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Erfurter Fürstenkongress 1808

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Der Erfurter Fürstenkongress 1808

Ausgewählte Beiträge aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (veröffentlicht 2008)


Mittelpunkt der Weltpolitik

Fürstenkongress 1808 (1): Die Augen der Welt richteten sich 1808 für zwei Wochen auf Erfurt


Vor 200 Jahren hat Napoleon die “Kaiserliche Domäne” Erfurter mit seinem Fürstenkongress in den Mittelpunkt der Weltpolitik gerückt. Bis zum 200. Jubiläumstag am 27. September wird eine TA-Serie wichtige Aspekte des Treffens mit Zar Alexander I. beleuchten.

Napoleon Bonaparte, seit 1804 Kaiser der Franzosen, war bis zum Erfurter Fürstenkongress als genialer Feldherr von Sieg zu Sieg marschiert und hatte große Teile Europas unterworfen. Allerdings hatte sein Nimbus 1808 einen ersten Knacks bekommen. Bei einem Volksaufstand in Spanien gegen seinen als König eingesetzten Bruder Joseph mussten französische Truppen erstmals schwere Niederlagen hinnehmen. Napoleon plante nunmehr einen Feldzug nach Spanien. Vor dem Aufbruch nach Westen galt es jedoch, im Osten für Rückendeckung zu sorgen. Besonders das 1807 Russland abgerungene Bündnis sollte erneuert werden.

Für dieses wichtige Treffen wählten Napoleon und Zar Alexander I. (Abb. Stadtmuseum Erfurt) Erfurt als Veranstaltungsort. Die Festungsstadt war seit der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 von französischen Truppen besetzt und unterstand seit 1807 als “kaiserliche Domäne” direkt Napoleon. Dieser konnte also den Hausherren spielen, ohne dass der Zar nach Frankreich reisen musste. Letzterer wiederum besaß verwandtschaftliche Beziehungen ins nahe Weimar, wo seine Schwester Maria Pawlowna als Schwiegertochter von Herzog Carl August lebte.

Am 27. September 1808, einem “herrlichen Herbsttag”, so Chronist Constantin Beyer, zog Napoleon unter Jubel und Glockengeläut im Brühler Tor ein. Anschließend empfing er den Zaren bei Linderbach und zog mit ihm gemeinsam in die Stadt. Noch lange erinnerte man sich in Erfurt an Napoleons Ausspruch: “Ich will Deutschland durch Pracht und Glanz in Erstaunen setzen.” Der Kongress bestand im Grunde nur aus Besuchen, Bällen, Ausflügen, Paraden, Illuminationen. Napoleon empfing in der Statthalterei ganz im Stile des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Gäste zum Morgenempfang, darunter auch am 2. Oktober den deutschen “Dichterfürsten” Goethe. Am Abend speiste er gewöhnlich gemeinsam mit dem Zaren, den deutschen Königen und ausgewählten Gästen.

Bei “Pracht und Glanz” ist besonders an die allabendlichen Theateraufführungen der Comédie-Française im aufwändig sanierten Universitätsballhaus zu denken, dem heutigen Kaisersaal. Vor Napoleon und Alexander nebst einem “Parkett von Königen” sollten die Mimen um den berühmten Schauspieler François-Joseph Talma mit klassischen französischen Tragödien beeindrucken. Während der Aufführungen wurde auch von den eigentlichen Hauptdarstellern, Napoleon und Alexander, effektvoll Theater gespielt. Die von Beyer beschriebene Aufführung “Oedipe” von Voltaire am 3. Oktober ist ein Beispiel hierfür. Als der Darsteller des Philoktet ausrief: “Die Freundschaft eines großen Mannes ist eine Wohltat der Götter!”, erhob sich Alexander und umarmte Napoleon unter tosendem Beifall der hohen Gäste. Mit diesen Treuebekundungen war es freilich nicht allzu weit her. Keine vier Jahre später sollte Napoleon mit seiner Grande Armée zum Feldzug Richtung Moskau aufbrechen.


