Verhinderter Luftangriff 4. April 1945

Verhinderter Luftangriff vom 4. April 1945

Beitrag der TA-Serie 70 Jahre Kriegsende 1945 von Dr. Steffen Raßloff (04.04.2015)


Größter Glücksfall der Stadtgeschichte

70 Jahre Kriegsende (14): Erfurt blieb im Zweiten Weltkrieg eine weitgehende Zerstörung durch Luftangriffe erspart.


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Es ist vielleicht der größte Glücksfall der Erfurter Stadtgeschichte, dass der Mittelaltermetropole mit ihren vielen Kulturdenkmalen im Zweiten Weltkrieg eine verheerende Flächenbombardierung erspart geblieben ist. Erfurt gilt als eine der ganz wenigen damaligen Großstädte Deutschlands, die sich ihr historisches Erscheinungsbild weitgehend erhalten konnten. Das war aber keineswegs selbstverständlich. Schon 1935 hatte der Landesgruppenleiter des Reichsluftschutzbundes Constantin Rembe besondere Sorgfalt beschworen. Der Luftschutz besitze „gerade auch für Erfurt, das im Mittelpunkt Deutschlands und im Schnittpunkt der fliegerischen Aktionsradien der hochgerüsteten Nachbarstaaten liegt, besondere Bedeutung“. Das Rüstungs- und Verkehrszentrum tauchte nach den Recherchen von Helmut Wolf unter dem Codenamen „Whitefish“ (Maräne) immer wieder auf Ziellisten der amerikanischen und britischen Luftwaffe auf. Umso bemerkenswerter ist es, dass die drohende totale Zerstörung auch in der Schlussphase des Krieges nicht erfolgte.

Die meisten Erfurter dürften freilich kaum das Gefühl gehabt haben, dass sie über Gebühr vom Schicksal bevorzugt würden. Seit dem ersten schweren Tagesangriff der US Army Air Forces am 20. Februar 1944 kam es immer wieder zu Bombardements, denen rund 1600 Menschen und viele auch historisch wertvolle Bauwerke zum Opfer fielen. Die Gerüchte aus anderen Städten schürten zudem die Angst der Bewohner. In den Wochen vor der Einnahme der Stadt am 12. April 1945 war es besonders die Zerstörung von Dresden am 13. Februar, die wie ein Damoklesschwert über der Stadt schwebte. Den Verantwortlichen wie Oberbürgermeister Walter Kießling war völlig klar, dass „bei einem stärkeren Bombenangriff die Innenstadt von Erfurt nicht zu retten ist“. Tausende Menschen hätten den Tod im Flammenmeer der Altstadt mit ihren vielen Fachwerkhäusern gefunden.

Wie knapp Erfurt einem solchen Inferno entgangen ist, ahnte allerdings niemand bis hinein in die Spitzen der NS-Funktionärsriege. Besonders die Briten drängten angesichts der Verlagerung von Rüstungsbetrieben, Reichsbehörden und Militär nach Thüringen auf eine massive Bombardierung des Verkehrsknotens Erfurt. Terminiert war der Angriff zunächst auf den 2. April und wurde dann zweimal verschoben. Am 4. April sollte schließlich ein Doppelangriff der Royal Air Force auf Erfurt und Nordhausen erfolgen. 376 Bomber standen allein für Erfurt am Morgen startbereit auf dem Rollfeld. Während die Stadt im Südharz wenige Stunden später tausende Opfer und die totale Zerstörung ihrer Altstadt zu beklagen hatte (Abb. 2), blieb Erfurt jedoch unbehelligt. Was war geschehen? Die US-Bodentruppen unter General George S. Patton jr. rückten zu diesem Zeitpunkt bereits von Gotha her auf Erfurt zu, so dass die Amerikaner Angst vor Fehlabwürfen auf eigene Soldaten hatten und die Briten buchstäblich in letzter Minute stoppten. (Fotos: Andreasviertel in Erfurt 1944 [Stadtarchiv Erfurt], Altstadt von Nordhausen 1945 [Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar])


Siehe auch: Erfurt im Nationalsozialismus, Erfurt im Luftkrieg