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Wandbild Rieth Erich Enge

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Wandbild im Rieth

Sieg der Liebe

Denkmale in Erfurt: Das Wandbild im Wohngebietszentrum Rieth von Erich Enge versinnbildlicht den Sieg des Sozialismus.


Der Panzerkreuzer Aurora soll mit seinem Bordgeschütz am 7. November 1917 das Startsignal zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution gegeben haben. Ob es diesen legendären Schuss mit anschließendem Sturm auf den Winterpalast von Petrograd wirklich gegeben hat, wird von manchen Historikern bezweifelt. Dass 1917 im heutigen St. Petersburg eine weltgeschichtliche Entwicklung begann, steht dagegen außer Frage. Auch Erfurt blieb hiervon nicht unberührt. Die Existenz eines sozialistischen Staates, der radikal mit der bisherigen Gesellschaftsordnung brach, sorgte für heftige Emotionen. Der „Bolschewismus“ galt den einen als düsteres Schreckbild, den anderen als leuchtende Zukunftsverheißung. Im offiziellen DDR-Geschichtsbild spielte die Oktoberrevolution schließlich eine ganz zentrale Rolle. Mit ihr begannen die von Karl Marx verheißene Befreiung des Proletariats und damit der Weg zum Sozialismus.

Hiervon kündet das 1976 eingeweihte Wandbild im Wohngebietszentrum Rieth. Der Maler und Grafiker Erich Enge hat symbolisch den „Sieg der Liebe über die Finsternis“ beschworen, wie Kunsthistorikerin Ruth Menzel erläutert. Philosophische Grundlage ist Marx mit der Erkenntnis: „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.“ In diesem Sinne beginnt der imposante Bilderreigen mit der Oktoberrevolution. Ein angeketteter Arbeiter hört den Schuss vom Panzerkreuzer Aurora, gewissermaßen die Initialzündung der Weltrevolution. Im Weiteren wird der Sieg der Liebe als Durchsetzung des Sozialismus versinnbildlicht. Ganz real zeigt sich die Liebe in Form zweier sich küssender nackter Menschen. Hierbei handelt es sich offensichtlich um eine blonde Frau aus unseren Breiten und einen Mann von südlicher Herkunft. Dies dürfte eine Anspielung auf den nach 1990 verschwundenen Brunnen der Völkerfreundschaft gewesen sein.

Als „kulturhistorisches Zeugnis jüngster Vergangenheit“ steht das Wandbild auf der Denkmalliste des Freistaates Thüringen. Mit sechs Metern Höhe und 102 Metern Länge gehört es zu den größten Wandbildern Europas. Seinen Kontext gewinnt es durch das umliegende Neubaugebiet der 1970er Jahre, mit dem in Erfurt das Wohnungsproblem im Sinne der vielbeschworenen „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ in der Ära Honecker gelöst werden sollte. Jenes, wie es im Denkmaleintrag heißt, „wesentliche Ausdrucksdenkmal der Zeit“ sollte für die Zukunft bewahrt werden, auch wenn die historische Entwicklung längst hierüber hinweg gegangen ist. Das Bekenntnis zum Denkmal allein wird die riesige Secco-Malerei allerdings nicht bewahren können, ist doch der Putz an vielen Stellen bereits deutlich angegriffen.

(Text und Fotos: Dr. Steffen Raßloff)


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotogafien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Denkmale in Erfurt