Bauhausjubiläum 2009

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Bauhausjubiläum 2009 - Erfurt in der Weimarer Republik

Ausgewählte Beiträge aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (veröffentl. 2008/09)


Dramatisch-schillernde Epoche

Bauhausjubiläum 2009: Das kommende Kulturjahr lenkt den Blick auf die Zeit der Weimarer Republik

Erfurt verkörpert beispielhaft jene dramatisch-schillernde Epoche. Zerrissen von Krisen und gesellschaftlichen Spannungen bis hin zum Bürgerkrieg, war es zugleich in den Goldenen Zwanzigern ein Brennpunkt moderner Kultur und städtebaulichen Aufschwungs. Hierauf macht eine neue TA-Serie aufmerksam.

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Denkt man die Weimarer Republik, dann kommen einem Straßenkämpfe, Demonstrationen und uniformierte Parteiarmeen ebenso in den Sinn wie moderne Kunst und Architektur, Kinoklassiker oder große Städtebauprojekte. In der 130.000 Einwohner zählenden Industriegroßstadt Erfurt gipfelten Spannungen zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft seit der Novemberrevolution 1918 im blutigen Kapp-Putsch vom März 1920. In den letzten Jahren der Republik gehörten Schlägereien und Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten zum Alltag. Nach nicht einmal anderthalb Jahrzehnten ging die erste deutsche Republik 1933 in der NS-Diktatur unter.

Bei so manchem Erfurter verklärte sich in jenen unruhigen Zeiten das 1918 untergegangene Kaiserreich zur “guten, alten Zeit”. Dies war der Nährboden für den Auftritt des „falschen Prinzen“ Harry Domela, der 1926 als Prinz Wilhelm von Preußen im Erfurter Hof logierte. Freilich orientierten sich immer mehr Bürger politisch um. Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise seit 1929 kam es zu einer förmlichen Flucht in die nationale Volksgemeinschaft der Nationalsozialisten. Dieser Rechtsruck war im November 1929 erstmals drastisch offenbar geworden. Der vorbestrafte Antisemit und Wochenblatt-Herausgeber Adolf Schmalix hatte die Kommunalwahl gewonnen. „Erfurt begeht moralischen Selbstmord“, vermeldeten die Zeitungen in ganz Deutschland.

Das kommende Kulturjahr wird aber zeigen, dass Erfurt in der Weimarer Republik keineswegs nur für Bürgerkrieg und politischen Radikalismus steht. Vielmehr spielte die vom liberalen Oberbürgermeister Bruno Mann geführte Stadt im Kulturleben jener Zeit eine weithin beachtete Rolle. Erfurt stand nicht nur in engem Austausch mit dem 1919 gegründeten Weimarer Bauhaus, sondern entwickelte sich selbst zu einem nationalen Brennpunkt moderner Kultur. Das heutige Angermuseum konnte unter den Direktoren Edwin Redslob, Walter Kaesbach und Herbert Kunze dank der Unterstützung des jüdischen Schuhfabrikanten Alfred Hess eine der größten und bedeutendsten Sammlungen des Expressionismus aufbauen.

Auch der Städtebau der Weimarer Republik hat Erfurt bis heute sichtbare Impulse verliehen. Die Vollendung des Nordparks mit dem Nordbad und der Stadion-Komplex waren wegweisende Großvorhaben. Die öffentlichen Bauten und Wohnviertel im Bauhausstil prägen das Stadtbild, das deutlich mehr Bauhaus zu bieten hat als etwa Weimar. Mit dem Flughafen am Roten Berg begann ein neues Kapitel der Verkehrsgeschichte, das Auto wurde zum Massenverkehrsmittel, Busverbindungen rückten das Umland näher an die Stadt heran. Das ausgebaute Kaufhaus Römischer Kaiser am Anger (Anger 1, Abb. Stadtmuseum, Dirk Urban) erzielte in den 1920er Jahren Rekordumsätze, in den Hotels, Restaurants und Varietés herrschte Hochbetrieb, das Leben pulsierte in jenen “Goldenen Zwanzigern”.