Die Aufmerksamkeit der Welt

Fürstenkongress 1808 (2): Napoleon und Zar Alexander schließen in Erfurt ein Abkommen

Erfurt war der einzige ernsthafte Versuch des Feldherren Napoleon, seine europäische Vorherrschaft auf diplomatischem Wege abzusichern. Durch das Abkommen mit dem letzten kontinentalen Rivalen Zar Alexander I. wollte sich der “große Korse” im Osten den Rücken für seine Machtpolitik frei halten.

Die Schwelle zur Neueren Geschichte wird von der Französischen Revolution seit 1789 markiert, der die Umwälzungen und langjährigen Kriege der “Napoleonischen Zeit” folgten. Zu den Schlüsselereignissen gehört die Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806, in der Napoleon Preußen besiegte und seine Vorherrschaft über Deutschland zementierte. Erfurt erlangte einen ganz besonderen Status. 1806 hatten französische Truppen die gewaltige Festung kampflos besetzt, 1807 erhob man es zur “Kaiserlichen Domäne”, die direkt Napoleon unterstellt war. Das bedeutsamste Ereignis, das sich während jener “Franzosenzeit” bis 1814 in Erfurt abspielte, war der Fürstenkongress Napoleons im Herbst 1808.

Napoleon Bonaparte, seit 1804 Kaiser der Franzosen, war in den Jahren zuvor als genialer Feldherr von Sieg zu Sieg marschiert. Er hatte große Teile Europas französischer Herrschaft unterworfen, Satellitenstaaten mit Familienangehörigen an der Spitze errichtet und die übrigen Großmächte besiegt. Der verbliebene weltpolitische Rivale England sollte durch eine Kontinentalsperre in die Knie gezwungen werden. Kurz, Napoleon genoss den Ruf eines schier unbezwingbaren Herrschers über Europa.

Allerdings hatten französische Truppen 1808 in Spanien erstmals herbe Niederlagen einstecken müssen. Dies veranlasste Napoleon zur Planung eines Feldzuges. Zuvor galt es, im Osten für Rückendeckung zu sorgen. Das 1807 in Tilsit mit Zar Alexander I. abgeschlossene Bündnis sollte erneuert werden, um insbesondere Österreich in Schach zu halten. Natürlich verfolgte auch Russland eigene Interessen. Letztlich galt es also die Interessen der beiden Großmächte Frankreich und Russland abzugleichen. “Die Aufmerksamkeit der Welt ist jetzt auf Thüringens bethürmte Hauptstadt gerichtet” - so konstatierte Kajetan Arnold in seinem Bericht “Erfurt in seinem höchsten Glanze” (1808).

Nach zähen Verhandlungen kam eine Vereinbarung zustande, in der sich der Zar gegen weitreichende Zugeständnisse zu einer Bündniserneuerung bekannte. Russland hatte jetzt u.a. freie Bahn für die Besetzung von Finnland und osmanischer Gebiete im heutigen Rumänien. Im Gegenzug sicherte Alexander neben einem Friedensappell an England Napoleon Unterstützung gegen Österreich zu. Gleichzeitig sandte er freilich ein Geheimschreiben an den österreichischen Kaiser Franz I., dass er im Kriegsfall nichts zu befürchten habe. Was war nun über das damit praktisch wertlose Bündnis das Besondere am Erfurter Fürstenkongress? Der erfolgreiche Feldherr Napoleon hatte sich erstmals auf Verhandlungen auf Augenhöhe eingelassen, während er bisher immer besiegten Gegnern seine Bedingungen diktiert hatte. Erfurt war damit zugleich auch der letzte ernsthafte Versuch, eine europäische Ordnung auf diplomatischem Wege zu errichten. So leitete Napoleons Russlandfeldzug 1812 schließlich eine europäische Neuordnung auf kriegerischem Wege ein.


Erfurt in seinem höchsten Glanze

Fürstenkongress 1808 (3): Das Treffen bestand in erster Linie aus einem glänzenden Rahmenprogramm

Der Erfurter Fürstenkongress Napoleons prägte den Typus der modernen Gipfeltreffen. Bis hin zu den heutigen G-8-Treffen dienen sie mit äußerer Prachtentfaltung der Demonstration von Bedeutung und Macht.

Mit der Entscheidung für Erfurt als Ort des Treffens zwischen Napoleon und Zar Alexander I. setzten vor Ort hektisch Vorbereitungen ein. Die “Kaiserliche Domäne” sollte sich von ihrer besten Seite zeigen. Viele Gebäude der Stadt wurden aufwändig saniert, die Straßen ausgebessert, Feierlichkeiten vorbereitet, Spruchbänder aufgehängt. Hierbei überschlug sich bisweilen die Phantasie der Erfurter, die aus einer Mischung von Napoleon-Begeisterung, Hoffnung aus positive Effekte des Treffens und Untertanengeist gespeist wurde. Auf einem der Spruchbänder war zu lesen: “Gäbs jetzt noch einen Göttersohn / So wärs gewiß Napoleon.”

Der Kaiser nahm seinen Sitz im ehemaligen kurmainzischen Statthalterpalais am Hirschgarten, der heutigen Thüringer Staatskanzlei. Das repräsentativste Profangebäude der Stadt wurde herausgeputzt und mit Möbeln und Accessoires im Empire-Stil ausgestattet. Im Barocksaal trafen sich die beiden großen Monarchen, denen die eingeladenen 34 Rheinbundfürsten einschließlich der Könige von Bayern, Sachsen, Württemberg und Westphalen als Statisten dienten.

Nicht zuletzt mit äußerer Prachtentfaltung und kulturellen Leistungen galt es die Deutschen und den Zaren zu blenden. Noch lange erinnerte man sich in Erfurt an Napoleons Ausspruch: “Ich will Deutschland durch Pracht und Glanz in Erstaunen setzen.” Der ganze Kongress bestand im Grunde nur aus Besuchen, Bällen, Ausflügen, Paraden, Illuminationen. Napoleon empfing in der Statthalterei im Stile des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Gäste zum Morgenempfang, darunter den deutschen “Dichterfürsten” Johann Wolfgang von Goethe. Bei “Pracht und Glanz” ist besonders an die abendlichen Theateraufführungen der Comédie-Française im Kaisersaal zu denken. All die hochrangigen Herrschaften sahen “Erfurt in seinem höchsten Glanze”, wie Kajetan Arnold seinen noch 1808 veröffentlichten Bericht des Erfurter Fürstentages betitelte.

So hat Erfurt eine neue Form von Gipfeltreffen kreiert, die bis zu heutigen G-8-Treffen im Grunde beibehalten wurde. Fortan sollten wichtige Zusammenkünfte von Monarchen und Staatschefs stets von aufwändigen Rahmenprogrammen begleitet werden. Mehr noch, ging und geht es in erster Linie um Zurschaustellung von Bedeutung und Macht - die große Politik als farbenprächtiges Schauspiel, der Kongress als Bühne. Die eigentlichen Verhandlungen dagegen wurden und werden meist im Verborgenen abgehalten. In Erfurt konnte am Ende des Kongresses jenseits der beiden Kaiser und weniger Eingeweihter keiner so recht sagen, worum es denn nun eigentlich gegangen sei. Der Weimarer Beobachter Karl von Stein brachte es ironisch auf den Punkt: “Das Lustigste bei dem Erfurter Aufenthalt war, dass niemand wusste, was mit der Zusammenkunft aller dieser hohen Häupter gemeint sei. Ich glaube, sie wussten es selbst nicht, den einzigen ausgenommen, der sie versammelt hatte.”


