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Alte Feuerwache Bürgeramt

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Alte Feuerwache (Bürgeramt)

Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (16.02.2013)


Denkmal für mutige Männer

DENKMALE IN ERFURT (85): Vom neuen Bürgeramt am Ring rückte einst die Feuerwehr zu ihren Rettungseinsätzen aus.


Seit einigen Monaten herrscht in dem prächtigen historistischen Gebäude am Ring Ecke Trommsdorffstraße wieder reges Treiben. Da, wo einst die Erfurter Berufsfeuerwehr ausrückte um Brände zu löschen, befindet sich heute das zentrale Bürgeramt der Stadt. Gemeinsam mit dem angrenzenden ehemaligen Hauptzollamt und einem Neubau ist hier eine großzügige Anlaufstelle für die verschiedensten bürokratischen Anliegen der Erfurter entstanden. Zugleich bleibt das Haus ein lebendiges Denkmal für jene mutigen Männer, die immer wieder ihr Leben für die Rettung Anderer aufs Spiel setzen. An der sanierten Fassade finden sich architektonische Details, die auf die frühere Verwendung des Gebäudes hinweisen. Neben der allegorischen Darstellung von Feuer und Wasser sei besonders auf die Sandstein-Medaillons verwiesen. Umgeben von einem Eichenkranz zeigen sie Attribute wie Feuerwehrhelm und gekreuzte Äxte. Die Jahreszahl 1913 weist auf die feierliche Einweihung vor genau 100 Jahren hin.

Einige Bürger hätten sich ihm Rahmen der Sanierung freilich noch etwas mehr Traditionspflege in Sachen Feuerwehr-Geschichte gewünscht. Denn die Brandbekämpfung hatte seit dem Mittelalter immer einen hohen Stellenwert. Berühmte Erfurter, wie Christian Reichart oder der Mainzer Statthalter von Dalberg sind eng mit der Feuerwehrgeschichte verbunden. Lange Zeit war es Aufgabe aller Bürger, bei Bränden mit Hand anzulegen. Erst im 19. Jahrhundert ging diese wichtige Aufgabe an die Berufsfeuerwehr über. Anfang des 20. Jahrhunderts konnte sie ihr neues Domizil beziehen, die heutige „alte Feuerwache“. Dies bedeutete eine enorme Verbesserung der Arbeitsbedingungen, zählte der Feuerwehr-Zweckbau mit seinen technischen Einrichtungen doch zu den modernsten im deutschen Kaiserreich.

So waren neben acht Wohnungen für Feuerwehrmänner mit ihren Familien auch Schlauchwäsche, Schlauchtrocknung, Schlauchreparaturwerkstatt, Schmiede, Tischlerei und Atemschutzgeräte-Übungsraum in dem Komplex untergebracht. Der 26 m hohe Schlauchturm diente zugleich von außen für Einsatzübungen mit Leitern. Sein Treppenhaus mit Leiterschacht wurde ebenfalls als Trainingsstätte für die Berufs- und Freiwillige Feuerwehr genutzt. Von alledem ist freilich so gut wie nichts mehr zu finden. 1995 zog die Erfurter Berufsfeuerwehr an die B 4 bei Marbach um. Das Gebäude stand lange leer, bis nach vergeblichen Verkaufsversuchen 2007 der Entschluss zum Umbau als Bürgeramt fiel. Im Zuge der Sanierung verschwanden fast alle Hinweise auf die rund 80-jährige Nutzung als Feuerwache. Besonders der Abriss des Schlauchturmes hat so manchen traditionsbewussten Jünger des Heiligen Florian geschmerzt. (Fotos: Dr. Steffen Raßloff)


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Mit Fotografien von Sascha Fromm (Thüringen Bibliothek. Bd. 11). Essen 2013.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt