Eduard von Hagen Angermuseum

Eduard von Hagen und das Angermuseum

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Thüringer Museen haben es schwer in dieser Zeit. Nicht erst die jüngste Finanzkrise lässt ihre Mitarbeiterzahlen und Finanzzuweisungen aus der öffentlichen Hand kontinuierlich schrumpfen. Um so mehr kommt es neben großzügigen institutionellen Fördermittelgebern auf engagierte Bürger an. Ein Blick in die Geschichte könnte hierbei Hoffnung machen, geht doch die Gründung des Städtischen Museums in Erfurt vor 123 Jahren ganz wesentlich auf die Initiative eines Bürgers zurück, des Malers Eduard von Hagen (1834-1909). Der Neffe Friedrich von Nerlys (1807-1878) konnte mit der Nachlassschenkung des bedeutenden Landschaftsmalers die zunächst wenig begeisterten Stadtväter 1886 zur Eröffnung einer Gemäldegalerie im heutigen Angermuseum (Abb. Stadtarchiv Erfurt) bewegen. Damit war der Grundstein nicht nur für das renommierte Kunstmuseum der Landeshauptstadt gelegt, sondern zugleich für die breit angelegte Museumslandschaft unserer Tage.

Der vor 100 Jahren, am 13. Dezember 1909 verstorbene Hagen entstammte einer Erfurter Möbelfabrikantenfamilie. Finanziell weitgehend unabhängig, betätigte er sich als Historienmaler. Seine Gemälde mit historischen und religiösen Motiven werden nach wie vor auf dem Kunstmarkt gehandelt und hängen in Erfurter Kirchen. Sein eigentliches kulturgeschichtliches Verdienst liegt jedoch in der Initiative für das Angermuseum. Hagen fasste Anfang der 1880er Jahre den Entschluss, wertvolle Kulturgüter seiner Heimatstadt zu sammeln und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zwar war das Interesse für Kultur und Geschichte der Stadt erwacht; auch legten Bürger und Vereine wie der Verein für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt (1863) erste Sammlungen an. Sie konnten dabei auf ältere “Raritätenkabinette” oder Relikte des für den neogotischen Neubau (1869/75) abgerissenen alten Rathauses zurückgreifen.

Dennoch datiert der Anstoß für ein städtisches Museum auf den 2. Februar 1882 mit einem Schreiben Hagens an Oberbürgermeister Richard Breslau, in dem er auch unter Verweis auf die fremdenverkehrfördernde Wirkung eine solche Einrichtung anmahnt. Der enthusiastische Kulturfreund sollte jedoch zu spüren bekommen, dass Erfurt seinerzeit “eine Geschäftsstadt mit vorwiegend materiellen Interessen” war, “an geistigem Leben kaum über das Kleinstadtniveau sich erhebend”, wie Stadtarchivar Alfred Overmann befand. Das durchaus verdienstvolle Stadtoberhaupt Breslau und sein Stadtbaurat Spielhagen lehnten das Projekt ab. Freilich ließ sich Hagen davon nicht entmutigen und bewies Eigenschaften, die nach wie vor in der Kulturpolitik unentbehrlich sind: Hartnäckigkeit und gute Beziehungen. Schon im Juni 1883 veranlasste er den Sohn des 1878 in Venedig verstorbenen Landschaftsmalers Friedrich von Nerly, dessen Nachlass an die Stadt Erfurt zu schenken.

Der Sohn eines Postsekretärs aus Erfurt hatte in der Lagunenstadt, wo er seit 1835 ansässig war, als Künstler große Bekanntheit erlangt. Nerly fand hier die Sujets seines Lebens. Allein die “Piazzetta bei Mondschein” soll er 36 mal gemalt haben. Sein reiches spätromantisches Oeuvre kam nun seiner Geburtsstadt Erfurt zugute. Laut Overmann, der später die Leitung des Museums übernahm, umfasste die Schenkung mehrere hundert Ölbilder, Skizzenbücher, Zeichnungen und einige druckgrafische Arbeiten. Da die Bilder ausdrücklich in einem Museum ausgestellt werden sollten, sah sich der Magistrat nun zur Freude des Nerly-Neffen Hagen veranlasst, Räume zur Verfügung zu stellen. Damit schlug die Geburtsstunde des Angermuseums, wenngleich die Anfänge noch recht bescheiden waren. Die preußische Oberzolldirektion stellte die Hälfte der ersten Etage des ehemaligen kurmainzischen Waage- und Packhofes zur Verfügung. Am 27. Juni 1886 öffnete dort die Gemäldegalerie, wobei die Nerly-Werke um deutsche, niederländische und italienische Malerei aus Berliner Museen ergänzt wurden.

Damit hatte eine wechselvolle Erfurter Museumsgeschichte ihren Anfang genommen. Zunächst Domäne einer bildungsbürgerlichen Oberschicht des Kaiserreiches, blühte das seit 1912 hauptamtlich geführte, rasch um weitere Sammlungsgebiete und Standorte erweiterte Städtische Museum auf. Durch seine Entwicklung zum Brennpunkt moderner Kunst in den 1920er Jahre sorgte es für Furore, geriet in die Mühlen der beiden deutschen Diktaturen, um heute in seiner Ausdifferenzierung eine wichtige Facette im Kulturleben Erfurts zu bilden. Ab Sommer 2010 wird das Angermuseum nach langjähriger Sanierung und Neukonzeption als Kunstmuseum mit Gemäldegalerie, mittelalterlicher Kunst, Plastik, Zeichnungen und Graphik, Kunsthandwerk und nicht zuletzt dem Heckel-Raum wieder seine Pforten öffnen. Dann sind auch durch Eduard von Hagen vermittelte Werke Nerlys, Auslöser für die Einrichtung eines städtischen Museums, wieder dem Publikum zugänglich.


Text: Steffen Raßloff: Eduard von Hagen und die Gründung des Angermuseums. In Kulturjournal Mittelthüringen 6/2009. S. 32.