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Gartenbauunternehmen N.L. Chrestensen

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Gartenbauunternehmen N.L. Chrestensen

Beitrag der Serie Mythos Blumenstadt in der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (28.04.2007)


Hinaus in die Welt

Mythos Blumenstadt (6): Das Gartenbauunternehmen Chrestensen

Der Ruf der Blumenstadt hatte Niels Lund Chrestensen aus dem dänischen Jütland nach Erfurt geführt. Er sollte diesen Ruf gehörig befördern. Seit 1867 betätigen sich mittlerweile fünf Generationen dieses Familienunternehmens erfolgreich als „Lieferanten für die Gärten der Welt“.


Niels Lund Chrestensen (1840-1914) war der älteste Sohn eines dänischen Bauern in Jütland. Er lernte das Gärtnerhandwerk bei C. Jensen in Aarhus. Zur weiteren Ausbildung ging er 1864 nach Erfurt, das schon zu dieser Zeit eine einmalige Dichte an Gartenbauunternehmen von Weltruf und verschiedenen Spezialisierungsrichtungen aufwies. In mehreren Firmen betätigte er sich als Gehilfe und Obergärtner.

1867 begann Chrestensen mit einer Binderei von prächtigen Blumensträußen und Kränzen. Das von ihm erfundene Trockenverfahren machte die Blumen länger haltbar und sorgte rasch für regen Absatz. 1874 erweiterten Kunst- und Handelsgärtnerei sowie Krobflechterei die Produktpalette. Der florierende Samenhandel machte „N.L. Chrestensen“ schließlich um die Jahrhundertwende zur Weltfirma. Die internationalen Märkte wurden seit 1896 auch von einem Verkaufsbüro in London aus koordiniert. Die Weltausstellung 1893 in Chicago endete mit der Ehrung durch die Große Columbus Medaille, zu der hunderte andere Preise hinzu kamen.

Zugleich gehörte Chrestensen als Vertreter der bürgerlichen Honoratiorenschaft dem Vorstand des 1898 gegründeten „Erfurter Spar- und Bauvereins“, einem katholischen Kirchenvorstand und dem „Bürger-Schützen-Corps 1463“ an, Ausrichter des beliebten Schützenfestes. Zugleich trat er als Spender und Stifter auf. Auch seine Nachkommen blieben diesem ehrenamtlichen Engagement treu, ebenso wie dem wirtschaftlichen Erfolg der Firma. Sie konnten auch die Rückschläge durch den Ersten Weltkrieg kompensieren, selbst das 1914 geschlossene Büro in London nahm 1926 seinen Betrieb wieder auf.

Ähnlich wie bei Kakteen-Haage blieb die Familientradition trotz aller Restriktionen sogar über die DDR-Zeit hinweg gewahrt. Nach Überführung des Betriebes in Volkseigentum 1972 verblieb Inhabersohn Niels Lund Chrestensen im Betrieb für die Blumensamenzucht und -vermehrung verantwortlich. Nach der Reprivatisierung 1990 übernahm er als Geschäftsführer die Leitung der Firma. Mit gärtnerischem Versandhandel, Fleurop-Blumendienst, Samen- und Pflanzenhandel konnte N.L. Chrestensen wieder eine internationale Marktposition aufbauen. Im Stammhaus in der Marktstraße und im 1994 eingeweihten Lager- und Logistikzentrum im Brühler Feld, dem traditionellen Firmenstandort, herrscht reges Treiben. Rund 100 Mitarbeiter erfüllen die Kundenwünsche von Hobbygärtnern ebenso wie von Gärtnereien und Handelspartnern in aller Welt. Über 1.000 verschiedene Arten und Sorten, darunter mehr als 200 Eigenzüchtungen stehen heute im Sortiment.

Auch die Stellung von Firmenchef Niels Lund Chrestensen als Präsident der Erfurter Industrie- und Handelskammer, der einst auch ein Friedrich Benary vorstand, verweist auf die wirtschaftliche Bedeutung des Gartenbaus bis auf den heutigen Tag. Mit Chrestensen und Kakteen-Haage verfügt Erfurt noch immer über zwei Gartenbauunternehmen von internationalem Ruf. Hier lebt der alte Mythos Blumenstadt jenseits von egapark, Fachhochschule oder Gartenbaumuseum weiter und wird buchstäblich Tag für Tag in die Welt hinaus getragen. (Foto: privat)


Lesetipp:

Martin Baumann/Steffen Raßloff (Hg.): Blumenstadt Erfurt. Waid - Gartenbau - iga/egapark. Erfurt 2011.


Siehe auch Geschichte der Stadt Erfurt, N.L. Chrestensen