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Evangelischer Bund

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Evangelischer Bund

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (13.04.2013)


Hüter protestantischer Interessen

DENKMALE IN ERFURT (93): 1886 wurde in der symbolträchtigen Lutherstadt Erfurt der Evangelische Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen gegründet.


Mit der Gründung des Kaiserreiches 1871 stieg die evangelische Kirche zur stärksten Konfession im neuen deutschen Nationalstaat auf. In enger Bindung an die einzelstaatlichen Monarchen, die zugleich als Oberhäupter der Landeskirchen fungierten, pflegten viele Protestanten ein konservativ-nationales Weltbild. Mit den staatlichen Eliten um Reichskanzler Bismarck teilte man auch die Abneigung gegen die vermeintlichen „Reichsfeinde“ aus Katholizismus und Sozialdemokratie. Die Verfolgungen in den 1870er und 1880er Jahren sorgten freilich für eine Festigung von deren Milieus. Durch den eng an das Papsttum angelehnten politischen Katholizismus und die atheistische Sozialdemokratie sah sich die evangelische Kirche gleichermaßen herausgefordert.

In diesem historischen Umfeld kam es 1886 zur Gründung des „Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“. Es galt aus Sicht der Initiatoren für die in 27 Landeskirchen aufgespaltene Evangelische Kirche einen starken Interessenverband zu schaffen. Die prägende Persönlichkeit war der Landeshauptmann der Provinz Sachsen, Wilko Levin Graf von Wintzingerode-Bodenstein, der dem Bund bis 1907 als Präsident vorstehen sollte. Das in Erfurt beschlossene Programm führte zum Gründungsaufruf vom 15. Januar 1887. Als wichtigste Anliegen galten die Wahrung evangelischer Interessen gegenüber dem politischen Katholizismus und „dem Indifferentismus und Materialismus der Zeit“. Mit letzterem zielte man auf die Sozialdemokratie, aber auch auf die zunehmende Liberalisierung der Gesellschaft. Zugleich sollten der innerevangelische Frieden und der Ausbau von landeskirchlichen Beziehungen gefördert werden.

Jener wichtigste protestantische Verband, der es bis 1914 auf eine halbe Million Mitglieder brachte, wurde am 5. Oktober 1886 in Erfurt gegründet. Hieran erinnert seit 1926 eine Gedenktafel am Haus Predigerstraße 10. Dort befand sich damals „Steiniger’s Hotel“. In Erfurt hatten sich besonders der preußische Oberregierungsrat und Vorsitzende des Geschichtsvereins Wilhelm von Tettau, Senior Rudolphi von der Predigerkirche und Pfarrer Bärwinkel engagiert. Die Wahl für Erfurt als Veranstaltungsort war kein Zufall. Zum einen ist die gute Erreichbarkeit in der Mitte des Reiches zu bedenken, die Erfurt wenige Jahre später auch zum Ort des wegweisenden SPD-Parteitages 1891 und noch vieler anderer wichtiger Ereignisse werden ließ. Für die Gründer des Bundes spielte aber auch die symbolische Seite eine große Rolle. In Luthers Universitätsstadt, wo mit dessen Eintritt ins Augustinerkloster 1505 der Weg zur Reformation begann, sollten dem Protestantismus erneut wichtige Impulse gegeben werden.


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Lutherstadt Erfurt, 500. Reformationsjubiläum 2017