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Johannes Lang Grabstein

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Grabstein von Johannes Lang identifiziert

Ein Gesicht für den Reformator Erfurts

Der verschollene Grabstein von Martin Luthers Freund und Weggefährten Johannes Lang wurde von Historiker des Erfurter Geschichtsvereins identifiziert.


Den „unbekannten Reformator Erfurts“ hat Andreas Lindner von der Universität Erfurt Johannes Lang einmal genannt. Der Theologe spielt darauf an, dass die Erinnerung an den Freund Luthers längst verblasst ist. Das hat auch ganz konkrete Gründe: Es gibt kein Bild des Mannes und sein Grab gilt als verschollen. Zugleich macht Lindner aber die große Bedeutung Langs deutlich. Er gehörte zu den ältesten Mitstreitern Luthers, hat ihm als Übersetzer und Bildungsreformer wichtige Anstöße gegeben. Ihr gemeinsamer Weg hatte mit dem Eintritt ins Erfurter Augustinerkloster 1505/06 begonnen. Der Prior trat 1522 aus dem Kloster aus und galt bis zu seinem Tode 1548 als Oberhaupt der evangelischen Prediger der Stadt.

Begraben wurde Lang in der Michaeliskirche. Seit dem 19. Jahrhundert galt seine Grabstätte jedoch als verschollen. 2013 stellte Rolf-Torsten Heinrich in seinem „Erfurter Wappenbuch“ dann eine spektakuläre These auf. Anhand des Familienwappens und weiterer Indizien glaubte er im Hof der Kirche das Epitaph Langs gefunden zu haben. Der Erfurter Historiker Tim Erthel war davon geradezu elektrisiert. Sollte der „Reformator Erfurts“ kurz vor dem großen Reformationsjubiläum 2017 buchstäblich wieder ein Gesicht bekommen?

Nun begann die Detektivarbeit des Historikers, da die bisherigen Indizien für eine zweifelsfreie Zuordnung nicht ausreichten. Vergleiche mit anderen Grabsteinen aus der Zeit und schriftliche Quellen sprachen für Heinrichs Vermutung. Den Durchbruch brachte ein Fund im Archiv des Evangelischen Ministeriums im Augustinerkloster. Ein Verzeichnis der Grabsteine der Michaeliskirche samt Lageplan von 1704 enthielt nahe dem Altar mit der Nummer 15 den Grabstein Johannes Langs. Die 15 findet sich auch auf dem Stein als eingemeißelte arabische Ziffer. Damit war der eindeutige Beweis erbracht.

Erthel konnte auch das weitere Schicksal des Steins rekonstruieren. 1820 waren bei einer Erneuerung der Kirche die Grabsteine mit der Sichtseite nach unten auf dem Fußboden verlegt worden. Bei Sanierungen Ende des vorigen Jahrhunderts schaffte man sie dann in den Hof. Der Grabstein Langs hat bei alldem gelitten, weißt erhebliche Schäden und Verwitterungen auf. Da es sich um ein bedeutendes Denkmal der Reformationsgeschichte handelt, hofft nicht nur Tim Erthel jetzt auf eine baldige Sanierung und Aufstellung in der Michaeliskirche. Johannes Lang erhielte damit an seiner einstigen Wirkungsstätte wieder einen konkreten Erinnerungsort. Trotz aller Beschädigungen könnte man dort in ein Gesicht mit individuellen Zügen schauen.

Die weite Welt der Wissenschaft wird im kommenden Frühjahr ausführlich über die spektakuläre Entdeckung unterrichtet. Tim Erthel veröffentlicht seine Erkenntnisse dann in der Zeitschrift des Erfurter Geschichtsvereins, dessen Vorstand er angehört. Für die „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt“ ist dies in ihrer Jubiläumsausgabe eine echte Bereicherung. 1865, also genau 150 Jahre zuvor, war der erste Band erschienen. Rasch entwickelten sich die „Mitteilungen“ zu einem angesehenen Fachorgan, das heute in zahlreichen Bibliotheken des deutschsprachigen Raums und teils darüber hinaus gelistet ist. (Foto: Tim Erthel)

(Dr. Steffen Raßloff, 06.12.2014 Thüringer Allgemeine)


Lesetipp:

Tim Erthel: Der „Reformator Erfurts“ nimmt Gestalt an. Zur Wiederauffindung des Grabsteins von Johannes Lang in der Michaeliskirche. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt. Bd. 76 (2015). S. 6-21.


Siehe auch: Johannes Lang, Lutherstadt Erfurt, Reformationsjubiläum 2017, Erfurter Geschichtsverein