Ein Parkett von Königen

Fürstenkongress 1808 (4): Im heutigen Kaisersaal spielte die Comédie-Française

Napoleons Versuche, mit “Pracht und Glanz” den Zaren und die deutschen Monarchen zu beeindrucken, fanden in den Theateraufführungen im Kaisersaal einen ihrer Höhepunkte. Die berühmte Comédie-Française spielte allabendlich klassische französische Tragödien.

Bei “Pracht und Glanz” des Erfurter Fürstenkongresses ist besonders an die allabendlichen Theateraufführungen der berühmten Comédie-Française zu denken, die Napoleon eigens aus Paris nach Erfurt beordert hatte. Sie fanden in jenem Gebäude statt, das noch heute als Kultur- und Kongresszentrum Kaisersaal zu den renommiertesten Adressen Thüringens gehört. Auf jene legendären Veranstaltungen vor Kaiser Napoleon und Zar Alexander nebst einem “Parkett von Königen” kann sich der Kaisersaal berufen, wenngleich der Name des Hauses auf die deutsche Reichsgründung von 1871 zurück geht.

Die Mimen um den berühmten Schauspieler François-Joseph Talma sollten mit der Aufführung klassischer französischer Tragödien beeindrucken. Freilich bedurfte es hierzu zunächst angestrengter Restaurierungsarbeiten, damit, so Chronist Constantin Beyer, der Kontrast zum “Genius eines Voltaire, Racine und Corneille” nicht allzu groß sei. Die Auswahl der Stücke traf der große Theaterliebhaber Napoleon höchst persönlich. Den klassischen Themen sollten zudem politische Botschaften unterlegt werden, die die Größe des französischen Herrschers herauszustellen hatten. In diesem Sinne ist wohl auch das Angebot an Goethe zu verstehen, als Napoleons Gast in Paris ein Drama über Cäsar zu verfassen.

Am 28. September begannen die Aufführungen mit dem Trauerspiel “Cinna” von Pierre Corneille. Beyers Schilderung lässt die Wirkung dieser Theaterabende erahnen: “Das festlich mit 5 Krystallkronen und einer Menge Doppel-Wandleuchter erhellte Haus war heute fast mit Zuschauern überfüllt, obgleich nur eine gewisse Anzahl Billets ausgegeben wurden. Die beiden Kaiser traten gegen halb 8 Uhr ins Theater. Ein glänzenderes Parterre dürfte man übrigens wohl selten finden. Die Versammlung bestand fast ganz aus regierenden Fürsten, Erbprinzen, Marschällen von Frankreich, Staatsministern und Generalen. Wo man nur hinsah, schimmerten blitzende Sterne, Ordensbänder und Schärpen dem Auge entgegen. Die Künstler spielten alle mit dem Feuer und Gefühl, wie sichs bei einer solchen Gelegenheit und vor einer solchen Versammlung erwarten ließ. Besonders ließ Talmas Spiel und Deklamation nichts zu wünschen übrig.” Freilich war es nur wenigen “Normalsterblichen” gelungen, an den Theaterabenden teilzunehmen. Für die meisten Bürger blieb nur der staunende Blick auf die prachtvollen Kutschen, die die Futterstraße, den Wenigemarkt und die Johannesstraße verstopften.

Auch von den eigentlichen Hauptdarstellern, Napoleon und Alexander, wurde effektvoll Theater gespielt. Die Aufführung des “Ödipus” von Voltaire am 3. Oktober ist ein Beispiel hierfür. Als der Darsteller des Philoktet ausrief: “Die Freundschaft eines großen Mannes ist eine Wohltat der Götter!”, erhob sich Alexander und umarmte Napoleon unter tosendem Beifall der Gäste. Mit diesen theatralischen Treuebekundungen der beiden Kaiser war es realpolitisch freilich nicht allzu weit her. Keine vier Jahre später sollte Napoleon 1812 mit seiner “Grande Armée” zum verhängnisvollen Feldzug Richtung Moskau aufbrechen.


