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Besatzerwechsel Amerikaner Russen 1945

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Besatzerwechsel 1945

Beitrag der TA-Serie 70 Jahre Kriegsende 1945 von Dr. Steffen Raßloff (18.04.2015)


„Die Russen kommen!“

70 Jahre Kriegsende (Schluss): Nach der Besetzung durch die Amerikaner am 12. April 1945 stand Erfurt die entscheidende historische Zäsur erst noch bevor.


Zwei Ausstellungen des Stadtmuseums sind vielen Erfurtern noch in lebendiger Erinnerung: „Die Russen kommen!“ 2005 und „Stoi!“ 2010. Sie beschäftigten sich mit der Besetzung Thüringens durch die sowjetische 8. Gardearmee von 1945 bis 1994. Beide Ausstellungen, erarbeitet von einem Team um Museumsdirektor Hardy Eidam, erregten großes mediales Aufsehen und zogen zahlreiche Besucher an. Allein die Installation „Stoi!“ auf dem Anger im Mai 2010 sahen fast 50.000 Besucher (Foto: Steffen Raßloff). Dabei war auch zu spüren, dass jene tiefe Zäsur in der Erfurter Stadtgeschichte noch immer sehr unterschiedlich eingeschätzt wird. Teils heftige Diskussionen entspannen sich über die Bewertung der Ereignisse 1945 als „Befreiung“, „Niederlage“ oder „Beginn der Unterdrückung“, über die Rolle der sowjetischen Besatzer und darüber hinaus über die Zeit der DDR bis 1989.

Hauptgrund für jene intensiven Diskussionen, die durchaus gewollt waren, dürften die nachhaltigen Auswirkungen jenes politischen Wandels nach 1945 gewesen sein, der auch jeden Erfurter mehr oder weniger persönlich betraf. Aus der Rückschau erwies sich die amerikanische Besetzung nach der Einnahme der Stadt am 12. April 1945 eher als Fußnote der Geschichte. Schon am 3. Juli rückten die US-Truppen ab und ihnen folgten entsprechend den Beschlüssen der alliierten Kriegskonferenzen die Sowjets. Viereinhalb Jahrzehnte sollten sie das Geschehen in ihrer Besatzungszone bzw. in der 1949 gegründeten DDR bestimmen. Ihre öffentliche Präsenz ging zwar im Laufe der Zeit zurück, zumal in Erfurt, das keine dauerhafte Garnison wurde. Dennoch war spätestens seit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 klar, dass die bis zu 450.000 Sowjetsoldaten den entscheidenden Rückhalt des SED-Staates darstellten, der den Weisungen aus Moskau in allen wichtigen politischen Fragen zu folgen hatte.

Unterstützt von den Besatzern brachte die SED auch in Erfurt rasch die Politik unter ihre Kontrolle. So hatten die Sowjets im Juli 1945 den Kommunisten Hermann Jahn, nach dessen Tod im Mai 1946 das SED-Mitglied Georg Boock zum Oberbürgermeister ernannt. Die einzige freie Kommunalwahl im September 1946 gewannen jedoch die liberale LDPD und die CDU. Der neue OB Paul Hach (LDPD) wurde daraufhin verhaftet und musste auf sein Amt verzichten. Fortan brauchte die SED dank „Einheitslisten“ keine Angst mehr vor „falschen“ Wählerentscheidungen haben und stellte bis 1990 den OB. Während „die Partei“ Staat und Gesellschaft beherrschte, wurde auch die Wirtschaft durchgreifend verstaatlicht. Dennoch sollte man ebenso wie der DDR-Geschichte allgemein auch der sowjetischen Besatzungsmacht eine differenzierte Betrachtung widmen, zumal es nicht nur schlechte Erfahrungen mit dem „großen Bruder“ gab. Und nicht zuletzt ist daran zu erinnern, dass es der von den Nationalsozialisten entfesselte blutige Vernichtungskrieg war, der die Sowjetarmee 1945 nach Deutschland geführt hatte.


Siehe auch: Erfurt im Nationalsozialismus, Ausstellung "Stoi!" (2010)