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Juri Gagarin Denkmal Erfurt

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Juri Gagarin

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (20.08.2011)


Der erste Mensch im All

DENKMALE IN ERFURT (7): Die Büste Juri Gagarins erinnert an den ersten Weltraumflug vor 50 Jahren. Sie sollte einst die Überlegenheit des Sozialismus symbolisieren.


Am 12. April 1961 hielt die Welt den Atem an. Der sowjetische Kosmonaut Juri Alexejewitsch Gagarin umrundete mit der Wostok 1 als erster Mensch die Erde. In den USA und der westlichen Welt war man entsetzt oder erstaunt, die Sowjetunion und der „Ostblock“ feierten Gagarin als Helden. Haftete solcher Art Heldenverehrung oft etwa steifes an, so war Gagarin wirklich populär. Deutlich wurde dies auch im Oktober 1963 in Erfurt. Tausende Menschen jubelten dem jungen Offizier der Luftwaffe bei seinem Besuch in der Bezirksstadt zu. Prof. Holt Meyer von der Universität Erfurt hat sich mit der Wirkung Gagarins auf seinen Reisen durch die befreundeten Länder am Beispiel des Erfurt-Aufenthaltes beschäftigt. Er sieht in ihm die „visuelle Evidenz“ für die „ethische und politische Überlegenheit des Sozialismus“. Sprich, der volksnahe Kosmonaut verkörperte wie kaum ein anderer die viel gepriesenen Vorzüge der sozialistischen Gesellschaft. Er war einer der wenigen echten Medienstars des Ostens.

Wie viel von dieser Spontanität der 1960er Jahre noch übrig war, als am 12. April 1986 das Erfurter Gagarin-Denkmal eingeweiht wurde, lässt sich schwer sagen. Es fand am 25. Jubiläumstag des ersten bemannten Raumfluges seinen Platz an der sozialistischen Mustermagistrale Juri-Gagarin-Ring, die bereits 1964 so benannt worden war. Statt des 1968 bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten Gagarin repräsentierte nun der erste Deutsche im All die vermeintliche Überlegenheit des Sozialismus. Zum netten, zurückhaltenden Erzgebirgler Sigmund Jähn schien diese Rolle allerdings nicht so recht zu passen. Da mutet es fast symbolisch an, wenn die Büste auf Granitsockel von Lew Kerbel einen Zweitguss des Denkmals in der Moskauer Allee der Kosmonauten darstellt. Euphorische Heldenverehrung war in der späten DDR schwierig geworden.

Befreit vom einstigen Wettstreit der Systeme und Weltanschauungen, steht das Gagarin-Denkmal im 50. Jubiläumsjahr des Raumfluges für einen enormen Fortschritt der Menschheit und einen wirklich populären Weltraum-Pionier. Deshalb war es auch richtig, das Denkmal nach der friedlichen Revolution 1989 nicht als offiziöses Monument der DDR und ihres „großen Bruders“ Sowjetunion einfach zu beseitigen. Die in Aussicht genommene Verschönerung des eher tristen Umfeldes vor den elfgeschossigen „Wohnscheiben“ kann die Wirkung nur verbessern. Als Beispiel sozialistischer Monumentalplastik, geschaffen von einem der führenden Vertreter dieses Genres, hat es selbst bereits Denkmalcharakter gewonnen. (Foto: Dr. Steffen Raßloff)


PS: 2012 wurde das Umfeld des Denkmals durch Bepflanzung in Form eines Raktetenschweifes ansprechender gestaltet (Thüringer Allgemeine vom 02.06.2012).


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt