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Novemberrevolution Erfurt

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Novemberrevolution 1918

Die Novemberrevolution 1918 war auch in Erfurt der Auftakt für das dramatische "Zeitalter der Extreme".


Auch in Erfurt hatte sich im August 1914 die durch den Wettstreit der Weltmächte und ihre nationalistisch-imperialistische Propaganda aufgeladene gewitterschwüle Atmosphäre über Europa in der Euphorie des Kriegsbeginns entladen. Die Presse überschlug sich in Treuebekenntnissen zu Kaiser und Vaterland. Zahlreiche Freiwillige meldeten sich bei den Einheiten der Garnison, dem 3. Thüringischen Infanterieregiment Nr. 71, dem 1. Thüringischen Feldartillerie-Regiment Nr. 19 und dem Jägerregiment zu Pferde Nr. 6. Der „Geist des August 1914“ wurde für viele Erfurter zum unvergesslichen Erlebnis. Neben die patriotische Haltung des Bürgertums trat die Bereitschaft zur Landesverteidigung durch große Teile der sozialdemokratischen Arbeiterschaft.

Die Stimmung wandelte sich jedoch angesichts immer größerer Verluste an den Fronten und Entbehrungen in der Heimat zu wachsender Kriegsmüdigkeit. Die Überbrückung der gesellschaftlichen Gegensätze im “Burgfrieden” von 1914 war nur oberflächlich. Das Kaiserreich der Hohenzollern verlor nicht nur in der Arbeiterschaft, sondern auch im bürgerlichen Mittelstandes an Rückhalt. Im Oktober 1917 registrierte Oberbürgermeister Hermann Schmidt besorgt: „Die gegenwärtige Stimmung der Bevölkerung in Bezug auf die politische Lage ist eine höchst unerfreuliche, so daß sie zu schlimmen Befürchtungen für die Zukunft Veranlassung gibt. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich andauernd, gut ist sie nur bei denen, die von dem Kriege finanzielle Vorteile haben.“

Das entscheidende revolutionäre Potenzial bildete die Industriearbeiterschaft, v.a. die Rüstungsarbeiter. Die gemäßigte Haltung der SPD- und Gewerkschaftsführung, Zugeständnisse des Staates, aber auch die strenge Kriegsgesetzgebung verhinderten jedoch bis in die Novembertage 1918 hinein offene Auflehnung. Unter der Oberfläche aber schwelte es längst, ehe der militärische Zusammenbruch die Flammen zum Auflodern brachte. Über die Haltung zum Krieg hatte sich zuvor die SPD gespalten. Im April 1917 erfolgte die Gründung der USPD (Unabhängige SPD) in Gotha. Neben der dortigen SPD-Ortsgruppe, die geschlossen zur USPD übertrat, gehörte auch Erfurt zu den Hochburgen der neuen Partei in Thüringen. Mit der russischen Revolution im November 1917 erhielt die links der SPD stehende Arbeiterbewegung weiter Zulauf. Als auch das Ausscheiden des revolutionären Rußlands aus dem Krieg und die große deutsche Offensive an der Westfront im Frühjahr 1918 keine entscheidende Wende brachten, war der Krieg für die Mittelmächte zudem nicht mehr zu gewinnen.

Im November 1918 wurde Erfurt rasch von der revolutionären Welle erfasst, die in den Marinehäfen Kiel und Wilhelmshaven ihren Ausgangpunkt hatte. Die Matrosen hatten sich dem sinnlosen Befehl widersetzt, zu einer letzten Schlacht gegen die überlegene britische Flotte auszulaufen. Am 9. November erreichte die Revolution Berlin, wo der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstages die Republik ausrief und sein Parteivorsitzender Friedrich Ebert Reichskanzler wurde.

Keimzellen der Erhebung in Erfurt waren die Belegschaften der großen Metall- und Rüstungsbetriebe sowie die Garnison. Bis zuletzt blieben die lokalen Spitzen von Gewerkschaften und Sozialdemokratie bemüht, den drohenden gewaltsamen Umsturz zu verhindern. Noch einen Tag vor Beginn des Aufstandes warnten sie in einer Versammlung vor dem „revolutionären Umschwung“ und drangen auf einen „legalen Weg“ der Umgestaltung von Staat und Gesellschaft. Die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft war aber nicht mehr zu kanalisieren und entlud sich nunmehr in offener Auflehnung. Am Nachmittag des 8. November begannen zuerst die Arbeiter der Maschinenfabrik Hagans in Ilversgehofen und der Gewehrfabrik im Brühl in Anknüpfung an die Kieler Ereignisse den Ausstand. Von Arbeitern weiterer Betriebe begleitet, zogen sie durch die Stadt und sammelten sich am Abend im Tivoli. In der Nacht wurde ein Arbeiterrat gebildet. Von der Erhebung wurde auch die Garnison mitgerissen. In der Nacht zum 9. November bildeten die Soldaten des Artillerie-Regimentes in der Rudolfstraße einen Soldatenrat, das Infanterie-Regiment auf dem Petersberg schloss sich an. Wenig später erfasste die Rebellion auch die Jäger in Daberstedt. Am Morgen besetzte man schließlich die Kommandantur am Anger und entwaffnete alle Offiziere. Der Soldatenrat nahm Kontakt zum Arbeiterrat auf.

