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Der "Mustergau" Thüringen im Nationalsozialismus

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"Mustergau" Thüringen im Nationalsozialismus

Thüringen war Vorreiter für die Machtergreifung der Nationalsozialisten und "Mustergau" im Dritten Reich


War Thüringen im Dritten Reich so etwas wie ein „Mustergau“? Die regionale NSDAP unter Gauleiter Fritz Sauckel erhob jedenfalls diesen Anspruch. Der Gau Thüringen habe sich vor der „Machtergreifung“ 1933 „seit Jahren auf Vorpostenstellung befunden“ und danach einen erheblichen „Anteil am Befreiungswerk“ Deutschlands gehabt. Gerne gab man sich selbst das Etikett „Trutzgau des Führers“. Wofür aber sprechen die historischen Fakten? Thüringen spielte unbestritten eine Vorreiterrolle für den Aufstieg der NSDAP in der „Kampfzeit“ vor 1933. Hier bildete sich in den 1920er Jahren eine der frühen Hochburgen der Partei, hier fand 1926 der erste Reichsparteitag nach dem Hitler-Putsch statt, auf dem die Hitler-Jugend gegründet wurde, hier gelangten 1930 erstmals Nationalsozialisten auf Ministersessel und hier erfolgte 1932 die „vorgezogene Machtergreifung“ mit der Regierung Sauckel.

Im Dritten Reich ging die NSDAP Thüringens bei der politischen und rassistischen Gewaltherrschaft wiederholt voran, bündelte erfolgreich regionale Machtkompetenzen, setzte in der Wirtschaftspolitik Akzente, nutzte die Ausstrahlung des Kulturlandes um Hitlers „Lieblingsstadt“ Weimar, die zu einer „Muster-Gauhauptstadt“ ausgebaut wurde. In der Schlussphase des Krieges sollte Thüringen mit unterirdischen Rüstungsprojekten, geheimnisumwitterten Auslagerungen und einem mutmaßlichen Führerhauptquartier im Jonastal zur letzten „Festung“ des Dritten Reiches werden, wobei tausende Häftlinge und Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Sogar die Technik für den Massenmord in den Konzentrationslagern stammte aus Thüringen.

Thüringen hat also bei Aufstieg, Herrschaft und Verbrechen der NS-Diktatur eine wichtige, teils herausgehobene Rolle gespielt. Unermüdlich war die Gauleitung bis zum bitteren Ende bemüht, es in den verschiedensten Bereichen als „Mustergau“ zu profilieren. Häufig ist ihr dies gelungen, wobei tatsächlicher Stellenwert und propagandistische Überhöhung nur schwer zu trennen sind. Im internationalen kollektiven Gedächtnis ist Thüringen jedenfalls mit Blick auf das Dritte Reich fest verankert. Mit dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald befindet sich in Nachbarschaft Weimars der bekannteste Erinnerungsort an die Verbrechen des Nationalsozialismus in Deutschland. „Muster-Gauleiter“ Fritz Sauckel wurde als „Hitlers Sklavenhalter“, als Organisator des Zwangsarbeitereinsatzes im Zweiten Weltkrieg, 1946 vom Nürnberger Militärtribunal zum Tode verurteilt.


Steffen Raßloff: Der "Mustergau". Thüringen zur Zeit des Nationalsozialismus. München 2015.


> Interview mit dem Autor in Thüringische Landeszeitung (20.11.2014), Thüringer Allgemeine (11.10.2014)

> Thüringen im NS, Fritz Sauckel, Erfurt im NS, Drittes Reich, Geschichte Thüringens