Ilversgehofen

Ilversgehofen

Stadtteil im Norden von Erfurt, 1911 Eingemeindung der rasant wachsenden Industrievorstadt


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Die Erfurter Stadtverwaltung knüpfte jüngst mit der Ausschilderung eines „Ilversgehovener Platzes“ an die „Tradition“ des freien Interpretierens dieses alten Ortsnamens an. Ein kleiner, nicht weiter tragischer Lapsus, der aber zeigt, wie weit die Erinnerung an den erst 1911 eingemeindeten Ort Ilversgehofen heute bei vielen Erfurtern bereits verblasst ist. Dies mag wesentlich mit daran liegen, dass die völlige Verschmelzung mit der Stadt Erfurt bis zur Wende zum 20. Jahrhundert den eigenständigen Ortscharakter weitgehend verwischt hat; zugleich erinnerte in der nördlichen Industrievorstadt kein Straßen- bzw. Platzname mehr an das einstige Dorf – erst 1991 wurde aus dem „Platz der Jungen Pioniere“ der „Ilversgehofener Platz“.

Dabei kann das bis ins 19. Jahrhundert ländlich-agrarisch geprägte Dorf Ilversgehofen auf eine lange, ereignisreiche Geschichte seit der ersten urkundlichen Erwähnung 1145 verweisen. Aber auch schon in vorgeschichtlicher Zeit diente die spätere Ortslage als Siedlungsgebiet, wie archäologische Funde seit der Jungsteinzeit (5000-1800 v. Chr.) belegen. Die Entstehung eines Dorfes wird vermutlich ins 5. oder 6. Jahrhundert zu datieren sein. Mit der Erwähnung in einer Urkunde von Erzbischof Heinrich I. von Mainz 1145 tritt es als „Elbreteshoven“ ins Licht der schriftlich überlieferten Geschichte.

Allerdings gingen oft kriegerische Ereignisse in die Annalen des Ortes ein. So brachte der Dreißigjährige Krieg 1618-1648 großes Unheil. 1637 waren nur noch sechs Einwohner am Leben. Während des Siebenjährigen Krieges bezogen 1757 Preußens König Friedrich der Große und Prinz Heinrich mit ihrem Heer im Dorf und in der Johannesflur ihr Hauptquartier. Die Alte-Fritz-Straße (Hans-Sailer-Straße) erinnerte später an den berühmten Gast. In der Zeit der Befreiungskriege wurde Ilversgehofen 1813 Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen preußischen und französischen Truppen. Mehrfach kam es zu Plünderungen und Brandschatzungen, bei denen 25 Dorfbewohner ihr Leben verloren. Später verwiesen die großen „Franzosenlager“ während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und des Ersten Weltkrieges 1914/18 auf dem Johannesplatz auf weit entfernt ablaufendes Kriegsgeschehen.

Das 19. Jahrhundert sollte den völligen Wandel vom Dorf vor den Toren Erfurts zuerst zu einem Industrieort, dann zum nördlichen Teil der Industriegroßstadt Erfurt bringen. 1816 verzeichnete Ilversgehofen nach den Wirrnissen der Napoleonischen Zeit ganze 34 Gebäude und 144 Einwohner. Bis 1864 erfolgte ein allmählicher Anstieg der Einwohnerschaft auf 719 Personen. Die mit der Reichsgründung von 1871 und der Entfestigung Erfurts 1873 sich rasant beschleunigende Industrialisierung ließ die Zahlen in Höhe schnellen: 1875 betrug die Einwohnerschaft 2431 Personen, 1911, im Jahr der Eingemeindung nach Erfurt, 12.600.

Ilversgehofen wurde in dieser Zeit der Entwicklung Erfurts zur Industriegroßstadt – 1906 erreichte man die Marke von 100.000 Einwohnern – zum wichtigsten Wirtschaftsstandort. Während die Stadterweiterung Erfurts nach 1873 im Süden und Westen v.a. in Form von gehobenem Wohnungsbau der bürgerlichen Oberschicht und im Osten als gemischtes Wohn- und Wirtschaftsgebiet erfolgte, wurde der Norden zur Arbeiterwohnstadt mit großer Industrieansiedlung. Die Stadt erreichte Ilversgehofen von Süden her durch die Bebauung der Quartiere rund um die Achse Magdeburger Straße/Poststraße (Magdeburger Allee); zugleich siedelte man die Großindustrie gezielt nördlich des Ortes an.

Das 1909 von der Stadt ausgewiesene Industriegebiet beherbergte rasch große Unternehmen v.a. der Metallbranche. Genannt sei etwa die „Berlin-Erfurter Maschinenfabrik Henry Pels & Co.“ (siehe Abb., Stadtarchiv Erfurt), heute als Niederlassung Umformtechnik Erfurt eines südwestdeutschen Maschinenbau-Unternehmens einer der letzten großen Erfurter Industriebetriebe. Die weit ab vom Stadtkern gelegenen Wohn- und Arbeitsstätten waren seit 1894 durch die elektrische Straßenbahn zu erreichen. Die „rote Linie“ verkehrte von der „Flora“ (Hochheimer Straße) über den Anger bis zum Bahnhof Ilversgehofen (Nordbahnhof).

Der Charakter als Industrie- und Arbeitervorstadt sorgte für das politisch-gesellschaftliche Image des „roten Erfurt-Nord“. Mit der Eingemeindung Ilversgehofens 1911 gelangten erstmals zwei Sozialdemokraten in die Erfurter Stadtverordnetenversammlung. Bis zur „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 wählten die Bewohner überwiegend die Arbeiterparteien SPD und KPD. Eine der Hochburgen war die Salinenstraße mit Ergebnissen von 90% und mehr für Sozialdemokraten und Kommunisten.

Trotz Verlusten an Menschenleben und Bausubstanz blieb Ilversgehofen im Zweiten Weltkrieg 1939/45 von Flächenbombardements verschont, wie sie andere Wirtschaftszentren mit Rüstungsbetrieben erlitten. In der DDR-Zeit wurde die Industrie im Norden weiter ausgebaut. Die Errichtung des Neubaugebietes Johannesplatz seit 1966 schloss die letzte Lücke zwischen dem einstigen Industrieort und dem alten Stadtgebiet. In Reichweite der Ilversgehofener Industriekomplexe entstanden in den 1970er und 1980er Jahren weitere Plattenbaugebiete im Rieth, an der Nordhäuser Straße und am Roten Berg.

Heute bereiten der Zusammenbruch großer Teile der Industrie nach der Wende 1989/90, der Bevölkerungsrückgang und die städtebaulichen Problemzonen im Stadtteil Ilversgehofen Sorgen. Mit Maßnahmen wie dem Projekt „Soziale Stadt“ und der Initiative Magdeburger Allee suchen Kommune und Anwohner entgegenzusteuern. Man darf hoffen, dass für die einst pulsierende Industrievorstadt neue Perspektiven gefunden werden.


Text: Steffen Raßloff: Ilversgehofen. Dorf – Industrieort – Stadtteil. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 33 (2007). S. 3.


Siehe auch: Gedenktafel Eingemeindung, Geschichte der Stadt Erfurt, Lutherkirche, Heiligen Mühle, Salzbergwerk, SSV Erfurt Nord (vormals TV Ilversgehofen), Neubaugebiet Johannesplatz