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Oberbürgermeister Walter Kießling

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Oberbürgermeister Walter Kießling

Aus der Serie Erfurter Oberbürgermeister der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (28.03.2006)


Oberbürgermeister Walter Kießling (1936-1945)

Walter Kießling war Erfurts „kommunaler Führer“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Selbstbewusst nutzte er seine Machtposition von 1936 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Sein Ehrgeiz ließ ihn die Stadtentwicklung im Dritten Reich energisch voran treiben. Freilich gehörte hierzu auch das Bestreben, Erfurt schneller als andere Städte „judenfrei“ zu bekommen.


Das Amt des Oberbürgermeisters bekam nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 zunehmend autoritäre Züge. Seit der neuen Reichsgemeindeordnung von 1935 amtierte das Stadtoberhaupt „in voller und ausschließlicher Verantwortung“. Die Stadtverordnetenversammlung wurde zugunsten eines nur noch „beratenden“ Ratsherrengremiums aufgelöst.

Das „Führerprinzip“ setzte geeignete Führungspersönlichkeiten im Sinne der braunen Machthaber voraus. In dieser Hinsicht gestaltete sich die Entwicklung in Erfurt problematisch. Hatten die Oberbürgermeister seit Erlangung der Kreisfreiheit 1872 stets über Jahre erfolgreich amtiert, mussten die beiden ersten NS-Stadtoberhäupter Theodor Pichier (1933/34) und Max Zeitler (1935/36) jeweils nach kurzer Frist aufgrund von Skandalen zurücktreten. Im März 1936 übernahm schließlich Walter Kießling die Führung im Rathaus. Der 1892 in Tannroda geborene Jurist war seit 1930 aktives NSDAP-Mitglied. Er galt als „Verwaltungsfachmann und entschlossener Politiker, der sich für seine Ziele und Vorstellungen einsetzte“, so Historiker Eckart Schörle. Freilich richteten sich diese Vorstellungen im Sinne der NS-Ideologie u.a. gegen moderne Kunst und gegen die Juden der Stadt. Beiden sagte er entschieden den Kampf an.

Museumsdirektor Herbert Kunze wurde auf sein Drängen hin 1937 entlassen, das Angermuseum verlor in der Aktion „entartete Kunst“ seine heute unschätzbar wertvolle Sammlung moderner Kunst. Für Kießling waren dies nur „übelste bolschewistische Machwerke“.

In der „Judenfrage“ versuchte er, die Stadt Erfurt als Vorreiter zu profilieren. Von den alltäglichen Diskriminierungen bis hin zur Deportation in die Vernichtungslager zeigte sich Kießling sehr aktiv. Selbst der berüchtigte Sicherheitsdienst vermerkte in einem Bericht: „In der Judenfrage wollte K. gegenüber den zentral gelenkten Maßnahmen der Stapo eigene Wege gehen, um Erfurt baldmöglichst judenfrei hinstellen zu können.“

Unter OB Kießling sollte auch die Industriegroßstadt Erfurt weiter ihr Aussehen ändern. Zunächst waren es v.a. Kasernen, Militärkomplexe und Rüstungsbetriebe, die aus dem Boden schossen. Sie bildeten die Vorboten des vom NS-Staat ausgelösten Zweiten Weltkrieges 1939-45. Dieser Krieg griff ab Sommer 1940 durch immer häufigere Luftangriffe zerstörerisch ins Stadtbild ein, ca. 1600 Menschen verloren dabei ihr Leben. Der Oberbürgermeister konnte als „Leiter der Sofortmaßnahmen“ des Luftschutzes kaum mehr hiergegen tun, als durch Propaganda gegen die „englisch-amerikanischen Mordbrenner“ den Durchhaltewillen der Erfurter zu stärken.

Am Ende des Krieges setzte sich Kießling jedoch für eine kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner ein. Dies hätte ihm beinahe den Kopf gekostet, da Kampfkommandant Oberst Otto Merkel die Stadt gemäß „Führerbefehl“ zu verteidigen gedachte. So nahmen die US-Truppen am 12. April 1945 Erfurt kämpfend ein, der von Merkel erlassene Erschießungsbefehl gegen Kießling wurde nicht vollstreckt.

Diese Episode am Kriegsende hat dem überzeugten Nationalsozialisten den Weg zu einer geachteten Nachkriegsexistenz in der Bundesrepublik geebnet. 1949 wurde sein Entnazifizierungsverfahren mit „entlastet“ abgeschlossen. Als Rechtsanwalt gehörte Kießling bis zu seinem Tode 1966 zur geachteten Göttinger Honoratiorengesellschaft. (Foto: Stadtarchiv Erfurt)


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Erfurt im Nationalsozialismus