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Hauptfriedhof Erfurt

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Hauptfriedhof Erfurt

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (08.12.2012)


Spiegel der Geschichte

DENKMALE IN ERFURT (75): Der 1914 eingeweihte Hauptfriedhof verweist mit seinen zahlreichen Ehrenhainen und Gräberfeldern auf die vielen Gewaltopfer des 20. Jahrhunderts.


Ein Spaziergang über den Erfurter Hauptfriedhof ist gewissermaßen auch ein Gang durch unsere jüngere Stadtgeschichte. Neben der Erinnerung an tausende verstorbene Erfurter Bürger und Familien spiegelt sich hier deutlich das „Zeitalter der Extreme“ seit dem Ersten Weltkrieg 1914/18. Die Gräberfelder und Ehrenhaine für die Opfer der Kriege und Diktaturen des 20. Jahrhunderts sind ein großer Denkmalkomplex, umgeben von einer zu Besinnung und Ruhe einladenden Gartenlandschaft. 1912 hatte Gartendirektor Hermann Bromme dem Stadtrat vorgeschlagen, die kleinen stadtnahen Friedhöfe durch einen „Zentralfriedhof“ im Westen der Stadt zu ersetzen. Schon 1913 begannen die Arbeiten und 1914 erfolgte die Weihe der ersten 18 ha, die bis heute auf 57 ha Friedhofsfläche angewachsen sind.

Dieser neue Hauptfriedhof sollte sofort die Auswirkungen des fast zeitgleich ausbrechenden Ersten Weltkrieges zu spüren bekommen. Die ausgedehnten symmetrischen Gräberfelder im Kampf gefallener Soldaten mit ihren Grabsteinen in Form Eiserner Kreuze sind ein prägender Teil der Gesamtanlage. Von 1939 bis 1945 kamen die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges hinzu, die hier ihre ewige Ruhe fanden und nicht irgendwo in den Weiten Europas begraben liegen. Aber es finden sich keineswegs nur militärische Opfer auf dem Hauptfriedhof. Die hohe Dichte von Verstorbenen besonders in den späteren Jahren beider Kriege verweisen auf die Auswirkungen von Hunger, Krankheit und harter Arbeit an der sogenannten Heimatfront. Im Zweiten Weltkrieg kamen noch die ca. 1600 Opfer der angloamerikanischen Luftangriffe hinzu.

Neben der individuellen Erinnerung an die Kriegsopfer entstanden insbesondere nach 1945 Gedenkorte für verschiedene Opfergruppen von Krieg und Diktatur. Auf die Denkmale bzw. Ehrenhaine für die Opfer des Faschismus, für Sowjetbürger und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach 1945 ist in dieser Serie bereits eingegangen worden. Hinzu kommen u.a. noch das Marinedenkmal, Ehrenhaine für die „Märzgefallenen“ des Kapp-Putsches von 1920, für französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, aber auch für die Opfer des Bombenkrieges in Erfurt. Der 1958 errichtete Ehrenhain II mit einer großen Gedenksäule gleich rechterhand neben dem Haupteingang gehört zu den beklemmenden Orten, an denen Geschichte schmerzhaft spürbar wird. Die hier ruhenden Toten bekamen mit der Neugestaltung 1994 eine individuelle Ehrung in Form von Steinkreuzen mit Namen und Lebensdaten. Aus den zahlreichen identischen Sterbedaten lässt sich die vernichtende Wirkung einzelner Luftangriffe seit Ende 1944 erahnen.

(Abb.: Grabstätte für Opfer des Luftangriffes vom 9. Februar 1945, bei dem u.a. auch das Collegium maius in der Michaelisstraße zerstört wurde. Foto: Alexander Raßloff)


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Krematorium, Vertriebenendenkmal, Sowjetisches Ehrenmal, OdF-Ehrenhain, Grabmal Paul Reißhaus, Erster Weltkrieg