geaendert am 5. Dezember 2015 um 09:03 ••• 6.473 Aufrufe

Collegium marianum Jodocus Trutfetter

Aus Erfurt-web.de

Wechseln zu: Navigation, Suche

Collegium marianum

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (23.03.2013)


Die berühmte Unterredung

DENKMALE IN ERFURT (90): 1518 traf sich Martin Luther in der Mainzerhofstraße mit seinem Lehrer Jodocus Trutfetter.


Nur wenige Bauwerke aus der großen Zeit der mittelalterlichen Universität Erfurt sind heute noch in ihrem Originalzustand im Stadtbild präsent. Das einstige Hauptgebäude, das 2011 rekonstruierte Collegium maius in der Michaelisstraße, besitzt daher umso größere Bedeutung. Schon das nur wenige Häuser weiter südlich gelegene Collegium amplonianum, Stiftung des berühmten Büchersammlers Amplonius von Rating, existiert nicht mehr. An dessen Stelle steht heute ein moderner Wohnkomplex. Das gleiche Schicksal ereilte auch das Collegium marianum in der heutigen Mainzerhofstraße 11. Es war Sitz der Juristischen Fakultät und eines der großen Kollegien. Gestiftet hatte es 1448 der Kanoniker am Marienstift Heinrich Gerbstedt. Das Kolleg stand auch Theologen offen, genoss aber v.a. durch die Juristen im „Bologna des Nordens“ einen hervorragenden Ruf.

In der Reformationszeit erwarb sich das Kolleg zudem den Ruf einer bedeutsamen Lutherstätte. Martin Luther hatte zwar im Sommer 1505 nach Absolvierung der Philosophischen Fakultät das begonnene Studium der Rechte bald abgebrochen und war ins Augustinerkloster eingetreten. Daher kam keine engere Bindung an das Juristen-Kolleg zustande. Zudem ist nicht sicher, ob er hier oder im Collegium amplonianum kurzzeitig den juristischen Studien nach ging. Allerdings fand im Mai 1518 ein wichtiges Gespräch zwischen dem Reformator und einem seiner Erfurter Lehrer statt, dem bedeutenden scholastischen Gelehrten und Universitäts-Rektor Jodocus Trutfetter. Zum Bedauern Luthers lehnte Trutfetter die reformatorischen Ideen ab.

Anders als bei Trutfetter fanden die lutherischen Gedanken in großen Teilen der Universität und Bürgerschaft freudige Aufnahme. Seit der Reformation bekannte sich eine deutliche Bevölkerungsmehrheit zum neuen Glauben. Dadurch nahmen die Wirkungsstätten Luthers in Erfurt zunehmend den Charakter von Erinnerungsorten, ja teilweise fast schon von Wallfahrtsstätten wie beim Augustinerkloster mit seiner Lutherzelle an. Diese Orte galt es, besonders auf Initiative des Erfurter Geschichtsvereins, dementsprechend deutlich zu markieren. Auch der Nachfolgebau des Collegium marianum erhielt so schon im frühen 20. Jahrhundert eine Erinnerungstafel, auf der zu lesen steht: „Hier stand ehemals das Collegium Marianum, in dem Dr. Jodocus Trutfetter, der bedeutendste scholastische Philosoph seiner Zeit, am 9. Mai 1518 mit Dr. Martin Luther seine berühmte Unterredung hatte.“ Offensichtlich konnte man seinerzeit noch darauf vertrauen, dass der Gegenstand jener Unterredung allgemein bekannt ist. (Fotos: Dr. Steffen Raßloff)


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Luther und Erfurt, 500. Reformationsjubiläum 2017, Universität Erfurt, Geschichte der Stadt Erfurt