(TA vom 15.11.2008)


Die Beiträge:


> Angermuseum Erfurt Expressionismus

> Bauhaus-Architektur in Erfurt

> Städtebau Weimarer Republik

> Nordbad Weimarer Republik

> Kino Weimarer Republik

> Lutherkirche Erfurt

> Ludwig Boegl

> Stadtmarketing Weimarer Republik

> Erfurter Republik








Die verhinderte Erfurter Republik

Bauhausjubiläum 2009 (10): Erfurt bewarb sich 1918 erfolglos als Sitz der Nationalversammlung

Die Weimarer Republik hätte auch eine Erfurter Republik werden können. Die Bewerbung als Sitz der Nationalversammlung nach der Novemberrevolution 1918 scheiterte jedoch. Die Verfassung der ersten deutschen Republik wurde statt dessen im benachbarten Weimar ausgearbeitet.

Das Bauhausjubiläum 2009 rückt auch die Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung vom Juli 1919 in den Fokus der Erinnerungskultur. Dabei sollte man sich eine fast schon vergessene Episode der Erfurter Stadtgeschichte in Erinnerung rufen, die weitreichende Folgen hätte haben können. Sieben Jahrzehnte nach dem Erfurter Unionsparlament von 1850 nahm die “heimliche Hauptstadt” Thüringens noch einmal Anlauf, deutsche Hauptstadt- bzw. Parlamentswürden zu erlangen.

Infolge der Novemberrevolution 1918 galt es, dem Deutschen Reich eine neue Verfassung zu geben. Diese Aufgabe sollte eine Nationalversammlung übernehmen, für die man angesichts der Unruhen in Berlin einen Tagungsort suchte. Eine Reihe von Städten bewarb sich hierfür, darunter auch Erfurt. Am 30. November 1918 bildete die Stadtverordnetenversammlung einen Ausschuss, auf dessen Initiative hin der Magistrat am 5. Dezember einen Brief an den Volksbeauftragten Friedrich Ebert schickte: „Für die Tagung der Nationalversammlung, die nicht in Berlin, sondern in einer Stadt Mitteldeutschlands stattfinden soll, bringen wir Erfurt in Vorschlag. Die Versammlung würde in der hiesigen Predigerkirche stattfinden.“

In einem Schreiben vom selben Tag unterstützte auch der revolutionäre Erfurter Arbeiter- und Soldatenrat das Ansinnen der Stadtväter. Ausdrücklich verwies er „auf die historische Bedeutung Erfurts als Kongressort“, womit man „nicht nur das Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie“ von 1891 meinte, sondern „auch sehr wichtige andere Kongresse, den Fürstenkongress im Jahre 1808 und das Vorparlament des Jahres 1848“. In der Folge übersandte der Magistrat Fotos und Pläne des Predigerkloster-Komplexes, skizzierte nötige Umbauarbeiten, listete Unterkunftsmöglichkeiten auf. Kurzzeitig herrschte freudige Erwartungshaltung. Die Lokalpresse griff positive Signale auf, etwa einen Artikel der „Münchener Neuesten Nachrichten“, der Erfurt sogar schon als „Die künftige Hauptstadt Deutschlands“ handelte.

Freilich ließ Berlin auf ein erstes Dankschreiben nichts mehr von sich hören. Daher drängte der Magistrat auf eine Entscheidung, da „die Zeit für die nötigen Bauausführungen kurz bemessen sein“ wird. Am 22. Januar 1919 musste der „Erfurter Allgemeine Anzeiger“ schließlich enttäuscht vermelden: „Weimar Ort der Nationalversammlung“. Wesentlich für die Entscheidung gegen Erfurt dürfte der Charakter als unruhige Großstadt mit einem Heer von Industrieproletariern gewesen sein – gerade davor war man aus Berlin gewichen. Die beschauliche Kultur- und Beamtenstadt Weimar dagegen galt als sicherer Zufluchtsort, und man konnte sich auf den humanistischen „Geist von Weimar“ berufen. So traten vor 90 Jahren, am 6. Februar 1919, die Abgeordneten der Nationalversammlung erstmals im Weimarer Hoftheater zusammen und verabschiedeten im Juli die Verfassung der Weimarer Republik – und nicht der Erfurter Republik.

(TA vom 31.01.2009)


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Erfurt in der Weimarer Republik