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Sibyllentürmchen Erfurt

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Sibyllentürmchen

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (28.07.2012)


Geheimnisvolles Denkmal

DENKMALE IN ERFURT (56): Das sagenumwobene Sibyllentürmchen am Gothaer Platz diente einst als Andachtssäule für Reisende auf der Via Regia.


Fast jeder Erfurter dürfte schon einmal an jenem markanten gotischen Türmchen vorbei gegangen sein, das vor dem Eingang zum egapark am Gothaer Platz steht. Bereits auf den ältesten Stadtansichten ist es zu erkennen. Es befand sich damals an der wichtigsten Fernhandelsstraße, der Via Regia, von Gotha kommend vor dem Brühler Tor. Nur wenig oberhalb thronte seit dem Ende des 15. Jahrhunderts auf einer strategisch wichtigen Anhöhe die Zitadelle Cyriaksburg, in welcher heute das Deutsche Gartenbaumuseum untergebracht ist. Genügend Publikum ist dem Denkmal damit gesichert. Aber welche Geschichte verbirgt sich hinter jenem geheimnisvollen Sibyllentürmchen?

Zunächst bieten sich für die Deutung zwei Sagen an. Der bekannte thüringische Sagensammler Ludwig Bechstein berichtet, dass Gräfin Sibylle von Käfernburg für ihren hier erschlagenen Bräutigam ein Sühnezeichen errichten ließ. Andere Varianten lassen verlauten, ihre Zeitgenossen hätten an Sibylles Entführung und Tötung erinnern wollen. Die Geschichtswissenschaft hat ebenfalls mehrere Deutungen zu bieten. Es könnte sich um einen Bet- oder Andachts-Bildstock handeln, der im Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler auf 1370/80 datiert wird. Auch von einem Wegezeichen an der stark frequentierten Handelsstraße oder einem Sühnezeichen für mehrere Morde ist die Rede. Ins Spiel gebracht wird schließlich noch ein Erinnerungsmal dankbarer Erfurter nach abgewehrter Belagerung ihrer Stadt durch Kaiser Karl IV. 1375. Trotz der Verhängung der Reichsacht und harter Bedrängung durch die umliegenden Fürsten konnte sich die selbstbewusste Mittelaltermetropole damals behaupten.

Der gedrungene Pfeiler mit vier Ecksäulen zeigt figürliche Hochreliefs mit Szenen der Leidensgeschichte Christi: der betende Christus am Ölberg, der Judaskuss, die Gefangennahme Jesu und die Kreuzigungsgruppe mit dem Leichnam Christi. Die Reliefs sind handwerklich roh gearbeitet und orientieren sich vermutlich an den Arbeiten von Johann Gerhart, dem einige Plastiken in der Severikirche zugeschrieben werden. Alle plastischen Darstellungen befinden sich in spitzbogigen, im 18. Jahrhundert vergitterten Nischen. Eine Kreuzblume schließt den Turm ab. Auf den zwei Steinplatten mit lateinischen und deutschen Texten ist zu lesen, dass der Mainzer Erzbischof Lothar Franz von Schönborn das Bildwerk 1716 wiederherstellen ließ. Es ist heute die letzte Andachtssäule in Erfurt, die seinerzeit wohl v.a. den Reisenden auf der Via Regia zu innerer Einkehr diente. 1993 wurde das Sibyllentürmchen mit Hilfe privater Sponsoren restauriert.


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt