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Sühnekreuz Steiger

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Sühnekreuz im Steiger

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (01.09.2012)


Geheimnisvolles Kreuz

DENKMALE IN ERFURT (61): Ein beeindruckendes Monument im Steiger erinnert an einen Mord aus dem Jahre 1323.


Um das Steinkreuz im Steiger nahe dem Ausflugslokal „Schloss Hubertus“ ranken sich viele Sagen. Eine erzählt, hier habe man einen Mönch ergriffen, der für den verheerenden Stadtbrand vom 19. Juni 1472 verantwortlich gewesen sei. Als Sühne musste er an jener Stelle ebenfalls durch das Feuer sterben, worauf man zur Erinnerung das Kreuz errichtet habe. Tatsächlich steht es wohl eher für einen sehr viel früher verübten Mord an einem gelehrten Stiftsgeistlichen. Dies berichtet Frank Störzner, Experte in Sachen Steinkreuze. Beim Erfurter Sühnekreuz gerät er fast ins Schwärmen: „Kein anderes thüringisches Flurdenkmal ist so bekannt und wird in der Heimat- und Fachliteratur so häufig genannt und beschrieben wie das Erfurter ´Mönchskreuz´. Ihm kommt historisch und denkmalkundlich eine ganz überragende Bedeutung zu, und außerdem ist es das älteste sicher datierbare Steinkreuz Thüringens.“

Das aus Seeberger Sandstein bestehende „Mönchskreuz“ ist samt seiner Inschrift gut erhalten geblieben: „HIC EST OCCISVS MAGISTER HENRICVS DE SYBELEIBEN SACERDOS“, zu Deutsch: „Hier wurde der Priester und Magister Heinrich von Siebleben erschlagen.“ Täter und Datum der Tat sind einem Eintrag im Totenbuch des Marienstiftes zu entnehmen. Dort ist vermerkt, dass Heinrich von Siebleben am 10. Dezember 1323 durch einen Grafen Heinrich von Schwarzburg getötet worden ist. Der Mord an einem Geistlichen galt im Mittelalter als ein besonders schweres Verbrechen. Diesem Umstand und der hohen sozialen Stellung des Täters entsprechend fiel dann auch das Steinkreuz aus, das zum Zweck der Fürbitte am Tatort aufgestellt wurde. Der Erschlagene war als akademisch gebildeter Kanoniker immerhin ein Angehöriger der einflussreichen Erfurter Stiftsgeistlichkeit und entstammte einem angesehenen Adelsgeschlecht. Er war möglicherweise ein Opfer der ständigen Streitigkeiten der Stadt mit den umliegenden Adligen. Um die ungebildete Bevölkerungsmehrheit auf die Bedeutung des Kreuzes aufmerksam zu machen, ist auf dem Schaft der „Mönch“ in einem gotischen Spitzbogen im langen, faltenreichen Gewand dargestellt.

Das Kreuz steht im Wald rechts der nach Arnstadt führenden Bundesstraße, nur etwa 250 m südlich vom „Hubertus“. Vom Parkplatz gegenüber der Gaststätte ist es in wenigen Minuten zu erreichen, ein Schild weist dankenswerter Weise den Weg. Hat man den schmalen Waldweg durchquert, ist man von dem fast 3 m hohen Monument beeindruckt. Ursprünglich stand es genau 28 m weiter östlich etwa im heutigen Mittelstreifen der Straße und wurde laut Störzner bei deren vierspurigen Ausbau 1968 versetzt. Die Bundesstraße folgt übrigens fast genau der alten „Nürnberger Straße“, in deren Mitte das Kreuz ursprünglich stand. Es lud alle Reisenden zu stiller Einkehr und Fürbitte für den ermordeten Geistlichen ein.


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt