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Relief Stadtgeschichte Erfurt

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Relief zur Stadtgeschichte in der Horngasse

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (16.06.2012)


Die ganze Geschichte

DENKMALE IN ERFURT (50): Mit einem Reliefzyklus hat Anke Besser-Güth 1973 die gesamte Stadtgeschichte darzustellen versucht. Das DDR-Geschichtsbild lässt sich dabei deutlich erkennen.


Der Anspruch war groß, dem sich Anke Besser-Güth 1973 zu stellen hatte. Nicht eine bedeutende Persönlichkeit oder ein Ereignis sollte die Künstlerin würdigen. Auch mit einer Epoche war es nicht getan – es sollte die ganze Stadtgeschichte sein! Ergebnis war ein Zyklus von fünf Bronzereliefs an der Mauer in der Horngasse. Dieses Denkmal gehörte mit zur komplexen Umgestaltung des Bereiches nördlich der Krämerbrücke, der heute zu den beliebtesten Erholungsoasen der Altstadt gehört. Der Betrachter vermag dort wichtige Etappen in der historischen Entwicklung Erfurts zu entdecken, die bei genauerem Hinsehen das Geschichtsbild der DDR offenbaren.

Die fünf Tafeln stehen für wichtige Epochen der Stadtgeschichte. Zu sehen sind die mittelalterliche Blütezeit als Handelsstadt und Waid-Metropole, die große Zeit von Reformation, Humanismus und Buchdruck, das Zeitalter der Industrialisierung und der Revolution von 1848, die Hochburg der Arbeiterbewegung mit dem Erfurter Parteitag der SPD 1891 und der Novemberrevolution 1918 und schließlich die sozialistische Gegenwart. All dies ist ganz im Sinne des historischen Materialismus gestaltet. Das von Karl Marx und Friedrich Engels erarbeitete philosophische Modell erklärt die Geschichte zu einer Abfolge von Gesellschaftsformationen, deren Grundlage die Produktionsverhältnisse sind. Innerhalb dieser Gesellschaften gibt es herrschende und ausgebeutete Klassen. Deren ständiger Klassenkampf führt vom Feudalismus über den Kapitalismus schließlich zum Sozialismus bzw. Kommunismus. Dass die Geschichte im Sozialismus ihren Gipfelpunkt findet, wird im Zyklus allein schon dadurch deutlich, dass die letzte Tafel gut doppelt so groß ausgefallen ist wie die übrigen.

Über den künstlerischen Wert dieses Schnelldurchlaufs durch über 600 Jahre Stadtgeschichte wird man sicher streiten können. Mit seiner marxistischen Botschaft ist der Reliefzyklus zudem selbst schon wieder Denkmal einer vergangenen Epoche geworden. Nicht zuletzt dies macht es aber auch erhaltenswert. Und jenseits seiner ideologischen Prägung gibt es viele Details zu entdecken, die in der Tat für unsere Stadtgeschichte wichtig sind: das Waidmühlrad, die mauerumwehrte Mittelaltermetropole mit ihren reichen Händlern, Universitätsgelehrten und Buchdruckern (siehe Abb.), die blutigen Kämpfe 1848 auf dem Anger und die Opfer der frühen Industrialisierung, August Bebel, Wilhelm Liebknecht und die Revolutionäre von 1918. Auch auf der letzten Tafel kann man neben Friedenstauben und sowjetischen Kosmonauten das Anknüpfen an alte Erfurter Hochschultraditionen und das Wiederaufleben der Blumenstadt mit der iga 1961 erkennen. (Fotos: Dr. Steffen Raßloff)


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt