Kaufhaus Römischer Kaiser Erfurt

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Kaufhaus Römischer Kaiser

Beitrag der Serie Außen Quadrat - Innen Biedermeier von Dr. Steffen Raßloff (10.10.2009)


Kaufhaus Römischer Kaiser

Außen Quadrat - Innen Biedermeier (5): Das “KRK” steht für die “Goldenen Zwanziger” in Erfurt


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Die großen Kaufhäuser mit ihren modernen Werbeaktionen und preiswertem Warenangebot gehören zum Mythos der “Goldenen Zwanziger”. Zugleich fokussierte sich aber auf jene Einkaufstempel auch der Argwohn des bürgerlichen Mittelstandes, was sich der politische Rechtsextremismus zu Nutze machte, wie die Sonderausstellung im Stadtmuseum zeigt.

Das “Kaufhaus Römischer Kaiser” (KRK), die heutige Anger 1-Galerie, steht als größtes Kaufhaus in Thüringen symbolisch für die “Goldenen Zwanziger” in der pulsierenden Großstadt Erfurt. Mit modernen Werbemethoden wie beeindruckender Leuchtreklame, großzügiger Schaufenstergestaltung, großangelegten Anzeigen- und Plakataktionen und Angebotswochen lockte man die Kunden erfolgreich an. Der an manch ähnlichen Werbefeldzug unserer Tage erinnernde “Triumpf der Billigkeit!” bei hoher Qualität in einem wahren Einkaufstempel traf genau den Nerv der Zeit.

Am 23. März 1908 war das KRK, an dessen Stelle sich zuvor ein gleichnamiges Hotel befunden hatte, als eines der größten und modernsten Kaufhäuser in Deutschland eröffnet worden. Die jüdische Unternehmerfamilie Tietz stand hinter dem Vorhaben, das ganz auf die neue Warenhaus-Philosophie ausgerichtet war. Breiten Volksschichten sollte ein preiswertes Warenangebot in einem ansprechenden Umfeld nahe gebracht werden. Der heute wieder hergestellte Lichthof mit seiner Glaskuppel oder die Weltkugel auf dem Dach als Wahrzeichen des gründerzeitlichen Prachtbaues setzten architektonische Akzente.

Der Ansatz erwies sich auch bzw. gerade in den Krisenzeiten nach dem Ersten Weltkrieg als richtig. Mit Einsetzen der Erholungsphase der mittleren Zwanziger ging es wieder steil bergauf. 1926 musste sogar ein Erweiterungsbau in Richtung damaliger Krämpferring in Angriff genommen werden. Geheimnis des Erfolges war nicht zuletzt ein gut ausgebildetes Personal, das u.a. in einer eigenen Berufsschule rekrutiert wurde und manchen Vorzug wie Kantine, Bibliothek oder Kindergarten genießen konnte. Freilich wandte man zum Drücken der Preise auch Methoden an, die uns heute ebenfalls nicht fremd sind. So bekamen neue Verkäuferinnen in der Zeit des großen Ansturms nur zeitlich begrenzte Arbeitsverträge, um Krankenkassen- und Urlaubsansprüche zu vermeiden.

Die glitzernde Fassade kann aber nicht über die Probleme der Zeit hinwegtäuschen. Das KRK verdeutlicht vielmehr die Zwiespältigkeit der “Goldenen Zwanziger” in der Wahrnehmung der Zeitgenossen. Es wurde besonders vom krisengeschüttelten Mittelstand als elementare Bedrohung angesehen. Der Rechtsextremist Adolf Schmalix nutzte dies zu einer üblen Hetzkampagne gegen den “semitischen Einkaufstempel”, der sich im Besitz der jüdischer Kaufleute Siegfried Pinthus und Arthur Arndtheim befand. In seinem Wochenblatt “Echo Germania” malte er als Folge der Warenhäuser “die restlose Versklavung, Verknechtung, Entwurzelung unseres Volkes” an die Wand. So verband er ebenso wie die NSDAP Adolf Hitlers alltägliche Probleme der Menschen mit antisemitischen Vorbehalten, die das Feindbild vom “schmarotzenden Juden” untermauerten. (Foto: Stadtarchiv Erfurt)


Siehe auch: Galerie Anger 1/KRK, Erfurt in der Weimarer Republik, Antisemitismus in Erfurt, Adolf Schmalix, Anger