inszenierung des Wegs der Trauergäste: „Über breite Freitreppen wird der Besucher auf die Ebene des Foyers geführt, um dann im Inneren zu dem Toten wieder herabzusteigen. Die Metapher vom Leben als Werden und Vergehen kommt einem in den Sinn, das Thema, dem auch das Metallrelief Günter Reicherts ‚Das Leben‘ zwischen den beiden Freitreppen gewidmet ist.“ Allerdings hat man durch den Abbruch der beiden flankierenden Freitreppen und die Anlage einer mittigen Treppe den Entwurf Szabos bei der jüngsten Sanierung deutlich verändert. (Foto: Alexander Raßloff)


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Hauptfriedhof