Der arme Chronist

Fürstenkongress 1808 (5): Kajetan Arnold schrieb den ausführlichsten Bericht über das Treffen

Der Erfurter Schriftsteller Theodor Ferdinand Kajetan Arnold schrieb noch im Jahre 1808 den ausführlichsten Bericht über Napoleons Erfurter Fürstenkongress. Er ist als kommentierter Faksimiledruck pünktlich zum 200. Jahrestag des Ereignisses wieder zugänglich.

“Erfurt in seinem höchsten Glanze” - so betitelte der Erfurter Schriftsteller, Jurist, Musiker und Philosoph Theodor Ferdinand Kajetan Arnold seinen zweibändigen Bericht über den Erfurter Fürstenkongress 1808. In 24 Briefen beschreibt er detailliert im Tagebuchstil das Treffen Napoleons mit Zar Alexander von Russland samt drei Duzend weiterer Monarchen in seiner “Kaiserlichen Domäne” Erfurt.

Die zwei Wochen vom 27. September bis zum 14. Oktober 1808 waren geprägt von ungeheurem kulturell-gesellschaftlichen Aufwand, der mit zum Kalkül des Kaisers der Franzosen gehörte. Noch lange erinnerte man sich in Erfurt an Napoleons Ausspruch: “Ich will Deutschland durch Pracht und Glanz in Erstaunen setzen.” Arnold hält jenes Feuerwerk an herrschaftlicher Prachtentfaltung in seiner 1808 erschienenen Chronik, die also noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse entstanden ist, am ausführlichsten fest.

200 Jahre später hat die Stadt Erfurt den Fürstenkongress zum kulturellen Jahresthema erhoben. Für den Verein “Stadt und Geschichte”, Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift, war dies Anlass, den Autor Arnold und sein Werk wieder dem weitgehenden Vergessen zu entreißen. Im Erfurter Ulenspiegel-Verlag erschien unlängst der Faksimiledruck der Ausgabe von 1808 “Erfurt in seinem höchsten Glanze während der Monate September und Oktober 1808". Er wird ergänzt von einem Aufsatz zum historischen Hintergrund des Erfurter Treffens von Dr. Horst Moritz und einer biographischen Skizze über Arnold von Thomas Kaminski.

Kaminski schreibt, dass sich Arnold in seiner Schrift keineswegs völlig vom Glanz der Ereignisse blenden lässt. Den Zeitgenossen dürfte vielmehr der Bezug auf die kritische Schrift “Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung” (1806) des Nürnberger Buchhändlers Johann Philipp Palm, der auf persönlichen Befehl Napoleons erschossen worden war, deutlich gewesen sein. In eine Bitte der Erfurter Bürgerschaft an den Kaiser gekleidet schildert auch Arnold die zahlreichen Beschwernisse für die Erfurter Bürger seit der französischen Besetzung 1806.

Hiervon war im übrigen auch Arnold selbst in hohem Maße betroffen. Der Universitäts-Dozent und Schriftsteller fristete mit seiner Familie ein zunehmend elenderes Dasein. Trotz enormer Produktivität mit geschätzten 80 Romanen und wissenschaftlichen Fachschriften reichte es kaum mehr zum Nötigsten. Am 13. Oktober 1812 starb Arnold mit nur 38 Jahren in seiner Heimatstadt. Ein amtlicher Bericht spricht davon, dass er “im eigentlichen Sinne verhungert” sei. Seine bekannteste Schrift aber lebt bis heute fort und ist nun wieder einer breiten Leserschaft zugänglich.


Siegesfeier und Treibjagd

Fürstenkongress 1808 (6): Auch Jena und Weimar mit ihrem Umland waren Schauplätze

Mit einem pompösen Festakt auf dem Jenaer Schlachtfeld von 1806 und einer aufwändigen Jagd bei Ettersburg wurde auch das Erfurter Umland Schauplatz des glanzvollen Fürstenkongresses 1808.