Am Morgen des 9. November hatte der Streik die Arbeiterschaft nahezu aller Betriebe erfasst, lediglich die Eisenbahner und Stadtwerker hielten die Versorgung der Stadt aufrecht. Bis 10 Uhr versammelte sich auf dem Friedrich-Wilhelmsplatz (Domplatz) laut Tribüne eine „nach mehreren Tausenden zählende Menschenmenge“. Vor dieser imposanten Kulisse verkündete der Arbeiter- und Soldatenrat (ASR) die Ziele der Revolution, bemühte sich aber auch weiter um eine Beruhigung der Situation. Am Ende wurde ein Aufruf verlesen, dem die Menge begeistert zustimmte. Als Ziel steckte sich darin der ASR, umgehend „mit Regierung und Stadtverwaltung in Verbindung zu treten, um die Kontrolle über den gesamten Verwaltungsapparat übernehmen zu können“. Unter Ansprache der „Arbeiter und Bürger Erfurts“ betonte man, die schwere Zeit gemeinsam bewältigen zu wollen, garantierte die „strengste Ordnung“ sowie „die Sicherheit der Person und des Eigentums“. Die Bürger forderte man auf, vertrauensvoll am Aufbau „wahrer Demokratie in Staat und Gemeinde“ mitzuwirken.

Diese Haltung hatte in der siegessicheren und auf Frieden hoffenden Arbeiterschaft Zustimmung gefunden. Viele Arbeiter sahen die Revolution auf einem guten Wege, da nicht nur die Monarchie gestürzt worden war, sondern auch alte sozialistische Forderungen wie der Achtstundentag umgesetzt wurden. Sie vertrauten ihrem Rat, an dessen Spitze mit Paul Reißhaus die Vaterfigur der Erfurter Sozialdemokratie stand. Der ASR machte sich noch am 9. November an die Festigung seiner Stellung. Zunächst verpflichtete man Magistrat und Oberbürgermeister Hermann Schmidt, alle wichtigen Entscheidungen dem Rat vorzulegen und ließ Reißhaus und Richard Friedrich (SPD) als Magistratsmitglieder kooptieren. Danach sprach eine Abordnung beim preußischen Regierungspräsidenten August Graf von Pückler im Regierungsgebäude am Hirschgarten vor, der sich bereit erklärte, zwei Delegierten Einblick in die wichtigsten Vorgänge zu gewähren.

Der ASR legte in der Folge auf Zusammenarbeit mit den Behörden und Bürgern großen Wert, ergriff vertrauensbildende Maßnahmen, indem etwa der Rundgang der Regierungswache auf die Bankhäuser Ullmann, Stürcke und Friedemann ausgedehnt wurde. Am 28. November vom Tivoli ins Regierungsgebäude umgezogen, erhielt der Rat ebenso wie die 50 Mann starke Volkswehr seine Mittel von der Staatskasse. Mitte November bis in den Dezember 1918 hinein trafen alle Erfurter Einheiten von der Westfront wieder in ihrer alten Garnison ein und wurden auf dem Friedrich-Wilhelmsplatz durch den Erfurter Oberbürgermeister Dr. Schmidt, den Regierungspräsidenten Graf Pückler und von Arbeiterrat Reißhaus begrüßt. Lediglich das Jägerregiment zu Pferde Nr. 6 kehrte nicht nach Erfurt zurück, sondern wurde nach Berlin verlegt. Auch in Erfurt lebten die alten friedensmäßigen Unterstellungsverhältnisse wieder auf, das Kommando der 38. Division übernahm formal wieder den Befehl auch über seine alten Erfurter Verbände.

Endgültig in seiner Haltung bestätigt sah sich der ASR durch die Entscheidung des Berliner Reichsrätekongresses vom 19. Dezember 1918 für die Wahlen zur Nationalversammlung und damit für eine demokratische Republik. Gegen langsam sich regenden Widerstand im linken Lager bekräftigte der ASR eine Woche vor den Wahlen am 12. Januar 1919 vor 10.000 Demonstranten auf dem Domplatz sein Bekenntnis zur Nationalversammlung und gegen jegliche „Gewaltherrschaft“. Dies nötigte selbst Regierungspräsident von Pückler Anerkennung ab, war es doch so gelungen, „die Stadt Erfurt bisher vor größeren Unruhen und Gewaltakten zu schützen“.

Doch die Entwicklung spitzt sich nach der Novemberrevolution auch in Erfurt während der Weimarer Republik weiter zu. In der 130.000 Einwohner starken, unruhigen Industriegroßstadt werden die Spannungen zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft immer größer. Während Teile des verunsicherten Bürgertums zunehmend für rechtes Gedankengut aufgeschlossen werden, besitzt die Arbeiterschaft in der neu gegründeten KPD, deren Ortsverein bereits am 2. Januar 1919 ins Leben tritt, jetzt neben der republiktreuen SPD eine linksradikale Partei, die sich den Kampf um eine Diktatur des Proletariats auf die Fahnen geschrieben hat. Die Spannungen entladen sich erstmals im Kapp-Putsch vom März 1920, der über Tage hinweg zu faktischem Kriegszustand führt. Am Ende beläuft sich die Opferbilanz auf 8 Tote und 79 teils schwer Verletzte. In den letzten Jahren der Republik leben die Auseinandersetzungen mit öffentlicher Gewalt wieder auf, jetzt v.a. in Form von Schlägereien zwischen Nazis und Kommunisten. Jene tiefen gesellschaftlichen Verwerfungen gehören letztlich mit zu den entscheidenden Voraussetzungen für die Entstehung der NS-Diktatur seit der “Machtergreifung” Hitlers am 30. Januar 1933. (Foto: Stadtarchiv Erfurt)


Text: Steffen Raßloff und Bernd Könnig: Die Novemberrevolution 1918 in Erfurt. In: Stadt und Geschichte 39 (2008). S. 26 f.


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: Bürgerkrieg und Goldene Zwanziger. Erfurt in der Weimarer Republik. Erfurt 2008.

Steffen Raßloff: Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur. Köln/Weimar/Wien 2003.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Erster Weltkrieg, Novemberrevolution in Thüringen