Das spektakulärste und auch bis heute umstrittenste Ereignis des Fürstenkongresses jenseits der Erfurter Stadtmauern fand auf dem ehemaligen Schlachtfeld bei Jena statt. Hier hatte Napoleon im Oktober 1806 Preußen besiegt. Weimars Herzog Carl August, damals preußischer General, beteiligte sich entgegen anders lautender Darstellungen der älteren Geschichtsschreibung durchaus an den Huldigungen für Napoleon. Mehr noch, richtete er am 7. Oktober 1808 auf dem Windknollen oberhalb Jenas, also auf seinem Staatsgebiet, eine pompöse Festlichkeit aus, bei der der Sieger von 1806 im Mittelpunkt stand.

Organisator der ganzen Veranstaltung war kein geringerer als Staatsminister Goethe. Nahezu alle klassischen Elemente der Huldigung waren präsent: ein Napoleon-Ehrentempel auf dem Gipfel des Hügels, hunderte Jenaer Bürger mit begeisterten “Vivat!-Rufen”, untertänigste Abordnungen von Stadt und Universität usw. Napoleon erklärte dem Zaren auf einer von Carl August präsentierten Karte den Schlachtenverlauf. Anschließend wurde in einem pittoresk nachempfundenen Biwak-Lager opulent gefrühstückt.

So manchem Zeitgenossen mag, auch wenn man jetzt friedlicheren Zeiten entgegen zu gehen hoffte, dieses symbolpolitische Spektakel zwei Jahre nach der blutigen Niederlage gegen die französischen Armeen wenig gefallen haben. Das galt wohl nicht zuletzt für die nachmittägliche Hasenjagd. Freilich betätigte sich Napoleon, der ja gar nicht der Ausrichter war, auch hier als milder Herrscher. Ähnlich wie in Erfurt bedachte er die Jenaer Universität großzügig und ließ der 1806 arg in Mitleidenschaft gezogenen Saalestadt erhebliche Mittel als Wiedergutmachung zukommen.

Am Vortage war Schloss Ettersburg zum Schauplatz hochadeliger Repräsentationsvergnügungen geworden. Das von Carl August als Jagdschloss genutzte Anwesen erlebte seine größte und prominenteste Jagdveranstaltung unter Beteiligung von Zar Alexander I. und Napoleon. Der Erfurter Chronist Kajetan Arnold hat dieses Ereignis in seiner Beschreibung des Erfurter Fürstentages festgehalten. Die beiden Monarchen und ihr Anhang bestiegen am Schmidtstedter Tor ihre Jagdchaisen, die “gleich Wolkenwagen leicht über die Fluren dahin rollten”. Arnold weiter: “Die Jagd selbst war äußerst prächtig. Die Landleute der Umgegend hatten den ganzen vorhergehenden Tag und die Nacht treiben müssen, und es war eine ungeheure Menge Wild aufgebracht worden. Ein großer Platz war mit Jagdtüchern umhangen, und in dessen Mitte ein großes prächtiges Jagdzelt errichtet.”

Eine erhebliche Zahl an Tieren, aussichtslos in die Enge getrieben, fiel den herrschaftlichen Büchsen zum Opfer. Arnold berichtet allein von mehr als 40 Stück Rehe und Hirsche. Aus den Städten der Umgebung kamen Scharen von Schaulustigen. Das Ganze trug, neudeutsch gesprochen, einen ausgesprochenen Eventcharakter, dem am Abend noch Theaterbesuch und Hofball in Weimar folgten. Die Ettersburger Jagd fügte sich damit nahtlos in die schier endlose Reihe der Repräsentationsveranstaltungen des Erfurter Fürstenkongresses ein.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Denkmal für Zar Alexander, Kaisersaal Erfurt, Napoleonstein, Goethe, Thüringen und Frankreich seit Napoleon